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Freitag, 21. September 2018: Ein Kloster beschäftigt sich mit Straßenbau und Blutrache

Der letzte Tag führt uns heute an den nordwestlichen Stadtrand von Shkodra nach Dobraç, wo wir die Schwestern der Spirituellen Weggemeinschaft besuchen. Mit Schwester Maria Christina Färber arbeitet hier eine langjährige Projektpartnerin von Renovabis, die seit 1999 im Land arbeitet, als sie von Caritas Deutschland zur Hilfe bei der Flüchtlingskrise im Kosovo geschickt wurde. Im Jahr 2003 trat sie der kleinen Ordensgemeinschaft mit insgesamt neun Schwestern bei, die ihr Mutterhaus in der Schweiz hat. Heute steht sie als Oberin dem Orden vor. Mit ihr arbeitet hier die Schweizer Schwester Michaela und 25 festangestellte Mitarbeiterinnen,  die oft häusliche Gewalt erlebt haben oder in Blutrache leben. Man möchte die Frauen so aus der Opferrolle holen, in dem sie den am Rand der Stadt und Gesellschaft lebenden Menschen in schwierigen Lebenslagen helfen.

Das Kloster der Schwestern ist erste Anlaufstelle für die Menschen in allen Lebens- und Notlagen, unterstützt werden dabei Projekte im Gemeinwesen und der Nothilfe, wo die problematischen Themen interne und externe Migration, Gesundheitssystem, soziale Situation in den Familien, Kriminalität und Blutrache eine wesentliche Rolle spielen. Im Einzugsgebiet des Klosters leben sowohl katholische als auch muslimische Menschen, die von den Bergen an den Stadtrand gekommen sind. In den Bergen haben die Männer Verantwortung übernommen, in ihrer neuen Heimat am Stadtrand „versiffen“ sie von Heimweh geplagt und verfallen in Depressionen und dem Alkoholismus. Die Arbeitslosigkeit liegt bei über 90%, gelegentlich gibt es Schwarzarbeit auf dem Bau.

Als die Schwestern sich mit ihrem Kloster ansiedelten, fragten sie die Männer, was sie hier am dringendsten bräuchten. Eine Straße als Zugang zu dem Viertel wird als wichtig und vorrangig notwendig erachtet. Die Schwestern kümmerten sich dann um die Finanzierung der Straße, während die Männer ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellten. Bedingung der Schwestern war, dass es keine Gewalt während der Arbeiten geben dürfte.

Ein weiteres Projekt war die Anschaffung von Mülltonnen für die Bewohner am Stadtrand und die Organisation einer regelmäßigen Abholung und Entsorgung in einer der Müllhalden der Stadt. Die Themen Umwelt und Nachhaltigkeit spielen keine Rolle. In Shkodra gibt es keine Kläranlage, so dass die Abwässer ungereinigt in den Fluss geleitet werden. Auch der „Tourismus“, den man anzukurbeln versucht, lässt nachhaltige und umweltschonende Fragen ausgeklammert, wenn man die Touristen z.B. auf Bärenjagd schickt.

Die organisierte Kriminalität zeigt sich im Frauenhandel, der von hier aus nach ganz Europa geht, im Handel von Drogen und den Bandenkriegen zwischen Clans unter Einbeziehung der Zivilbevölkerung, so dass in der Ambulanz der Schwestern die Behandlung von Schusswunden keine Seltenheit ist. Der Besitz von Waffen ist gesellschaftsfähig, wenn jeder Junge als Initiationsritus zum Mann-Werden eine Waffe erhält, was auch in der kommunistischen Zeit gefördert wurde im Kampf gegen und zum Schutz vor fremden Mächten.

Die Schwestern werden oft zur Sterbebegleitung gebeten, wenn für die Menschen hier das Leben einen nicht so hohen Wert hat. Bei der Begleitung ist den Ordensfrauen die Religion der Sterbenden nicht wichtig, Schwester Christina formuliert es so: „ Es spielt keine Rolle, wer der richtige Gott ist, es gibt einen Gott und das zählt!“

Das Gesundheitssystem in Albanien teilt sich in ein staatliches und privates System, wobei die staatliche Versorgung eingeschränkt ist, während im privaten Bereich alles mit Geld zu haben ist. Viele Ärzte sind morgens im staatlichen System und nachmittags in Privatkliniken tätig. „Die Krankheit ist der Ruin der Menschen,“ sagt Schwester Christina und berichtet von 2000 Patienten, die die Schwestern in ihrer Ambulanz 2017 behandelt haben.

