#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst


Seit 1700 Jahren gibt es – urkundlich bestätigt – jüdisches Leben in Deutschland. Das haben die Evangelische Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz zum Anlass für eine Jahreskampagne genommen, die jüdisches und christliches Leben und Anlässe miteinander verknüpft. Der Name ist Programm: „#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst“ heißt es in Botschaften auf Plakaten und zum Hashtag #beziehungsweise in den sozialen Medien.

Das Bistum Speyer und die Evangelische Kirche der Pfalz mit ihren Gemeinden beteiligen sich zusammen mit der Jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz mit monatlichen Beiträgen an der Jahresaktion, um die Verbundenheit des Christentums mit dem Judentum aufzuzeigen. Ob digital oder lokal: „Auch und gerade im Blick auf die Feste wird die Verwurzelung des Christentums im Judentum deutlich. Mit dem Stichwort ‚beziehungsweise‘ soll der Blick auf die aktuell gelebte jüdische Praxis in ihrer vielfältigen Ausprägung gelenkt werden. Die Kampagne ist ein Beitrag zum Festjahr 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, heißt es auf der Webseite der bundesweiten ökumenischen Kampagne.

Die Plakataktion stellt in 14 verschiedenen Motiven im Jahresverlauf den Bezug zum Kirchenjahr her. Im Laufe des Jahres werden hier die Impulse dazu veröffentlicht.

Weitere Informationen:
www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de

Zum Start der Kampagne im Bistum

Veranstaltungen im Bistum:

https://www.keb-speyer.de/veranstaltungen/1700-jahre-juedisches-leben/

 


"Wir trinken auf das Leben"

Den Impuls für Februar im Rahmen von #bezieungsweise hat Luise Gruender, Pastoralreferentin in der Katholischen Hochschulgemeinde Landau/Germersheim/Speyer, geschrieben:

Purim – Fastnacht – …und im Jahr 2021 Corona

Verkleiden, Süßigkeiten, buntes Treiben und die Errettung vor dem bösen Hamam. Das hört sich vor allem jetzt in Zeiten der Corona-Beschränkungen äußerst attraktiv an.

Unsere jüdischen Mitbürger*innen feiern am 26. Februar das Purim-Fest. Oft wird an diesem Tag ein Theaterstück aufgeführt, das die Geschichte des Festes erklärt:

Perserkönig Ahaveros wurde von seinem Minister Hamam angestachelt, alle Juden in seinem Reich umbringen zu lassen. Dies sollte an einem besonderen Tag, den er durch das Los (= Purim) bestimmte, geschehen. Esther, die jüdische Ehefrau des Königs, erfuhr rechtzeitig davon. Sie fastete drei Tage lang und ließ die jüdischen Bewohner der Hauptstadt Susa dasselbe tun. So fühlte sie sich gestärkt und wagte es, den König in dieser brisanten Angelegenheit umzustimmen. Es gelang. Die Juden erhielten die Erlaubnis, sich an dem vom Los bestimmten Tag zu wehren und um ihr Leben zu kämpfen.

Deshalb findet noch heute vor Purim das Esther-Fasten statt. Am Festtag selbst wird ein Gedenkgottesdienst abgehalten. Es werden Musikinstrumente und Süßigkeitstüten in die Synagoge mitgenommen. Immer wenn während der Bibellesung der Name Hamans fällt, wird mit Rasseln kräftig Lärm gemacht. Alle sind fröhlich und essen gemeinsam die „Hamamtaschen“, die die Ohren des bösen Ministers Hamam darstellen sollen. Die Kinder kostümieren sich und dürfen in der Synagoge richtig laut sein.

Als Christen feiern wir – dieses Jahr am 15. und 16. Februar – seit etwa 800 Jahren Fastnacht. In seinen Anfängen war es ein Fest für die reichen Leute, die bei üppigen Gastmählern, Musik und Tanz für die kommende Fastenzeit vom sonstigen fröhlichen Leben Abschied nahmen. Für junge Adlige gab es Reiterspiele oder Fastnachtsspiele, die Schauspieler auf Märkten oder öffentlichen Plätzen aufführten. Daraus entwickelten sich im Spätmittelalter erste Maskenumzüge. Die Menschen wollten mit furchterregenden Fratzen die bösen Geister erschrecken und mit Rasseln und Pfeifen vertreiben. Große Freudenfeuer sollten alles Kalte und Dunkle vertreiben. Menschen feiern ausgiebig, tauschen dabei oft die Rollen, Politiker werden als Karikaturen auf die Straße geholt. Bei der Weiberfastnacht übernehmen die Frauen das Regiment über die Männer und machen sich einen Spaß daraus, ihnen Streiche zu spielen. Viele regional verschiedene Bräuche sind bis heute Höhepunkte im Gemeinschaftsleben der Dörfer und Städte, bevor die Fastenzeit beginnt.

Und dieses Jahr verbietet wohl der Schutz vor dem Coronavirus beide Traditionen des Feierns.
Trotzdem gilt: Purim feiert die Rettung des jüdischen Volkes vor der Vernichtung durch ein staatlich organisiertes Pogrom. Und im Karneval werden herrschende Verhältnisse auf den Kopf gestellt, bis am Aschermittwoch die Fastenzeit beginnt.

Deshalb gilt auch 2021 trotz aller Beschränkungen: „Auf das Leben – L’Chaim, Helau und Prost!“: „Wir trinken auf das Leben“, wie es auf dem vorliegenden Plakat so schön heißt, wenigstens im Kreis unserer Liebsten, denn wie wichtig das Leben ist, das erfahren wir zur Zeit besonders.

