#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst


Seit 1700 Jahren gibt es – urkundlich bestätigt – jüdisches Leben in Deutschland. Das haben die Evangelische Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz zum Anlass für eine Jahreskampagne genommen, die jüdisches und christliches Leben und Anlässe miteinander verknüpft. Der Name ist Programm: „#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst“ heißt es in Botschaften auf Plakaten und zum Hashtag #beziehungsweise in den sozialen Medien.

Das Bistum Speyer und die Evangelische Kirche der Pfalz mit ihren Gemeinden beteiligen sich zusammen mit der Jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz mit monatlichen Beiträgen an der Jahresaktion, um die Verbundenheit des Christentums mit dem Judentum aufzuzeigen. Ob digital oder lokal: „Auch und gerade im Blick auf die Feste wird die Verwurzelung des Christentums im Judentum deutlich. Mit dem Stichwort ‚beziehungsweise‘ soll der Blick auf die aktuell gelebte jüdische Praxis in ihrer vielfältigen Ausprägung gelenkt werden. Die Kampagne ist ein Beitrag zum Festjahr 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, heißt es auf der Webseite der bundesweiten ökumenischen Kampagne.

Die Plakataktion stellt in 14 verschiedenen Motiven im Jahresverlauf den Bezug zum Kirchenjahr her. Im Laufe des Jahres werden hier die Impulse dazu veröffentlicht.

Weitere Informationen:
www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de

Zum Start der Kampagne im Bistum

Veranstaltungen im Bistum:

https://www.keb-speyer.de/veranstaltungen/1700-jahre-juedisches-leben/

 


Tischa B´av: Israelsonntag – oder JERUSALEM

Der Impuls für Juli stammt von Dr. Dr. Stefan Seckinger, Hochschulpfarrer in der Katholischen Hochschulgemeinde Kaiserslautern-Homburg

Am 9. Tag des jüdischen Monats Av (Zeitraum Juli/ August) erinnern Jüdinnen und Juden an die Zerstörung des Jerusalemer Tempels (im Jahr 70 nach Christi Geburt). Analog dazu begeht die evangelische Kirche in Deutschland am 10. Sonntag nach Trinitatis den Israelsonntag.

Bis heute treffen sich im Judentum die Gläubigen an diesem Tag in den Synagogen, stimmen Klagegesänge an und fasten. Sie betrauern nicht nur den Verlust des Tempels, sondern damit ist auch die Diasporasituation verbunden: Die Vertreibung und Zerstreuung des Judentums in der Welt.

Die Suche nach Heimat prägt das Volk Israel nicht erst seit dem sogenannten „Babylonischen Exil“ (6. Jahrhundert vor Christus mit der ersten Zerstörung des Tempels), sondern von Anfang an: Abraham ist ein umherziehender Nomade, in Ägypten erdulden seine Nachfahren Sklaverei und Knechtschaft. Daher gilt Mose als der große Befreier im Alten Testament und Israel – auch und gerade in seiner Messiaserwartung – ist das Volk, dessen herausragendes Thema die Freiheit ist.

Das „Gelobte Land“ bleibt eine Verheißung Gottes an sein erwähltes Volk. Es muss nicht auf bestimmte Landesgrenzen beschränkt werden. Ebenso ist die Erfahrung der Anwesenheit Gottes nicht an den Jerusalemer Tempel oder an die dort aufbewahrte Bundelade beschränkt. „Jerusalem“, „Israel“, „Tempel“ – all das wird somit zum Symbol. Daher ist es meiner Meinung nach fragwürdig, den Tempel einfach wieder aufbauen zu wollen (mit der dazugehörigen Kultpraxis). Überall kann gebetet werden, an jedem Ort zu jeder Zeit können wir Gott persönlich begegnen – will er uns begegnen.

Dennoch ist es ein besonderes Erlebnis, nach Israel zu reisen, den Tempelberg zu besuchen, die Klagemauer zu sehen. Der Glaube braucht Verortung, Heimat. Wir können mit Jerusalem eine chaotische Stadt verbinden – zugleich aber und vor allem tiefe religiöse Sehnsucht. Jedenfalls ist diese „heilige Stadt“ der wichtigste Ort für Juden und Christen. Wer schon einmal dort gewesen ist, weiß, wovon ich rede.

Weiterführende Gedanken/ Impulse:
Der evangelische „Israelsonntag“ könnte auch katholischerseits rezipiert werden. Wie er sich kalenderbedingt nicht mit dem jüdischen Gedenktag deckt (2021 ist der Israelsonntag am 8. August, Tischa beAv am 18. Juli), so ist auch die inhaltliche Ausrichtung eine andere. Es geht der Kirche um den jüdisch-christlichen Dialog, auch um Versöhnungsarbeit. Die Erfahrung von Zerstörung und Vertreibung verpflichtet gerade uns in Deutschland zu Sensibilität, Gedenken und Engagement!

Dass der Tempel zerstört wurde und das Volk vertrieben, hat zwei Seiten: Dadurch wurden viele jüdische Gemeinden gegründet, die Religion verbreitete sich, anstelle des Opferkults bildete sich das rabbinische Judentum. Das Wort Gottes steht nun im Mittelpunkt der gottesdienstlichen Praxis. Wenn bei uns heute Christinnen und Christen eine spirituelle Heimat suchen, stehen sie vor einer Herausforderung, die das Judentum immer schon kennt – und sich zur Chance gemacht hat!

In Psalm 137 heißt es „Wenn ich dich je vergesse, Jerusalem, dann soll mir die rechte Hand verdorren“ – aus der Erfahrung des Exils, der Sehnsucht heraus gesprochen. Im Neuen Testament weint Jesus über Jerusalem (Lk 19,41), kurz darauf wirft er die Händler aus dem Tempel. Am Ende des Sederabends (Beginn des Pessach-Festes) und am Versöhnungstag (Jom Kippur) rufen sich die Gläubigen zu: „Nächstes Jahr in Jerusalem!“ Jerusalem hat also für das Judentum eine fundamentale Bedeutung – doch für uns Christinnen und Christen nicht minder! Am Ende des Films „Schindlers Liste“ erklingt das Lied „Jerusalem aus Gold“. In der christlichen Ableitung „Ihr Mächtigen, ich will nicht singen“ wird die „heilige Stadt Jerusalem“ zum Synonym für das himmlische Jerusalem. Es ist das Ziel unserer Suche nach Heimat (vgl. Phil 3,20).
 