Nach dieser Einführung in die Probleme und Nöte der Menschen in Dobraç besuchen wir das von den Schwestern betriebene Kinder- und Jugendhaus „Arche Noah“. In dem ursprünglich für 25 Kinder gebauten Haus werden mittlerweile 80-85 Kinder in 3 Gruppen zwischen drei und fünf Jahren vormittags von 8:30 Uhr bis 13:00 Uhr betreut an 4 Tagen der Woche, wobei der Montag ein reiner Schulungstag für die Betreuerinnen ist.

Im Anschluss feiern wir mittags mit den Schwestern in ihrer Hauskapelle eine Heilige Messe, wo die vielfältigen Themen, Probleme und Sorgen ausgesprochen und im stillen Gebet auch ihren Platz haben. Nach einer kleiner Stärkung teilt sich unsere Gruppe und besucht mit den Schwestern zwei Familien, um einen kleinen Einblick in die Realität der Menschen hier zu bekommen. Ich nehme am Besuch einer Familie teil, die in die Problematik der Blutrache verstrickt war.

Die '''Blutrache''' ist ein Prinzip Sühne von Verbrechen, bei dem Tötungen oder andere Ehrverletzungen durch Tötungen gerächt werden. Sie stellt die Ultima Ratio der Konfliktbewältigung innerhalb der Fehde dar. Hierbei straft die Familie des Opfers den Täter und seine Familie oftmals auch aus der Absicht heraus, die vermeintlich verlorene Familienehre wiederherzustellen. Unter ''Familie'' ist dabei mancherorts nicht nur die biologische Verwandtschaft zu verstehen, sondern auch ein Clan oder eine Verbrecherbande. Ein Ausgestoßener, für den sein Clan keine Blutrache üben würde, ist in diesem System schutzlos. In abgelegenen Regionen Nordalbaniens regelt der Kanun (örtliche gewohnheitsmäßige Vorschrift) seit 500 Jahren die Blutrache.  

Im konkreten Fall der Familie, die wir besuchen, hatte eine Kusine ihre Verlobung gelöst, wodurch die Blutrache ausgelöst wurde. Es wurde geschossen und die Sippe fast auseinander getrieben. „Das Blut war heiß“, und die die Blutrache verjährt erst nach 100 Jahren. Betroffen können dabei durchaus 30 oder mehr Personen eines Clans sein. Die Schwester konnte im Fall vermitteln und eine Versöhnung erreichen. Im Gespräch erklärt uns die Schwester und die Mutter den Fall der Familie. In Anwesenheit des Schwiegersohns schweigen dann die Frauen und die Schwester richtet das Gespräch an den Mann in der Runde, was so üblich ist, und befragt ihn diplomatisch zu seiner Meinung zum Theme Blutrache. Er ist gläubig, aber der Kanun ist für ihn verbindlich und er wird die Inhalte auch seinen Kindern so vermitteln. „Die Blutrache – das „Blut nehmen“ ist kein Mord,“ erklärt uns der junge Mann ohne lange zu überlegen. Ein für uns schwer verstehbares Phänomen, wenn uns später auch die Schwestern erzählen, dass alleine in Shkodra ca. 500 Sippen in Blutrache leben. Aus Angst verlassen sie nicht ihre Häuser oder fliehen an entfernte Orte bis auch ins Ausland.

Nach einer Reflektion des Tages mit den sehr beeindruckenden und noch zu verarbeitenden Themen, stellen wir Teilnehmer vor allem den großen Einsatz der Schwestern heraus, was uns nachhaltig bewegt und beeindruckt. Vielleicht fasst es Schwester Christina treffend so zusammen: „Das Volk ist durstig nach Gott, aber es fehlen die Hirten!“ Wir sind überzeugt heute zwei „Hirten“ getroffen zu haben, die authentisch die Botschaft Jesu Christi an den Rändern von Shkodra leben! Danke für diese beeindruckende Zeugnis!