 


Im Januar widmet sich #beziehungsweise der Freude am Wort Gottes, das in beiden Religionen eine zentrale Rolle spielt. Jeden Sonntag wird aus der Bibel gelesen. Jeden Schabbat auch. Im Judentum und im Christentum gibt es verschiedene Traditionen der Auslegung. Sie erstaunen, sind manchmal widersprüchlich und ergeben einen Vielklang. So werden sie ein gemeinsamer Schatz.

Dr. Dr. Stefan Seckinger, Hochschulpfarrer in der Katholischen Hochschulgemeinde Kaiserslautern-Homburg, hat dazu einen Impuls geschrieben:

Im Anfang war das Wort -
Die Heilige Schrift verbindet mehr als sie trennt

Gedanken zur Schriftlesung im jüdischen und christlichen Gottesdienst

Wenn die Torahrolle im jüdischen Gottesdienst nach der Lesung emporgehoben wird, erklingt der Vers: ‚Ein Baum des Lebens ist sie denen, die an ihr festhalten; wer sie ergreift, ist glücklich.‘ Bei Katholiken heißt es nach der Lesung ‚Wort des lebendigen Gottes‘; im Christentum wird das Kreuz als ‚Baum des Lebens‘ bezeichnet. In beiden Religionen ist Gott der Lebendige - er schenkt Leben.

Die Torah wird nach der Lesung in einen Samtmantel gehüllt und feierlich durch die Synagoge getragen. An jedem Schabbat wird aus ihr vorgelesen; der entsprechende Abschnitt der 5 Bücher Mose gibt mit seinen Anfangsworten dem jeweiligen Tag seinen Namen. Für Christen gibt nicht der siebte Schöpfungstag (Samstag), sondern der erste Tag der Woche, der Sonntag, Anlass zum gemeinsamen Gottesdienst. Auch christliche Sonntage tragen zuweilen besondere Namen (etwa ‚Gaudete‘). Im Judentum wie im Christentum versammeln sich die Gläubigen also an einem bestimmten Tag der Woche zum Gebet, um auf das Wort Gottes zu hören.

Mit dem Fest der Torahfreude, Simchat Torah, endet der jährliche Lesezyklus: Die ganze Torah wurde einmal gelesen - und nun wird sogleich wieder im selben Synagogengottesdienst von vorne begonnen. Der letzte Wort des Buches Deuteronomium lautet ‚Israel‘, dann beginnt erneut das Buch Genesis mit der Erschaffung der Welt.

Die christliche Bibel ist mit den jüdischen Schriften größtenteils deckungsgleich. Hier wird weniger die Torah von den Propheten, Weisheits- und Geschichtsbüchern unterschieden, sondern das Alte Testament vom Neuen abgegrenzt. Da die heilige Schrift Jesus die Torah war, sind die 5 Bücher Mose allerdings nicht nur vom Evangelien her zu interpretieren, sondern umgekehrt erschließt sich das Evangelium von der Torah her.  

Impulse für uns Christinnen und Christen

  • Könnten wir nicht statt Lektionar und Evangeliar eine Bibel im Gottesdienst verwenden? Indem wir zwei Bücher einsetzen, unterscheiden wir nicht nur Lesungen und Evangelium, sondern trennen damit auch AT und NT. Aber die ‚Heilige Schrift‘ kann nur als ganze angemessen verstanden und interpretiert werden.
  • Die Evangeliumsprozession ähnelt jener der Torahrolle im Synagogengottesdienst. Aber so etwas wie einen Torahschrein gibt es in der Kirche nicht. Zuweilen bleibt der Evangeliumstext aufgeschlagen, aber auch ein separater Ort wäre denkbar, in dem die ‚Heilige Schrift‘ eine würdige Aufbewahrung findet. Generell bleibt der außerliturgische Umgang mit der Bibel im Christentum weit hinter der Verehrung der Torah im Judentum (bzw. dem Koran im Islam) zurück.
  • Die Leseordnung der christlichen Kirchen kennt keine ‚lectio continua‘, also das Lesen eines ganzen Buches oder gar des ganzen AT bzw. NT. Dadurch bleibt der Kontext unklar; die ‚Heilige Schrift‘ wird zum Steinbruch, alttestamentliche Abschnitte werden vom jeweiligen Evangeliumstext her ausgewählt. In der Katholischen Hochschulgemeinde Kaiserslautern haben wir in den letzten zwei Jahren während der Gottesdienste das ganze AT von vorne bis hinten gelesen. Es ist eine einzige Geschichte Gottes mit den Menschen.
  • Im Synagogengottesdienst sollen möglichst viele vorlesen, im christlichen Gottesdienst gibt es in der Regel nur einen Lektor bzw. eine Lektorin. Man wird zwar einwenden können, dass mit zu vielen Lesungen die ‚Messe‘ sich zu sehr in die Länge ziehen würde (wie in der Osternacht). Die vorgeschlagenen Impulse sehen sich aber gar nicht als Anregungen primär für eine sonntägliche Eucharistiefeier. Auch das können wir vom Judentum lernen: Heilige Schriften haben ihren eigenen Wert. In einer Wortgottesfeier (wie es der Synagogengottesdienst ist) spricht Gott in der Lesung zu uns. Im anschließenden ‚Bibelteilen‘ können wir uns dann fragen, was dies für unseren konkreten Alltag bedeutet. Jeder und jede ist eingeladen, der Heiligen Schrift im Alltag ein (sein/ihr) Gesicht zu geben. Wenn ich eines aus den Geschichten über Jesus und von seinen Worten gelernt habe, dann dies: Glaube wächst in der persönlichen Begegnung. Oder um es mit den Worten eines bekannten Advents- bzw. Weihnachtsliedes zu sagen: Das Wort will Fleisch uns werden!