 


Beim Namen gerufen - Namensgebung beziehungsweise Namenstag

Der Impuls für Juni stammt von Guido König, Hochschulseelsorger, KHG Kaiserslautern/Homburg

„Nomen est Omen“ wussten schon die alten Römer, womit sie wohl sagen wollten, dass Namen immer eine Bedeutung haben für diejenigen, die sie tragen.

Auch in unserem Kulturkreis bezeichnen häufig verbreitete Nachnamen wie Müller oder Bäcker nicht nur die Zugehörigkeit zu einer Familie, sondern sind häufig auch Ausdruck dafür, welchen Beruf zum Beispiel einer der Vorfahren in der Familie ausgeübt hatte, eben Müller oder Bäcker. Während unser Nachname uns also in die Reihe einer Familiengeschichte stellt, macht uns unser Vorname individuell unterscheidbar von anderen in der Familie. Er begleitet uns ein Leben lang.

Die Namensgebung im deutschen Sprachraum ist von germanischen, lateinischen und christlich-religiösen Traditionen bestimmt. So wurden lange bevorzugt die Namen christlicher Heiliger oder biblische Namen bei der Taufe in christlichen Familien an die Täuflinge vergeben.
Mit der Namensgebung ihres Kindes verbinden Eltern oft bestimmte Wünsche oder Eigenschaften für das Kind. Ein zweiter Vorname wurde dabei häufig in Anlehnung an Namen von Vorfahren gewählt, um die Tradition in der Linie der Familie zum Ausdruck zu bringen.

Namen werden im Christentum wie im Judentum im Zusammenhang mit religiösen Zeremonien den Kindern zugesprochen und öffentlich gemacht. Dabei wird sowohl der Name des Kindes öffentlich verkündet, als auch seine Beziehung zu Gott und zur jeweiligen religiösen Gemeinschaft zum Ausdruck gebracht. Mit der Feier ihres Namenstages erinnern sich Christen an ihre religiösen Namensvorbilder (Heilige).

Im Schöpfungsbericht der Bibel gibt Gott allem Geschaffenen einen Namen (Gen 1). Gott offenbart dem Mose seinen eignen Namen als der „Ich bin der Ich sein werde“ (Ex 2,3). Er ruft jeden Menschen bei seinem Namen (Jes 43,1) um sich seinem Volk Israel zu offenbaren als der Gott, der die Menschen bei ihrem Namen kennt und bei ihnen sein will.

Jemanden mit seinem Namen anzusprechen schafft Beziehung. Beziehung zwischen Menschen und auch Beziehung zwischen Gott und Mensch.

 

 


„Spirit bewegt…“: Schawuot beziehungsweise Pfingsten

Der Impuls zum Pfingstfest in Rahmen von #beziehungsweise stammt von Pastoralreferentin Luise Gründer, Katholische Hochschulgemeinde Landau/Germersheim/Speyer

An Schawuot wird der lebensstiftende Geist der Zehn Gebote gefeiert, an Pfingsten die Gemeinschaft stiftende Kraft des Heiligen Geistes.
Am Vorabend des Schawuot-Festes kam einmal ein Gottesleugner zu einem Rabbi, um mit ihm über diesen Feiertag zu diskutieren. Eigentlich suchte er nach einem Anlass, um sich über die jüdischen Bräuche lustig zu machen. „Rabbi“, sagte er, „Ich habe herausgefunden, warum wir Juden zu Schawuot nur Milchiges essen.“ Der Rabbi begriff sofort, dass er ihn zum Narren halten wollte und antwortete nur: „Lass hören!“ Lacht ihm der Gottesleugner ins Gesicht und erklärt: „Man isst deshalb Milchiges, weil am Tag, an dem uns die Thora gegeben wurde, doch alles Rindvieh zum Berg Sinai lief.“ Lächelt der Rabbi und gibt ihm recht: „Gut gesagt! Bevor wir Juden die Thora beim Berg Sinai angenommen haben, waren wir wirklich wie Rindvieh. Wir wussten von nichts, nichts von guten Taten, nichts von Menschlichkeit. Erst durch die Annahme der Thora wurden wir Menschen. Aber jene Juden, die bis zum heutigen Tag die Thora nicht angenommen haben, sind Rindvieh geblieben.“

Diese kleine Anekdote erzählt über den Sinn des jüdischen Schawuot-Festes, das genau fünfzig Tage nach dem Pessachfest begangen und gefeiert wird. Es ist das zweite der drei jüdischen Wallfahrtsfeste und hat eine historische und eine auf die Natur bezogene Bedeutung:

Religiös historisch erinnert das Fest an die Verkündigung der Zehn Gebote. Mose erhielt diese am Berg Sinai während der Wanderung des Volkes Israels von Ägypten zurück in seine Heimat, das gelobte Land. Diese Gebote gehören zu den ersten formulierten Sittengesetzen in der Geschichte der Menschheit. So heißt es im Buch Exodus 22,20: „Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen.“

Auf der Anerkennung dieser Gebote durch die Israeliten beruht der Bund zwischen Gott und seinem Volk. Es hat die Verpflichtung übernommen, die göttlichen Gebote zu befolgen und sie in der Welt zu verbreiten. In diesem Sinne ist die Formulierung „auserwähltes Volk“ zu verstehen.

Außer der großen Synagogenfeier ist kein besonderer Brauch mit dem Fest Schawuot verbunden. Viele Juden essen gerne Milchspeisen, z.B. frische Butter oder Käsekuchen, so wie die kleine Geschichte oben erzählt. Der Ursprung dieses Brauchs ist aber unklar, die Thora selbst sagt dazu nichts.

