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„Wir haben Tür zur Todeszone aufgestoßen“

Umkehr zum Leben, den Wandel gestalten – Klaus Heidel beim Katholikenrat des Bistums Speyer

Am letzten Märzwochenende tagte auf Maria Rosenberg die Frühjahrsvoll- versammlung des Katholikenrates der Diözese Speyer. Inhaltlich befasste sich das höchste Laiengremium im Bistum – nach Vorbereitung durch den Sachausschuss Globale Verantwortung – mit den ökologischen Herausforderun- gen der Gegenwart sowie den sozialen Anfragen, die sich daraus ergeben. Als Impulsgeber und Gesprächspartner stand dem Katholikenrat Klaus Heidel von der Werkstatt Ökonomie aus Heidelberg und Koordinator des Ökumenischen Prozesses „Umkehr zum Leben – den Wandel gestalten“ zur Verfügung. Der „pilger“ hat mit ihm über zentrale Punkte gesprochen. Das Interview besteht aus zwei Folgen. 

Herr Heidel, „Umkehr zum Leben
– den Wandel gestalten“ lautet das Motto eines ökumenischen Prozesses, der Handlungsoptionen angesichts des Klimawandels und weiterer globaler Krisen aufzeigen will. Warum ist das ein Thema für die Kirchen bzw. für die Christen?

Zuerst einmal vielen Dank, dass mir soviel Raum eingeräumt wird, mich zu einer der zentralen Fragen der heutigen Menschheit zu äußern. Zu Ihrer Frage. „Dem Herrn gehört die Erde und was sie erfüllt“, so heißt es zu Beginn des 24. Psalmes. Wir Menschen haben nicht das Recht, dieses Eigentum Gottes zu zerstören, wir dürfen es nicht mehr beschädigen, als es für unser Überleben unabdingbar ist. Mehr noch: Gott hat dem Menschen aufgetragen, den Garten Eden zu bebauen und zu hüten. Zwar erfolgte diese Beauftragung, so erzählt die Bibel, vor dem Sündenfall, und die Schöpfung ist weit mehr als der Garten Eden, dennoch bedeutet diese Beauftragung für uns, dass uns Gott für das verantwortlich macht, was wir mit der Erde tun.

Was bedeutet das?

Der Klimawandel und weitere globale Krisen wie zum Beispiel die Wasserkrise sind zentrale soziale Heraus- forderungen im 21. Jahrhundert, sie verhindern und zerstören soziale Gerechtigkeit in dramatischer Weise. Das Eintreten für soziale Gerechtigkeit gehört aber zu den Kernaufgaben von Kirchen und Christinnen und Christen. Auch deshalb ist es zentrale Aufgabe der Kirche und ihrer Glieder, alles zu tun, um die globale Erwärmung zu begrenzen. Das geht aber nur, wenn wir in den reichen Ländern die Art, wie wir leben und wirtschaften, radikal ändern. Das geht nur, wenn wir zu dem umkehren, der von sich sagt, er sei der Weg, die Wahrheit und das Leben. Im Mittelpunkt dieser Nachfolge Christi und untrennbar miteinander verbunden stehen die Liebe zum Nächsten und die Liebe zur Schöpfung – auch zur kleinsten Blume und zum kleinsten Tier. In diesem Sinne heißt es von Franz von Assisi in der Enzyklika ,Laudato Si‘: „Wie es uns geht, wenn wir uns in einen Menschen verlieben, so war jedes Mal, wenn er [Franz von Assisi] die Sonne, den Mond oder die kleinsten Tiere bewunderte, seine Reaktion die, zu singen und die anderen Geschöpfe in sein Lob einzubeziehen.“

Vielfach ist in aktuellen Diskussionen von „Anthropozän“, einer neuen Epoche der Erdgeschichte, die Rede. Was verbirgt sich hinter dem Begriff? Sind die Menschen die neuen Dinosaurier?