Am Abend hat die Jugendgruppe der Schwestern ein Buffet für uns vorbereitet, das wir im Kinder- und Jugendhaus einnehmen können. Der Abschiedsabend wird umrahmt von einem Tanzprogramm der Jugendlichen. Im Gespräch mit den jungen Menschen wird deutlich, dass die Schwestern auch hier eine wichtige Aufgabe wahrnehmen, wenn wir hier auf kritische und selbstbewusste Jugendliche treffen, das gibt Mut!

Am nächsten Morgen trennen sich die Wege der Gruppe wieder. Christoph Fuhrbach macht sich um 4.30 Uhr mit dem Fahrrad auf den Weg Richtung Sarajevo. Ich fahre mit zwei Gruppenteilnehmern um 7 Uhr mit einem Taxi zum Bahnhof nach Podgorica in Montenegro, wo uns ein Zug in 10 Stunden Fahrt in die serbische Hauptstadt Belgrad bringt. Hier verbringen wir den Sonntag und wenn Sie nun diesen Artikel am Montag lesen, sind wir auf der letzten Etappe der Rückreise, die am Sonntagnacht von Belgrad nach Budapest führt und dann am Montag von Budapest über Wien wieder zurück in die Heimat. 

 

Donnerstag, 20. September 2018: Die 38 Märtyrer

Heute halten wir uns de ganzen Tag in Shkodra auf. Zu Fuß gelangen wir zum Bischofshaus, wo uns der Erzbischof Dr. Angelo Massafra OFM begrüßt. Seine Diözese umfasst Shkodra und Pult. Seit 25 Jahren ist der Italo-Albaner in Albanien tätig, davon 21 Jahre als Erzbischof. Er gibt uns einen Überblick über die Kirchengeschichte des Bistums.

Im Anschluss besuchen wir die Kathedrale in Shkodra, die dem Hl. Stephanus geweiht ist. Seit 1742 gibt es eine Bischofskirche in der Stadt. Nach der berüchtigten „Kulturrevolution“ von 1967, als alle religiösen Gebäude geschlossen wurden, wurde der Dom zu einer Sporthalle umfunktioniert. Es dauerte bis zum März 1991, dass man die Wiedereröffnung der Kathedrale feiern konnte. Am 25. April 1993 feierte der Heilige Papst Johannes Paul II. in Anwesenheit der Heiligen Mutter Theresa von Kalkutta eine Messe in der Kirche während seines Albanienbesuchs.  Die 38 Märtyrer von Albanien als Opfer des Enver-Hoxha-Regimes in der Zeit zwischen 1945 und 1974 wurden am 5. November 2016 in der Kathedrale von Shkodra selig gesprochen.

Das neben der Kathedralkirche liegende Diözesanmuseum Shkodra-Pult ist unser nächstes Besuchsziel. Dort wird anschaulich die Geschichte des albanischen Volkes und seines christlich-katholischen Glaubens erzählt. Kunstwerke, sakrale Gegenstände, Fragmente, Dokumente und Zeugnisse verknüpfen den persönlichen Glauben mit der Kirchengeschichte. Der oft bekämpfte, unterdrückte und staatlich verbotene Glaube und Religionsvollzug, der traditionell am stärksten im Norden Albaniens verwurzelt ist, reicht bis in die Anfänge des Christentums der Apostel zurück und hat hier einen würdigen Ort der Bewahrung und Dokumentation gefunden.

Nach einem kurzen Besuch im Büro von Justitia et Pax Albanien führt uns Luigj Mila, Präsident von Justitia et Pax, zum „Projekti Shpresa“, dem „Hoffnungsprojekt“, wo Waisenkinder und Kinder und Jugendliche mit verschiedensten Behinderungen in Familiengruppen untergebracht sind, die in ihren eigenen Familien keine adäquate Betreuung und Förderung erhalten. Wir schauen uns zwei Häuser des Projekts an und werden dort mit einem kleinen Imbiss verwöhnt. Als für dieses Projekt von einer Italienerin gegründet eine Nachfolgeregelung in der Leitung gesucht wurde, hat zunächst einmal Justitia et Pax die Aufgabe übernommen, um eine Schließung der Einrichtung zu verhindern.