Die aus der Natur bezogenen Bedeutung des Festes ist spannend: Es ist das Fest, an dem in alter Zeit die ersten geernteten Weizengarben und Früchte als Dankopfer nach Jerusalem in den Tempel gebracht wurden. Noch heute schmücken die Juden im Gedenken daran ihre Wohnungen und Synagogen mit grünen Zweigen und Blumen. So ähnelt dieses Fest dem christlichen Pfingstfest, bei dem auch in manchen Kirchen Birkengrün aufgestellt wird, und zugleich einem Erntedankfest, wie es bei uns in Mitteleuropa naturgemäß erst im Herbst gefeiert wird.

Eine Legende verbindet sogar beide Deutungen, wenn es heißt, dass sich der Berg Sinai begrünt habe, als die Torah übergegeben wurde.

Schawuot bedeutet Woche. Sieben Wochen liegen zwischen Pessach, dem Beginn der Gerstenernte in Israel und Schawuot, dem Beginn der Weizenernte. Auch zu dieser naturbezogenen Bedeutungsebene des Festes gibt es eine kleine Geschichte:

Rabbi Aron von Starasola wurde einst gefragt, wodurch man Demut erlangen kann. „Durch die Erfüllung der Gebote!“ antwortete er und gab ein schönes Gleichnis: „Wenn ein Baum viele Früchte trägt, werden die Zweige von den Früchten gebogen und hängen tief zu Boden. Der Zweig aber, der dürr und vertrocknet ist, ragt in die Höhe und steht aufrecht, ohne sich zu biegen.“

Schawuot feiert also den lebensstiftenden Geist der Zehn Gebote und der Natur.
Auch beim christlichen Pfingstfest bewegt die Geistkraft Gottes die Mutlosen.
So verleiht uns Christen der Heilige Geist Mut und Kraft zur rechten Auslegung der Bibel. Die Geistbegabung verschafft uns unmittelbaren Zugang zu Gott und seiner Offenbarung und bewirkt, dass alle im Gottesvolk die gesamte Schrift begreifen und befolgen können. Der Geist macht das Gesetz lebbar, er leitet uns zum Gestalten und zur kreativen Aktualisierung an.

Pfingsten hat also eine sehr enge Beziehung zu Schawuot und wenn dialogbereite Menschen aus beiden Religionen diese Feste feiern, so schließen sie einander nicht aus, sondern bereichern einander, so wie es auf dem Plakat heißt: „Spirit bewegt…“
 


Freude am Erwachsenwerden?

Der Impuls für Mai im Rahmen von #bezieungsweise stammt von Ingo Faus, Leiter der Abt. Erwachsenenbildung und Hochschulen im Bischöflichen Ordinariat

Freude am Erwachsenwerden – damit assoziiere ich Treffen mit Freunden. Sich voller Aufregung und Neugier auf Neues einlassen. Abschied vom Zuhause nehmen und die Befürchtung haben, dass man Heimweh verspüren könnte. Auf den eigenen Füßen stehen. Erste Liebe. Selbständigkeit gewinnen. Die Schule abschließen. Mit Gleichaltrigen zusammen- und bei den Eltern ausziehen. Noch mehr Treffen mit Freunden. Eigene Entscheidungen. Sich auf neue Leute einlassen und seinen Platz in der Gruppe finden. Engagement zeigen. Flügge werden. Die Welt erobern. Party machen. Gutes tun. Dinge ausprobieren. Neue Räume erschließen. Über die Welt reflektieren und sie immer besser verstehen. Verantwortung übernehmen. Feiern. Anerkennung bekommen. Zweite Liebe. Mit Freundinnen losziehen. Politisches Handeln entdecken. An Grenzen stoßen und diese überwinden. Lust an Bewegung. Die Nacht zum Tag machen. Selbstwirksamkeit erfahren. Selbstbewusstsein steigern. Nervenkitzel suchen. Kompetenzen entwickeln. Miteinander abhängen. Ausbildung oder Studium beginnen. In eine fremde Stadt ziehen. Persönlichkeit bilden. Chillen. Sich etwas trauen. Ausgelassen sein. Vereine und Jugendgruppen. Neue Erfahrungen machen. Miteinander lachen. Sich selbst versorgen. Viel erleben. Selbstsicherheit gewinnen. Ewige Liebe. Spaß haben. Unabhängigkeit genießen. Noch mehr erleben. Berufseinstieg hinbekommen. Gemeinschaft erfahren. Nervenkitzel finden. Sich Herausforderungen stellen. Kurz: Viele Erfahrungsräume für die persönliche Entwicklung haben.

Auch die christlichen und jüdischen Gemeinden bieten einen Erfahrungsraum und genau hierfür wurde der Slogan „Freude am Erwachsenwerden“ formuliert: In der Plakatkampagne bezieht er sich auf Bar-Mizwa / Bat-Mizwa beziehungsweise Konfirmation oder Firmung – festlich begangene Rituale, mit denen Jugendliche in ihren Gemeinden „erwachsen“ werden, ihren Glauben bekennen, volle Rechte und Pflichten als Gemeindemitglied erhalten und für ihren Glauben selbst Verantwortung übernehmen.

Mit Blick auf diese Feste, die im Alter von etwa 13-15 Jahren begangen werden, wurde ein schöner Slogan gefunden. Hier sind die Anlässe aus jüdischer (https://www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de/wp-content/uploads/2021/01/TEXT-PLAKAT-Ju%CC%88disch-2021-04-B-APR-Bar-Mizwa-beziehungsweise-Firmung-Konfirmation-LANG.docx) und christlicher (https://www.juedisch-beziehungsweise-christlich.de/wp-content/uploads/2021/02/TEXT-PLAKAT-Christlich-2021-04-APR-B-Bar-Mizwa-beziehungsweise-Firmung-Konfirmation-LANG-1.docx) Perspektive näher erläutert.