Ob die Menschen die neuen Dinosaurier sind und daher wie diese aussterben werden, wissen wir noch nicht. Wir wissen aber, dass die menschlichen Eingriffe in das Erdsystem in einem solchen Maße planetarische Grenzen verletzt haben, dass die Zukunft der menschlichen Zivilisation, wie wir sie kennen, bedroht ist. Das hat die relativ junge Erdsystemforschung in den letzten beiden Jahrzehnten immer schärfer herausgearbeitet. Sie hat gezeigt, dass die Erde heute in einem ganz anderen Zustand als vor hundert Jahren ist. Hierfür gibt es mehrere Gründe. Die Weltbevölkerung ist seit der Mitte des 20. Jahrhunderts explosionsartig gewachsen (lebten 1950 rund 2,5 Milliarden Menschen auf der Erde, werden es um 2050 rund zehn Milliarden sein). Auch das Bruttoinlandsprodukt der Welt explodierte – von fast zehn Billionen internationalen Dollar im Jahr 1950 auf 108 Billionen 2015. Dramatisch stiegen seit 1950 die Weltexporte und mit ihnen selbstredend das Ver- kehrsaufkommen. Der Düngemittelverbrauch explodierte seit 1950, und der Primärenergieverbrauch schnellte in die Höhe. Ein Preis für dieses gigantische Wachstum, von dem auch Menschen in den armen Ländern des Südens und vor allem in China profitierten, ist unter anderem die beträchtlich gestiegene CO2-Konzentration in der Atmosphäre, sie liegt seit einigen Jahren über dem kritischen Schwellenwert von 400 Mikroliter CO2-Molekülen pro Liter Luft. Inzwischen ist der Mensch zum geologischen Faktor geworden, seine Spuren finden sich in den Sedimenten der Erde und markieren einen neuen Abschnitt der Erdgeschichte. Geologen haben diesen Abschnitt Anthropozän genannt, das ganz Neue, vom Menschen Gemachte. Dieses Anthropozän löst das Holozän ab, das vor rund 11000 Jahren nach dem Ende der letzten Kaltzeit entstanden war. Erst unter den klimatischen und sonstigen Bedingungen des Holozän konnten sich menschliche Hochkulturen entwickeln. Jetzt ist das Holozän Geschichte.

Welche Grenzen darf der Mensch auf keinen Fall überschreiten, oder hat er vielleicht schon rote Linien überschritten? Leben wir schon in einer „Todeszone“?

Zur Beantwortung Ihrer Frage ist das Modell planetarischer Grenzen hilfreich. Es wurde 2009 von 28 international renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vorgeschlagen und 2015 überarbeitet. Dieses Modell benennt neun für das Erdsystem zentrale Prozesse und Systeme und weist ihnen Belastbarkeitsgrenzen zu. Gelingt es nicht, den Klimawandel, die Belastung durch neue Gebilde (Nanopartikel, radioaktives Material usw.), den Abbau der Ozonschicht in der Stratosphäre, die Ausbringung von Schwebeteilchen in die Atmosphäre, die Übersäuerung der Ozeane, die Störung biochemischer Kreisläufe (Phosphor- und Stickstoffkreisläufe), den Verbrauch von Süßwasser, die Veränderungen der Landnutzung und den Biodiversitätsverlust (die genetische und die funktionale Diversität betreffend) innerhalb dieser planetarischen Belastbarkeitsgrenzen zu halten, drohen unberechenbare Störungen des Erdsystems. Werden die Grenzen gar um mehr als 200 Prozent überschritten, lauern Kipppunkte, deren Überschreiten zu nicht mehr durch den Menschen steuerbaren Prozessen führen könnte. Von den sechs Grenzen, deren Quantifizierung bereits möglich war, wurden vier überschritten, nämlich beim Klimawandel, bei der Störung biochemischer Kreisläufe (der Stickstoffkreislauf ist bereits im Bereich der Kipppunkte), bei der Veränderung der Landnutzung und beim Verlust an Biodiversität (bereits im Bereich der Kipppunkte). Wir Menschen haben also die Tür zu unserer Todeszone aufgestoßen.

Wenn die Situation so dramatisch ist, sind dann unsere Bemühungen ausreichend? Braucht es nicht ein großes globales Umsteuern?

In der Tat ist die Situation so dramatisch, dass Teillösungen nicht mehr ausreichen. Einen Grund hierfür hat die Erdsystemforschung freigelegt: Die Erde ist keinesfalls die Addition ökologischer Teilsysteme, die sich unabhängig voneinander entwickeln könnten. Vielmehr hängen alle Teilsysteme miteinander zusammen. Das gilt auch für die Sphären des Erdsystemes: Wer in die Atmosphäre eingreift, muss zum Beispiel mit Veränderungen der Kryosphäre (der Sphäre des Eises) rechnen. Ändert sich die Kryosphäre, ändert sich auch die Hydrosphäre, so steigen zum Beispiel Meerestemperaturen und Meeresspiegel, wenn Festlandeis (z. B. auf Grönland oder in der Antarktis) schmilzt.