Letzter Programmpunkt des Tages ist ein Besuch im Gedenkmuseum im ehemaligen Gefängnis der Geheimpolizei Sigurimi, was heute eine Gedenkstätte und ein Klarisinnen-Kloster beherbergt. Es ist die erste Gedenkstäte für die Opfer des kommunistischen Regimes in Shkodra. Das Gebäude aus dem 19. Jahrhundert war ursprünglich in Privatbesitz, bis es 1930 die Franziskaner kauften und dort ein Kolleg für Diözesanpriester öffneten. 1946 wurde das Gebäude durch die Kommunisten konfisziert und wurde Teil des Innenministeriums, wo dem Regime verdächtige Personen verhört und in Untersuchungshaft schwer misshandelt wurden. Es wird hier sowohl eine gut gestaltete Dokumentation präsentiert als auch die Möglichkeit geboten, Gefängniszellen der damaligen Zeit zu besuchen. Auch hier steht unsere Gruppe wieder betroffen dem Leid vieler Menschen gegenüber, Parallelen zum kommunistischen Deutschland der DDR sind erkennbar. Zumindest war der Fall der Berliner Mauer auch ein Signal für die Menschen in Albanien, die Schreckensherrschaft des kommunistischen Regimes zu beenden.

Im Anschluss sind ein paar Stunden freie Zeit für die Teilnehmer vorgesehen, die für Fahrradtouren, Stadtbummel, Ausruhen, … genutzt werden. Zum Tagesabschluss reflektieren wir den heutigen Tag auch unter dem Gesichtspunkt, was sich aus der Reise für die Arbeit in den einzelnen Diözesen ergeben kann. Mit einem Bummel in die Stadt und dem gemeinsamen Essen endet der Tag.

Mittwoch, 19. September 2018: Aufbauarbeit mit Wein, Milch und Honig

Der Tag beginnt mit der Fahrt in den Ort Vau-Dejës, wo wir um 9:30 Uhr eintreffen und Bischof Simon Kulli treffen.  Er ist seit vergangenem Jahr Bischof der alten Diözese Sapa, die sich über 6 Städte und 290 Dörfer erstreckt. 80% der Bevölkerung lebt in den Bergen. 20 Diözesan- und 29 Ordenspriester untertsützen den Bischof in der pastoralen Arbeit im Bistum. Bei der Vorstellung seiner Diözese, in der Katholiken und Muslime zu etwa gleicher Zahl leben, hebt er das friedliche Miteinander von Kirche und Staat hervor und dankt für die Unterstützung von Renovabis für eine Region, die sich oftmals abgekoppelt von anderen Unterstützungen sieht.

Im Anschluss richtet der Bürgermeister von Vau-Dejës einige Dankesworte an Renovabis. Für die Stadt mit ca. 50.000 Einwohnern ist besonders die Unterstützung in den Bereichen Bildung, Gesundheitswesen und ländliche Entwicklung hervorzuheben, wo es nur eine eingeschränkte Infrastruktur zu den umliegenden Dörfern gibt mit keinen oder nur sehr schlechten Straßen und Brücken.

Der ehemalige Caritas-Direktor und heutige Präsident der Stiftung “Partneritet per Zhvillim” – “Partnerschaft für Entwicklung” Dr. Tom Preku gibt danach einen ausführlichen Überblick über Projekte, die hier im ländlichen Bereich vom Vorgängerbischof der Diözese angestossen wurden. Auch er betont nochmals die schlechte Infrastruktur vor allem in Bezug auf die Anbindung der Dörfer zu den Städten. Wie in allen kommunistischen Systemen hatte sich der Staat in der Vergangenheit um alles gekümmert. Nach dem Zusammenbruch des Systems war es nun an den Menschen, viele Entscheidungen und Aufgaben selbstbestimmt zu übernehmen. Das war für den Bischof der Diözese im Jahr 2011 der Ausgangspunkt, Projekte in der Landwirtschaft der Region anzugehen in den Bereichen Weinbau, Milchverarbeitung, Bienenzucht und Obstanbau.  Im Weinbau konnte man so eine Ausweitung der Anbauflächen von 60ha auf 250ha erreichen mit einer Mengensteigerung von 60.000 auf 400.000 Kilogramm Trauben. Es fand eine Bewusstseinsbildung im Bereich Flora statt, um die Menschen zur Nutzung und Verwertung für sie unbekannter Pflanzen, Kräuter und Pize anzuregen auch im Bereich der medizinischen und heilenden Wirkung.