Der Slogan klingt gut. Freude am Erwachsenwerden. Das klingt unbeschwert. Das klingt fröhlich. Das klingt zuversichtlich. Das aktuelle Plakat nimmt die Jugend in den Blick und seine durch und durch positive Überschrift beinhaltet mehrere zeitliche Ebenen: Freude im Hier und Jetzt. Freude an Entwicklung und Wachstum in näherer Zukunft. Und letztlich auch ein Versprechen auf eine gute spätere Zukunft, für die es sich erwachsen zu werden lohnt – ansonsten würde Freude am Erwachsenenwerden eher keinen Sinn ergeben.

Nun sind die genannten, festlichen Anlässe für Jugendliche aber nur ein kleiner Ausschnitt des Erwachsenwerdens. Eine Momentaufnahme. Junge Menschen sind ja nicht nur Gemeindemitglieder. Ihr Aufwachsen und Erwachsenwerden besitzt viele weitere Facetten, geschieht an vielen weiteren Orten und erstreckt sich über einen Zeitraum von etwa 15 Jahren. Der so sympathische Slogan erscheint mir, wenn man die Perspektive in dieser Weise nur ein klein wenig weitet, hinterfragbar.

Entspricht der Slogan der Selbstwahrnehmung junger Menschen? Haben Jugendliche den Slogan vielleicht selbst formuliert? Spiegelt der Slogan ihr durch und durch unbeschwertes, fröhliches und zuversichtliches Lebensgefühl wider? Oder ist das die Perspektive der Erwachsenen? Möglicherweise Wunschdenken der Erwachsenen? Vielleicht gar ein Ausdruck von Ignoranz der älteren Generationen? Handelt es sich um eine Unterstellung? Um eine Fremdzuschreibung?

Wenn ich mir diese Fragen stelle, komme ich ins Grübeln. Höchstwahrscheinlich waren Jugendliche an der Formulierung nicht beteiligt. Sie hatten keine Möglichkeit in eigener Sache zu sprechen – ein Problem, das sich in einer Gesellschaft, in der „Jugend“ kaum systematische Mitsprachemöglichkeiten hat, an vielen Stellen zeigt. Es fehlt an Interessenvertretung. Wenn man immer nur darauf hoffen muss, dass die eigene Altersgruppe von älteren Generationen angemessen mitgedacht wird, läuft man Gefahr, dass die eigenen Perspektiven und Interessen keine oder nur geringe Beachtung finden.

Spürbar wird dies aktuell in der Corona-Krise. In dieser Krise sind junge Menschen durchaus im Blick der Politik: Über die richtige Strategie zu öffnender oder zu schließender Schulen wurde und wird viel debattiert. Und schulische Bildung ist auch zweifellos wichtig. Doch die Ausschließlichkeit dieser Debatte macht natürlich deutlich, wie beschränkt Bedürfnisse junger Menschen bedacht und berücksichtigt werden.
Der deutlich größere Teil des Erwachsenwerdens findet nicht nur außerhalb der jüdischen und christlichen Gemeinden, sondern auch außerhalb der Schule statt. Diese Perspektive spielt in der Pandemie kaum eine Rolle. Die Erfahrungsräume, in denen sich Jugendliche und Heranwachsende zunehmend selbständig erproben können, haben geschlossen. Sind verboten. Dürfen nur digital aus dem Kinderzimmer erlebt werden. Sie fehlen einfach. Erwachsenwerden braucht persönliche Begegnung. Erwachsenwerden braucht Erfahrungsräume. Der Lockdown ruft bei keiner Altersgruppe Begeisterung hervor. Für junge Menschen aber hat er besonders kritische Folgen: Ohne Begegnung und Erfahrungsräume fehlen seit einem Jahr für sehr viele junge Menschen Entwicklungsmöglichkeiten – mit schlimmstenfalls lebenslangen Folgen.

Nicht alle junge Menschen sind gleichermaßen betroffen. Die sozialen Lagen sind zu unterschiedlich. Schon ohne Pandemie ist mehr als jeder fünfte junge Mensch armutsgefährdet. Der „Monitor Jugendarmut in Deutschland“ (https://www.bagkjs.de/wp-content/uploads/2020/10/Monitor_Jugendarmut_2020_web.pdf) der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit nennt Zahlen: 3,2 Millionen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene gelten im Jahr 2018 in Deutschland als armutsgefährdet. Armut schränkt Entwicklungsmöglichkeiten ein. Armut behindert gesellschaftliche Teilhabe. Armut grenzt aus. Wer in Armut aufwächst, hat weniger Erfahrungsräume. Die zunächst „nur“ am Haushaltseinkommen bemessene Armutsgefährdung fällt häufig mit einer engen Wohnsituation, mit begrenzten Bildungsressourcen, mit schlechterer Gesundheit und weiteren Benachteiligungen zusammen. Chancengerechtigkeit ist nicht gegeben. Und wer im eigenen Umfeld keine jungen Menschen kennt, die armutsgefährdet aufwachsen, muss sich klar machen, dass es an anderer Stelle dann umso mehr junge Menschen gibt, die gesellschaftlich abgehängt sind. Chronisch abgehängt sind, denn in vielen Fällen handelt es sich nicht um ein vorübergehendes Problem.

Die genannten Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2018. Corona war noch kein Thema. Dies hat sich geändert. Homeschooling ohne geeignete häusliche Computerausstattung? Funktioniert schlecht. Ohnehin schon benachteiligte junge Menschen werden durch die Pandemie noch einmal härter getroffen. Chancengleichheit ist noch weniger gegeben. Die betroffenen jungen Menschen wissen um ihre Situation. Es mangelt ihnen an Ressourcen für ein gutes Erwachsenwerden und dies bedeutet weniger Freude am Erwachsenwerden.

Bleibt vielleicht die Zuversicht auf eine gute Zukunft. Hier erinnere ich mich an 2019. Vor der Pandemie. Weltweit gingen Millionen junge Menschen auf die Straße und demonstrierten für einen Klimaschutz, der diesen Namen verdient. Die Wissenschaft ist sich in den wesentlichen Fragen einig und junge Menschen haben verstanden: Hier geht es um unsere Zukunft.