Interview: Norbert Rönn

 

Lebensstil und Wirtschaftsweise radikal ändern

Umkehr zum Leben, den Wandel gestalten – Klaus Heidel beim Katholikenrat des Bistums Speyer (Teil 2)

Auf Maria Rosenberg tagte vor kurzem die Frühjahrsvollversammlung des Katholikenrates der Diözese Speyer. Inhaltlich befasste sich das höchste Laiengremium im Bistum – nach Vorbereitung durch den Sachausschuss Globale Verantwortung – mit den ökologischen Herausforderungen der Gegenwart sowie den sozialen Anfragen, die sich daraus ergeben. Als Impulsgeber und Gesprächspartner stand dem Katholikenrat Klaus Heidel von der Werkstatt Ökonomie aus Heidelberg und Koordinator des Ökumenischen Prozesses „Umkehr zum Leben – den Wandel gestalten“ zur Verfügung. Der „pilger“ hat mit ihm über zentrale Punkte gesprochen. Der erste Teil des Interviews hat die Dimension der Gefahren beschrieben, die sich vor allem aus dem Klimawandel ergeben. Klaus Heidel verwies auf den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung, der von der Notwendigkeit einer „großen Transformation zur Nachhaltigkeit“ spricht. Hier der zweite Teil und Schluss des Interviews.

Herr Heidel, was muss vordringlich geschehen? Müssen wir auch unser Wirtschaftssystem neu denken?

Zuallererst brauchen wir eine Kultur der Nachhaltigkeit. Mit Kultur bezeichne ich die Art und Weise, wie wir denken und reden, handeln, wirtschaften, Politik betreiben, unser Zusammenleben und unsere Gesellschaft gestalten. Diese alle Lebensbereiche umfassende Kultur muss nachhaltig sein, das heißt, sie muss danach trachten, die planetarischen Grenze so wenig wie möglich zu verletzen und zugleich so weit möglich nach sozialer Gerechtigkeit in einem globalen Horizonte streben. Dazu gehört dann in der Tat, dass wir in den reichen und früh industrialisierten Ländern unseren Lebensstil und unsere Wirtschaftsweise radikal ändern. Nicht das Streben nach Wirtschaftswachstum und nach immer höheren Renditen darf unser wirtschaftliches Handeln prägen. Die globalen Finanzmärkte müssen streng reguliert und das Welthandelssystem umgebaut werden.
Das aber heißt: Zur Kultur der Nachhaltigkeit gehört zwingend dazu, dass wir wieder der Politik Vorrang vor der Wirtschaft einräumen, denn nur politisches Handeln kann dafür sorgen, dass die Wirtschaft dem Leben dient. Das gilt in besonderer Weise im Blick auf große Konzerne, Banken, Versicherungen und Investmentgesellschaften. Die Schlagzeilen sind heutzutage voll von Beispielen dafür, was diese Unternehmen tun, wenn sie nicht ausreichend kontrolliert werden.

An welcher Stelle kommt Gott ins Spiel, Schöpfungstheologie oder der Auftrag der Kirchen?