Nach einem Mittagsimbiss führt uns der Bürgermeister in ein Randgebiet der Stadt mit einfachsten Behausungen. Er weist dort auf die schwierigen Lebensumstände der Menschen hin mit einem unzureichenden Wasser- und Abwassersystem für die einzelnen Haushalte. Es wird deutlich, dass die kleinen Orte oft von der Verwaltung bei der Zuweisung staatlicher Gelder vergessen werden.

Danach besuchen wir eine kleine Käserei, die die Milch der umliegenden Bauern zu verschiedenen Käsesorten weiterverarbeitet.

Es schließt sich der Besuch in der ländlichen Winzergenossenschaft an. In der Gegend wird traidtionell Wein angebaut, rote und weiße Trauben wachsen hier auf 320.000ha Land. Renovabis konnte hier mit adäquaten Maschinen für die Genossenschaft und Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen finanzielle Unterstützung leisten. Bei einer Verkostung können wir uns von der guten Qualität des Weins überzeugen.

Die Fahrt auf dem Land führt uns abschließend zu einer Imkerei. Auch dort wird nochmal deutlich darauf hingewiesen, dass die Regierung diese abgelegenen Gebiete nahezu vergessen hat und die Kirche oft einziger Hoffnungsträger für die Menschen ist, die ihnen ihre Würde zurückgibt, was dann blumig so formuliert wird: “Ohne die Kirche würden wir nicht nach Menschen riechen”. Auch hier dürfen wir uns von der Qualität des Endprodukts Honig bei einer Verkostung überzeugen.

Am Ende des Tages steht ein Gottesdienst in der Klosterkirche Nenshat im Kloster von Karmelitinnen auf dem Programm, wo wir nach Halbzeit der Reise auch unsere Gedanken und Eindrücke in frei formulierten Fürbitten zum Ausdruck bringen. 

 

Dienstag, 18. September 2018: Albanien aus deutscher Perspektive

Nach dem Gespräch gestern mit dem Erzbischof von Tirana, der uns Einblicke in die kirchliche Realität des Landes gab, haben wir heute die Möglichkeit, die Sicht der Bundesrepublik Deutschland auf das Land Albanien bei einem Treffen mit dem ständigen Vertreter der Deutschen Botschafterin, Herrn Johannes Dietrich zu erörtern.

Der Diplomat gibt eine Einführung in das Land Albanien und stellt sich dann im Anschluss den Fragen der Mitglieder unserer Reisegruppe. In Albanien gab es die fürchterlichste kommunistische Diktatur, vergleichbar mit der Situation heute in Nordkorea. Das ist wichtig zu beachten, wenn man schaut, wo das Land herkommt. Nach Ende der kommunistischen Diktatur gab es politische Unsicherheit im Land bis hin zur Anarchie.

Seit 2014 ist Albanien ein sog. “Kandidatenland” für die Europäische Union. Wichtigste Aufgabe der Botschaft ist die Begleitung in finanzieller und beratender Funktion hin zu einem möglichen Beitritt in die EU. Der nächste Schritt wäre jetzt die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen, d.h. ein Abgleich der Situation, Gesetze und Institutionen vor Ort mit den Vorgaben seitens der EU. Danach käme eine politische Entscheidung seitens der EU-Länder zu einem möglichen Beitritt des Landes.

Die Bundesrepublik Deutschland ist der größte bilateraler Geber als Einzelstaat in der Entwicklungszusammenarbeit mit Albanien, bis jetzt sind dabei ca. 1 Milliarde EUR geleistet worden. Für Deutschland gilt dabei als Ziel, dass Albanien eine Stabilitätsrolle in der Region spielen soll.