„Was da jetzt aktuell politisch passiert, ist am Ende der Ausverkauf meiner Generation.“ – Diesen Satz zur Klimapolitik hörte ich kürzlich in einer Doku über junge Erwachsene im Freiwilligen Ökologischen Jahr. Es klingt nicht zuversichtlich. Jungen Menschen gelang 2019, den Klimaschutz auf der politischen Tagesordnung nach oben zu schieben. Nach Jahrzehnten der klimapolitischen Trödelei konnte man hoffen – und dann kam die Pandemie und bremste das Engagement aus. Die Aussichten sind düster. Verglichen mit der Klimakrise ist Corona „Kindergarten“.

Mit diesen Gedanken schlage ich mich herum, wenn ich an Freude am Erwachsenwerden denke. Im vergangenen Sommer – zwischen den Lockdowns – hatten wir in der Familie eine Konfirmation. Der Gottesdienst fand bei wunderbarem Wetter im Freien statt und war toll gestaltet. Es war ein echter Festtag. Doch deshalb Freude am Erwachsenwerden zu unterstellen, fällt mir schwer.
 

Zum Weiterlesen:
Junge Menschen und Corona:
Das Leben von jungen Menschen in der Corona-Pandemie: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2021/maerz/jugendliche-fuehlen-sich-durch-corona-stark-belastet-und-zu-wenig-gehoert

Junge Menschen und Armut:
Factsheet Kinderarmut in Deutschland:
https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/291_2020_BST_Facsheet_Kinderarmut_SGB-II_Daten__ID967.pdf

Aussichten des Klimawandels:
Warum zwei Grad Erderwärmung zu viel sind:
https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/klimakrise-warum-zwei-grad-erderwaermung-zu-viel-ist-a-1773e909-c602-466e-8913-c02b319d71f2
Globale Erwärmung steuert auf mehr als drei Grad zu:
https://www.zeit.de/wissen/2020-12/uno-erderwaermung-klimawandel-treibhausgas-emission-corona
So schnell tickt die CO2-Uhr: https://www.mcc-berlin.net/forschung/co2-budget.html

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken möchte jungen Menschen mehr politische Mitbestimmungsmöglichkeiten bieten und fordert deshalb die Absenkung des Wahlalters:  https://www.zdk.de/cache/dl-e80d5813902ff369e8dd3cb1446b9e4e.pdf


„Frei von Sklaverei und Tod: Pessach beziehungsweise Ostern.“


Der Impuls für April im Rahmen von #bezieungsweise stammt von Luise Gruender, Pastoralreferentin in der Katholischen Hochschulgemeinde Landau/Germersheim/Speyer:

Ein Fest, das acht Tage lang gefeiert wird, das muss schon etwas Besonderes sein!
Während die Christen die Karwoche begehen, die mit dem Osterfest endet, wird auf jüdischer Seite das Pessachfest gefeiert.
Es beginnt mit dem Sederabend, dieses Jahr am 27. März. Hier suchen die Kinder nach Brotkrumen, die ihre Eltern vorher im Haus versteckt haben. Mit dem Entzünden einer Kerze geht die Suche los, dann werden alle gefundenen Brotstückchen mit einer Feder auf einen Holzlöffel geschoben und verbrannt. Es soll sich kein Brot oder Getreideprodukt (Mehl, Kuchen, Nudeln, Bier…) mehr im Haus befinden.

Dieser Brauch hat etwas mit der Geschichte zu tun: Das israelische Volk befand sich vor über 3.000 Jahren in ägyptischer Sklaverei. Ohne große Vorbereitung galt es der Verfolgung durch den Pharao zu entkommen. Es war nicht genug Zeit, richtiges Sauerteigbrot zu backen. Stattdessen gab es das „ungesäuerte Brot“, die Matzah.

Bei jeder Feier des Pessachfestes geht es seither darum, die damalige Erfahrung der Befreiung selbst empfinden zu können und sich so als ein Teil des Volkes Israel zu begreifen:

Am Sederabend liegen drei Mazzen-Scheiben auf dem Tisch. Dazu gibt es Eier, die auf das Erwachen der Natur im Frühling und neues Leben hindeuten, genau wie die Ostereier beim christlichen Osterfest. Ein Lammknochen erinnert an das Lamm, das die Israeliten Gott opferten. Bitter schmeckende Kräuter lassen an den harten Sklavendienst in Ägypten denken und ein bräunliches Gemisch aus Äpfeln und Nüssen in einer Schale sieht genauso aus wie der Lehm, aus dem die Ziegelsteine hergestellt wurden, die damals für das Gebäude des Pharaos von den Israeliten hergestellt werden mussten. Das auf dem Tisch bereit stehende Salzwasser erinnert an die Tränen der Juden, die sie in der Zeit der großen Unterdrückung weinten.

Vor dem gemeinsamen Essen trinken alle Erwachsenen, die angelehnt sitzen, ein Glas Wein. Angelehnt deshalb, weil damals nur die Freien und Vornehmen so sitzen durften, nicht die Sklaven. Die aufrechte Haltung zeigt die Freude über die Freiheit.

Jetzt werden die bitteren Kräuter in das Salzwasser getaucht und gegessen. Das erinnert an die karge Mahlzeit eines Sklaven. Während der Mahlzeit wird von der mittleren Mazze ein Stück abgebrochen und versteckt. Der jüngste Sohn der Familie stellt dazu vier Fragen. Die Antworten über den Auszug aus Ägypten werden dabei nicht nur vorgelesen, sondern die Erwachsenen erzählen dazu eigene Erfahrungen von Knechtschaft und Befreiung.

Nach einem zweiten Glas Wein und der Segnung der Mazzen findet ein festliches Essen statt. Am Ende der Mahlzeit werden Psalme gesprochen. Ein Platz am Tisch bleibt immer frei. Dort steht ein besonderes Glas Wein für den Propheten Elia, auf den alle warten und der den Messias ankündigt. Elia gibt sich aber nicht zu erkennen. Vielleicht kommt er als Asylsuchender oder Nachbar. Die Haustür steht deshalb immer offen. Die vier Becher Wein, die während des Abends getrunken werden, stehen für die vier Verheißungen Gottes: Er will „die Kinder Israels“ aus Ägypten herausführen, sie erretten, erlösen und als sein eigenes Volk annehmen. Nach dem Essen wird schließlich das versteckte Stück Matzen gesucht und unter den Anwesenden verteilt. Lieder, Spiele und das üppige Mahl halten Jung und Alt wach. Zum Schluss wünscht man sich gegenseitig: „Nächstes Jahr in Jerusalem!“ Das drückt die Sehnsucht aller Juden aus, einmal im Leben nach Jerusalem zu kommen. Nach diesem Sederabend geht das Pessachfest sieben Tage weiter. Es gibt immer Matzah und besondere Pessachgerichte.