Gott kommt in seiner ganzen Schöpfung ins Spiel. Ihm gehört sie, er ist in ihr gegenwärtig. Die Schönheit Gottes spiegelt sich in seiner Schöpfung und die Schönheit der Schöpfung verweist auf Gott. So zitiert die Enzyklika Laudato Si aus dem Buch der Weisheit: „Von der Größe und Schönheit der Geschöpfe lässt sich auf ihren Schöpfer schließen“. Auf geheimnisvolle Weise ist Christus in der Schöpfung gegenwärtig. Hierzu schreibt Papst Franziskus in Laudato Si', dass „uns die Geschöpfe dieser Welt nicht mehr als eine bloß na- türliche Wirklichkeit [erscheinen], denn geheimnisvoll umschließt sie der Auferstandene und richtet sie auf eine Bestimmung der Fülle aus. Die gleichen Blumen des Feldes und die Vögel, die er mit seinen mensch- lichen Augen voll Bewunderung betrachtete, sind jetzt erfüllt von seiner strahlenden Gegenwart“. Und Gott hat die Einheit der Schöpfung gestiftet, er will, dass wir Menschen uns für diese Einheit einsetzen: „Es ist Gottes Wille, dass die ganze Schöpfung durch die verwandelnde Macht des Heiligen Geistes versöhnt in der Liebe Christi in Einheit und Frieden zusammenlebt“, so heißt es in der Erklärung zur Einheit, die die zehnte Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) 2013 in Busan/ Südkorea verabschiedet hatte. Nicht zuletzt gehört es zum unaufgebbaren Wesen der Kirche, sich für eine solche Welt einzusetzen, die sich
durch Versöhnung und Einheit auszeichnet: „Die Kirche ist eine Gabe Gottes an die Welt, um die Welt zu verwandeln und dem Reich Gottes näherzubringen“, so hieß es in einem Dokument des ÖRK aus dem Jahre 2012.

Haben die beiden großen Kirchen in Deutschland die Größe der Herausforderung, die sich ihnen stellt, erkannt? Bei der Unter- stützung etwa des ökumenischen Prozesses, den Sie begleiten, gibt es wohl noch Luft nach oben...

Auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort. Einerseits setzen sich die Kirchen in Deutschland und weltweit seit Jahrzehnten für die Achtung der Schöpfung ein, zahllose kirchliche Gemeinden und Gruppen engagieren sich für einen achtsamen Umgang mit der Schöpfung, und umfangreich ist die schöpfungstheologische Literatur. Andererseits aber werden bisher aus dem durchaus vorhandenen Wissen um die Dramatik unserer Situation nur zögerliche Konsequenzen gezogen. Noch gilt zum Beispiel vielen Kirchenleitungen die Sorge um kirchliche Finanzen und Gebäude oder um die Stabilisierung des kirchlichen Mitgliederbestandes als vordringlich.

Und was wäre wichtig?

Doch vordringlich ist, dass sich die Kirchen mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln für eine um- fassende Kultur der Nachhaltigkeit einsetzen. Das muss sich in kirchlichen Haushalts- und Stellenplänen spiegeln, sie müssen mindestens zehn Prozent der personellen und finanziellen Ressourcen dafür vorsehen, dass Suchprozesse nach neuen kirchlichen Möglichkeiten zur Mitwirkung an einer Kultur der Nachhaltigkeit möglich werden. Papst Franziskus spricht von der „Dringlichkeit“ einer „mutigen kulturellen Revolution“. Diese Mahnung ist bei den deutschen Kirchen noch nicht angenommen, zumindest wurde ihre Tragweite nicht erfasst.

Welche Bedeutung messen Sie der Enzyklika Laudato Si' von Papst Franziskus bei?

Die Enzyklika ist eines der großen kirchlichen Schlüsseldokumente für die Bewältigung der Herausforderungen im Anthropozän, auch wenn sie den Begriff nicht verwendet. Sie ermutigt zu ganzheitlichen Sichtweisen und radikalen Schritten. Sie lädt ein zu einer spirituellen Erneuerung, aus der prophetisches Reden und Handeln wächst. Sie besingt eine Haltung des Staunens und Lobens, eine Haltung der Anbetung, die befreit von jeder Fixierung auf Konsum, Rendite und Macht. Sie verweist auf den unauflösbaren strukturellen Zusammenhang von ökologischer und sozialer Gerechtigkeit. Und was ich besonders schön finde: in ihren Kernaussagen stimmen die Enzyklika Laudato Si' und jüngere Dokumente des Ökumenischen Rates der Kirchen überein. Hier scheinen mir Bausteine einer neuen ökumenischen Konsenstheologie geschaffen worden zu sein.

Welche christlichen Perspektiven ergeben sich in der aktuellen Epoche der Menschheit?