Jesus hat als Jude zusammen mit seinen Freunden Pessach gefeiert, also die Befreiung aus der Knechtschaft. Die Wurzeln des christlichen Osterfestes liegen folglich im Pessachfest. Allerdings fällt es im heutigen Kalender nicht immer zeitlich zusammen, weil der Frühjahrsvollmond - und damit Pessach - auf jeden beliebigen Wochentag fallen kann, die Christenheit aber beim Konzil von Nicäa im Jahr 325 festgelegt hat, dass Ostern an einem Sonntag zu feiern ist.

Die katholische Osterliturgie zeigt die Parallelen deutlich auf: Dort wird auf die Osterkerze das Exultet gesungen und sowohl an Israels Auszug aus Ägypten als auch an den befreienden Sieg Jesu über den Tod erinnert: „Dies ist die Nacht, die unsere Väter, die Söhne Israels, aus Ägypten befreit hat. Dies ist die selige Nacht, in der Christus die Ketten des Todes zerbrach und aus der Tiefe als Sieger emporstieg“. Auf dem Pessachtisch darf Lammfleisch nicht fehlen. Und auf welchem christlichen Ostertisch steht kein gebackenes Lamm, mit süßem Puderzucker beflockt? Es erinnert uns daran, wie es auf dem Plakat der Kampagne heißt: „Gott befreit und erlöst. Auch heute. Halleluja!“
#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst


Umkehren zum Leben beziehungsweise Antisemitismus ist Sünde

Der Impuls für März im Rahmen von #bezieungsweise stammt von Sonja Haub, Bildungsreferentin in der Katholischen Erwachsenenbildung Pfalz.

Kennen Sie den Film „Das Unwort“ (https://www.zdf.de/filme/der-fernsehfilm-der-woche/das-unwort-100.html)? Er wurde am 9. November 2020 erstmals im ZDF ausgestrahlt. Protagonist des Filmes ist der Schüler Max Berlinger, dem ein Schulverweis droht, weil er einem Mitschüler das Ohrläppchen abgebissen hat. Klingt erschreckend – wie es aber dazu gekommen ist, stellt sich bei einem Krisengespräch heraus: Max hat im Unterricht von seinem jüdischen Glauben erzählt und wurde danach immer öfter von seinen Mitschülern verbal und physisch angegriffen. Klassenlehrerin und Schulleiter spielen die Situation bei der Konferenz zunächst herunter. Doch wer trägt die Verantwortung dafür, dass Max sich irgendwann vehement gewehrt hat?

In diesem Setting thematisiert der Film auf bitterernste aber auch humoristische Art und Weise eine aktuelle Form des Antisemitismus, die in unserer heutigen Gesellschaft noch immer zu sehr unterschätzt wird. Dabei sollte inzwischen jedem klar sein, dass antisemitische Haltungen nicht mehr nur ein dunkles Kapitel im Geschichtsbuch sind… Das belegt auch das „Zivilgesellschaftliche Lagebild Antisemitismus: Rheinland-Pfalz“ (https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/publikationen/zivilgesellschaftliches-lagebild-antisemitismus-rheinland-pfalz/) der Amadeu Antonio Stiftung, in dem ein Anstieg antisemitischer Straftaten in Rheinland-Pfalz seit 2018 aufgezeigt wird. Bemerkenswert ist: Auch wenn antisemitische Vorfälle meist mit rechtsextremen Gruppierungen in Zusammenhang stehen, zeigt sich antisemitisches Denken inzwischen auch in vielen weiteren Gruppen zwischen links und rechts. Der Antisemitismus wird fast unbemerkt immer mehr „salonfähig“.

In einer Gesellschaft, in der sie noch immer viel zu oft als „die Anderen“ wahrgenommen werden, leben Jüdinnen und Juden Tag für Tag. Und sind wir ehrlich: Auch wir Christen vergessen oft genug, dass nicht alle Menschen Weihnachten oder den Sonntag feiern, sondern dass es auch Chanukkah (https://de.wikipedia.org/wiki/Chanukka) und den Schabbat (https://de.wikipedia.org/wiki/Sabbat) gibt. „Das ist doch nicht böse gemeint“, wird manch einer sagen. Und ja, oft ist das ein Versehen, weil wir uns damit bisher wenig befasst haben und die christlichen Feiertage von Seiten des Staates noch immer die „Norm-Feiertage“ sind.

Wirklich böse gemeint waren lange Zeit ganz andere Dinge: Menschen jüdischen Glaubens wurden in der christlichen Lehre als blind und verstockt angesehen, weil sie Jesus nicht als den Messias anerkannten. Sie wurden gar als Christusmörder beschimpft. Ein Zeugnis dafür ist die 1570 festgeschriebene Große Fürbitte der Karfreitagsliturgie, die in ihrem Wortlaut Jahr um Jahr wie folgt gebetet wurde: „Lasset uns auch beten für die treulosen Juden, dass Gott, unser Herr, wegnehme den Schleier von ihren Herzen, auf dass auch sie erkennen unsern Herrn Jesus Christus.“
Erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde die Formulierung nach und nach geändert, sodass schließlich 1974 die heute gültige Form festgeschrieben wurde. Sie lautet: „Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will.“

Ein Unterschied wie Tag und Nacht, nicht wahr? Mit der Erklärung „Nostra Aetate“ (http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_decl_19651028_nostra-aetate_ge.html) erkennt das Zweite Vatikanische Konzil endlich die jüdischen Wurzeln des Christentums an und verurteilt Herabwürdigungen oder gar Verfolgungen von Jüdinnen und Juden. Auch, wenn die Erklärung an der einen oder anderen Stelle noch immer nicht ganz über die alten Sprachmuster hinwegkommt, gelingt damit ein riesiger Schritt, der in der Folge zur Intensivierung des jüdisch-christlichen Dialogs führen konnte. Die Konzilsväter begründen dieses Ansinnen mit einem einfachen, biblischen Argument: Niemand kann eine Beziehung zu Gott pflegen, wenn er einem anderen Menschen, der doch genauso von Gott ebenbildlich geschaffen wurde, eine „brüderliche Haltung“ verweigert. Denn: „Wer nicht liebt, kennt Gott nicht!“ (1 Joh 4,8).

Dieses Argument gilt noch immer und lässt sich an vielen Stellen umsetzen:

Wie wäre es beispielsweise,
-    wenn wir mal nicht vom Alten und Neuen, sondern vom Ersten und Zweiten Testament sprechen würden?
-    wenn wir beim Lesen der Verheißungen im Ersten Testament zur Abwechslung nicht sofort die „christliche Brille“ tragen würden, sondern überlegen, dass alles auch ganz anders gemeint sein könnte, und wir damit der jüdischen Schrift ihren Eigenwert ließen?
-    wenn wir noch Platz in unserem Kalender hätten und nicht nur „Frohe Weihnachten“, sondern auch „Frohes Chanukkah“ dort stehen würde?
-    wenn wir uns gegenseitig von Gott und unseren Erlebnissen mit ihm erzählen würden, ohne uns gegenseitig von unserer Position überzeugen zu wollen?
Wenn uns das gelingt, dann sind wir auf dem besten Weg, Antisemitismus etwas entgegenzusetzen. Dann sind wir gemeinsam mit unseren jüdischen Schwestern und Brüdern mittendrin in dem verheißungsvollen Leben, das Gott uns allen zugesagt hat.

Wenn Sie weiterlesen möchten, finde Sie hier
-    Grundlagen zum Thema „Antisemitismus“:
https://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37945/was-heisst-antisemitismus?p=0
-    eine Dokumentation mit wunderbaren Beiträgen junger, jüdischer Menschen:
https://www.zdf.de/dokumentation/dokumentation-sonstige/hey-ich-bin-jude-104.html

 


"Wir trinken auf das Leben"

Den Impuls für Februar im Rahmen von #bezieungsweise hat Luise Gruender, Pastoralreferentin in der Katholischen Hochschulgemeinde Landau/Germersheim/Speyer, geschrieben:

Purim – Fastnacht – …und im Jahr 2021 Corona

Verkleiden, Süßigkeiten, buntes Treiben und die Errettung vor dem bösen Hamam. Das hört sich vor allem jetzt in Zeiten der Corona-Beschränkungen äußerst attraktiv an.

Unsere jüdischen Mitbürger*innen feiern am 26. Februar das Purim-Fest. Oft wird an diesem Tag ein Theaterstück aufgeführt, das die Geschichte des Festes erklärt:

Perserkönig Ahaveros wurde von seinem Minister Hamam angestachelt, alle Juden in seinem Reich umbringen zu lassen. Dies sollte an einem besonderen Tag, den er durch das Los (= Purim) bestimmte, geschehen. Esther, die jüdische Ehefrau des Königs, erfuhr rechtzeitig davon. Sie fastete drei Tage lang und ließ die jüdischen Bewohner der Hauptstadt Susa dasselbe tun. So fühlte sie sich gestärkt und wagte es, den König in dieser brisanten Angelegenheit umzustimmen. Es gelang. Die Juden erhielten die Erlaubnis, sich an dem vom Los bestimmten Tag zu wehren und um ihr Leben zu kämpfen.

Deshalb findet noch heute vor Purim das Esther-Fasten statt. Am Festtag selbst wird ein Gedenkgottesdienst abgehalten. Es werden Musikinstrumente und Süßigkeitstüten in die Synagoge mitgenommen. Immer wenn während der Bibellesung der Name Hamans fällt, wird mit Rasseln kräftig Lärm gemacht. Alle sind fröhlich und essen gemeinsam die „Hamamtaschen“, die die Ohren des bösen Ministers Hamam darstellen sollen. Die Kinder kostümieren sich und dürfen in der Synagoge richtig laut sein.

Als Christen feiern wir – dieses Jahr am 15. und 16. Februar – seit etwa 800 Jahren Fastnacht. In seinen Anfängen war es ein Fest für die reichen Leute, die bei üppigen Gastmählern, Musik und Tanz für die kommende Fastenzeit vom sonstigen fröhlichen Leben Abschied nahmen. Für junge Adlige gab es Reiterspiele oder Fastnachtsspiele, die Schauspieler auf Märkten oder öffentlichen Plätzen aufführten. Daraus entwickelten sich im Spätmittelalter erste Maskenumzüge. Die Menschen wollten mit furchterregenden Fratzen die bösen Geister erschrecken und mit Rasseln und Pfeifen vertreiben. Große Freudenfeuer sollten alles Kalte und Dunkle vertreiben. Menschen feiern ausgiebig, tauschen dabei oft die Rollen, Politiker werden als Karikaturen auf die Straße geholt. Bei der Weiberfastnacht übernehmen die Frauen das Regiment über die Männer und machen sich einen Spaß daraus, ihnen Streiche zu spielen. Viele regional verschiedene Bräuche sind bis heute Höhepunkte im Gemeinschaftsleben der Dörfer und Städte, bevor die Fastenzeit beginnt.

Und dieses Jahr verbietet wohl der Schutz vor dem Coronavirus beide Traditionen des Feierns.
Trotzdem gilt: Purim feiert die Rettung des jüdischen Volkes vor der Vernichtung durch ein staatlich organisiertes Pogrom. Und im Karneval werden herrschende Verhältnisse auf den Kopf gestellt, bis am Aschermittwoch die Fastenzeit beginnt.