Für mich ist der Glaube wichtig, dass die ganze Schöpfung und somit auch die Erde, auch das Geschick der Menschen in Gottes Hand sind. Wir müssen die Erde nicht retten, wir könnten das auch gar nicht. Daher können wir getrost das tun, was wir tun können, nicht mehr und nicht weniger. Wir müssen uns weder überfordern noch verzagen. Christliche Hoffnung heißt ja nicht, dass wir auf den Erfolg unserer Handlungen hoffen, sondern darauf, dass Gott mit uns ist, wenn wir Christus nachfolgen. Christliche Hoffnung heißt, dass wir glauben, nicht aus der Liebe Christi fallen zu können, was auch immer geschehen mag. Christliche Hoffnung heißt, dass wir darauf vertrauen, dass uns Gott seinen verheißenen Geist gibt, wenn wir aufbrechen zu neuen Wegen ins unbekannte Land unserer Veränderung. Christliche Hoffnung weiß darum, dass nach dem Kreuz, dem totalen Scheitern, die Auferstehung steht. Gerade weil wir glauben, dass Gott einst Himmel und Erde neu schaffen wird, können wir uns jetzt radikal für diese Erde einsetzen.

Was heißt das konkret für Bistümer oder Pfarreien?

Im Ökumenischen Prozess „Umkehr zum Leben – den Wandel gestalten“ haben wir 2017 ein Impulspapier vorgelegt, das ganz konkrete Vorschläge für kirchliche Such- und Konsultationsprozesse vorträgt. Denn so richtig es ist, dass in unseren Kirchen, in den Gemeinden und Gruppen seit vielen Jahrzehnten Großartiges im Streben nach Frieden, Gerechtigkeit und Achtung der Schöpfung geschieht, so richtig ist auch, dass all dies weiterentwickelt werden muss zu radikalen Beiträgen für eine Kultur der Nachhaltigkeit. Niemand weiß, wie das konkret geschehen kann. Daher brauchen wir in Kirchengemeinden und kirchlichen Verwaltungen, in kirchlichen Schulen und Hochschulen, an theologischen Fakultäten, in den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden und an vielen anderen Orten kirchliche Suchprozesse, Reallabore, Experimentierfelder für eine neue Praxis.
Dafür brauchen wir aber personelle und finanzielle Ressourcen. Denn es geht zum Beispiel um soziale Innovationen. Sie zu entwickeln, ist mindestens so anspruchsvoll wie die Suche nach neuen Technologien. Nicht zuletzt brauchen Christinnen und Christen, die neue Wege – auch in ihrem privaten und beruflichen Le- ben – wagen, die gegenseitige Unterstützung. Hier ist der Aufbruch zu neuen christlichen Gemeinschaften gefragt. Denn der und die Einzelne sind überfordert, wenn sie nach Wegen aus der Krise suchen. Auch diese Aufbrüche zu neuen Gemeinschafts- und Gemeindeformen brauchen Unterstützung. Doch diese Einsichten haben sich in unseren Kirchen noch längst nicht durchgesetzt.

Sie fordern in Ihrem ökumenischen Prozess auf, „den Wandel zu gestalten“. Es ist als noch nicht „fünf nach zwölf“?

Ob es zu spät ist, weiß allein Gott. Wie und wann die Geschichte des Menschen endet, wissen wir nicht. Wir müssen dies aber auch nicht wissen. Denn wir können heute so handeln, als wäre es sinnvoll, das berühmte Apfelbäumchen zu pflanzen. Wir können getrost Christus nachfolgen und Gottes Gebote halten. Ob dann unsere Suche nach einer Kultur der Nachfolge zu einem guten Ziel führt, entzieht sich unserer Kenntnis. Wir sind aber auch nicht verantwortlich dafür, dass dieses Ziel erreicht wird. Wir sind nur dafür verantwortlich, das zu tun, was uns aufgetragen ist. Und wenn wir das tun, wird Gott bei uns sein, wird uns die Liebe Christi tragen und der Heilige Geist erleuchten.

Interview: Norbert Rönn
 

Unser Gesprächspartner

Klaus Heidel, Historiker, 1983 Mitgründer der Werkstatt Ökonomie e. V. in Heidelberg und seither dort beschäftigt, seit 2012 Koordinator des Ökumenischen Prozesses „Umkehr zum Leben – den Wandel gestalten“, eines informellen Netzwerkes von 25 Kirchen und kirchlichen Organisationen; zahlreiche Publikationen, unter anderem: Brigitte Bertelmann, Klaus Heidel (Hrsg.), Leben im Anthropozän. Christliche Perspektiven für eine Kultur der Nachhaltigkeit, oekom Verlag,München, 2018.

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