Deshalb gilt auch 2021 trotz aller Beschränkungen: „Auf das Leben – L’Chaim, Helau und Prost!“: „Wir trinken auf das Leben“, wie es auf dem vorliegenden Plakat so schön heißt, wenigstens im Kreis unserer Liebsten, denn wie wichtig das Leben ist, das erfahren wir zur Zeit besonders.

 


Im Januar widmet sich #beziehungsweise der Freude am Wort Gottes, das in beiden Religionen eine zentrale Rolle spielt. Jeden Sonntag wird aus der Bibel gelesen. Jeden Schabbat auch. Im Judentum und im Christentum gibt es verschiedene Traditionen der Auslegung. Sie erstaunen, sind manchmal widersprüchlich und ergeben einen Vielklang. So werden sie ein gemeinsamer Schatz.

Dr. Dr. Stefan Seckinger, Hochschulpfarrer in der Katholischen Hochschulgemeinde Kaiserslautern-Homburg, hat dazu einen Impuls geschrieben:

Im Anfang war das Wort -
Die Heilige Schrift verbindet mehr als sie trennt

Gedanken zur Schriftlesung im jüdischen und christlichen Gottesdienst

Wenn die Torahrolle im jüdischen Gottesdienst nach der Lesung emporgehoben wird, erklingt der Vers: ‚Ein Baum des Lebens ist sie denen, die an ihr festhalten; wer sie ergreift, ist glücklich.‘ Bei Katholiken heißt es nach der Lesung ‚Wort des lebendigen Gottes‘; im Christentum wird das Kreuz als ‚Baum des Lebens‘ bezeichnet. In beiden Religionen ist Gott der Lebendige - er schenkt Leben.

Die Torah wird nach der Lesung in einen Samtmantel gehüllt und feierlich durch die Synagoge getragen. An jedem Schabbat wird aus ihr vorgelesen; der entsprechende Abschnitt der 5 Bücher Mose gibt mit seinen Anfangsworten dem jeweiligen Tag seinen Namen. Für Christen gibt nicht der siebte Schöpfungstag (Samstag), sondern der erste Tag der Woche, der Sonntag, Anlass zum gemeinsamen Gottesdienst. Auch christliche Sonntage tragen zuweilen besondere Namen (etwa ‚Gaudete‘). Im Judentum wie im Christentum versammeln sich die Gläubigen also an einem bestimmten Tag der Woche zum Gebet, um auf das Wort Gottes zu hören.

Mit dem Fest der Torahfreude, Simchat Torah, endet der jährliche Lesezyklus: Die ganze Torah wurde einmal gelesen - und nun wird sogleich wieder im selben Synagogengottesdienst von vorne begonnen. Der letzte Wort des Buches Deuteronomium lautet ‚Israel‘, dann beginnt erneut das Buch Genesis mit der Erschaffung der Welt.

Die christliche Bibel ist mit den jüdischen Schriften größtenteils deckungsgleich. Hier wird weniger die Torah von den Propheten, Weisheits- und Geschichtsbüchern unterschieden, sondern das Alte Testament vom Neuen abgegrenzt. Da die heilige Schrift Jesus die Torah war, sind die 5 Bücher Mose allerdings nicht nur vom Evangelien her zu interpretieren, sondern umgekehrt erschließt sich das Evangelium von der Torah her.  

Impulse für uns Christinnen und Christen

  • Könnten wir nicht statt Lektionar und Evangeliar eine Bibel im Gottesdienst verwenden? Indem wir zwei Bücher einsetzen, unterscheiden wir nicht nur Lesungen und Evangelium, sondern trennen damit auch AT und NT. Aber die ‚Heilige Schrift‘ kann nur als ganze angemessen verstanden und interpretiert werden.
  • Die Evangeliumsprozession ähnelt jener der Torahrolle im Synagogengottesdienst. Aber so etwas wie einen Torahschrein gibt es in der Kirche nicht. Zuweilen bleibt der Evangeliumstext aufgeschlagen, aber auch ein separater Ort wäre denkbar, in dem die ‚Heilige Schrift‘ eine würdige Aufbewahrung findet. Generell bleibt der außerliturgische Umgang mit der Bibel im Christentum weit hinter der Verehrung der Torah im Judentum (bzw. dem Koran im Islam) zurück.
  • Die Leseordnung der christlichen Kirchen kennt keine ‚lectio continua‘, also das Lesen eines ganzen Buches oder gar des ganzen AT bzw. NT. Dadurch bleibt der Kontext unklar; die ‚Heilige Schrift‘ wird zum Steinbruch, alttestamentliche Abschnitte werden vom jeweiligen Evangeliumstext her ausgewählt. In der Katholischen Hochschulgemeinde Kaiserslautern haben wir in den letzten zwei Jahren während der Gottesdienste das ganze AT von vorne bis hinten gelesen. Es ist eine einzige Geschichte Gottes mit den Menschen.
  • Im Synagogengottesdienst sollen möglichst viele vorlesen, im christlichen Gottesdienst gibt es in der Regel nur einen Lektor bzw. eine Lektorin. Man wird zwar einwenden können, dass mit zu vielen Lesungen die ‚Messe‘ sich zu sehr in die Länge ziehen würde (wie in der Osternacht). Die vorgeschlagenen Impulse sehen sich aber gar nicht als Anregungen primär für eine sonntägliche Eucharistiefeier. Auch das können wir vom Judentum lernen: Heilige Schriften haben ihren eigenen Wert. In einer Wortgottesfeier (wie es der Synagogengottesdienst ist) spricht Gott in der Lesung zu uns. Im anschließenden ‚Bibelteilen‘ können wir uns dann fragen, was dies für unseren konkreten Alltag bedeutet. Jeder und jede ist eingeladen, der Heiligen Schrift im Alltag ein (sein/ihr) Gesicht zu geben. Wenn ich eines aus den Geschichten über Jesus und von seinen Worten gelernt habe, dann dies: Glaube wächst in der persönlichen Begegnung. Oder um es mit den Worten eines bekannten Advents- bzw. Weihnachtsliedes zu sagen: Das Wort will Fleisch uns werden!