2,8 Millionen Menschen leben in Albanien, noch einmal die Hälfte lebt im Ausland neben Italien und Griechenland u.a. auch in Deutschland. 2015 kamen 50.000 Albaner im Asylverfahren nach Deutschland, 2016 immer noch 20.000, heute ist die Zahl rückläufig und man bietet den Menschen hier ein reguläres Verfahren, sich um ein Arbeitsvisum zu bewerben, die Nachfrage ist sehr groß, so dass Warte- und Bearbeitungszeiten von einem halben Jahr durchaus üblich sind. Ca. 150 Bewerber suchen die Botschaft täglich auf, bearbeitet werden etwa 60-80 Anträge am Tag.

Die Botschaft ist im Interessenskonflikt z.B. im Bereich Gesundheitswesen und Pflege. Deutschland benötigt Pflegekräfte und konkurriert dabei mit dem lokalen Gesundheitswesen, das in Albanien zu viele Menschen ausbildet, die danach aber keine Arbeitsplätze im Land bekommen, obwohl ein Bedarf vorhanden wäre. Somit findet eine Abwanderung von Fachkräften statt, die eigentlich im Land gebraucht würden.

Der Kampf gegen die organisierte Kriminalität im Bereich des Drogen- und  Menschenhandels steht momentan nicht prioritär auf der Agenda. Hier wäre sicher noch mehr zu tun, wie auch der Diplomat im Gespräch deutlich macht. Auch im Bereich Bandenkriminalität muss mehr getan werden, der Schlüssel liegt hier in der engen Zusammenarbeit beider Länder auf der Ebene der Polizei.

Abschließend auf die Frage nach der Bedeutung der Religion angesprochen, zitiert der Diplomat eine Studie der UN, aus der hervorgeht, dass Religion heute in Albanien eine eher geringe Rolle spielt. Es gibt ein vorbildliches Zusammenleben der 5 Religionsgemeinschaften vor Ort, was sehr positiv bewertet wird.

Nach diesem Gespräch verlassen wir die Hauptstadt Tirana und fahren in den Norden des Landes. Auf dem Weg besuchen wir die Stadt Rrëshen, wo uns der “jüngste Bischof der Welt”, Bischof Gjergj Meta begrüßt, der im vergangenen Jahr mit 41 Jahren zum Bischof geweiht wurde. Er ist jünger als seine 5 Diözesanpriester, die ihn bei der pastoralen Arbeit der ca. 25.000 Katholiken der Diözese unterstützen. Engagiert und motiviert erzählt er uns, dass für ihn nicht die Errichtung von Gebäuden und die Ausführung weiterer Projekte auf der Agenda an erster Stelle stehen, sondern er vielmehr zusammen mit den Priestern, Ordensleuten und Gläubigen der Diözese berät, wohin die Reise der Kirche in Rreshen gehen soll, in einer ländlich-armen Gegend, wo schon 50% der Bevölkerung abgewandert sind. Nach dem Besuch der bescheidenen Kathedrale sind wir zu einem Imbiss in einem Berufsbildungszentrum eingeladen, das von italienischen Patres geleitet wird. Nach der mittäglichen Stärkung können wir uns ein Bild des Zentrums machen, als wir die Klassen- und Ausbildungsräume anschauen. Hier können Jugendliche aus dem ländlichen Raum eine solide Ausbildung erwerben, die ihnen bessere Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt bietet.

Unsere Fahrt führt uns dann weiter in das ehemalige Arbeits- und Straflager Spaç, das heute eine Gedenkstätte ist und von Mitarbeitern von Justitia et Pax in Albanien mit Unterstützung von Renovabis und dem Maximilian Kolbe Werk erhalten wird. Abgelegen auf etwas schwer zugänglichen Straßen liegt das Straflager in den Bergen Nordalbaniens, wo bis 1991 politische Gefangene in den Kupfer- und Pyrit-Minen Zwangsarbeit verrichten mussten. Es gilt als eines der schlimmsten Gefängnisse des Landes, wo Tausende von vermeintlichen Gegnern des kommunistischen Regimes lange Haftstrafen verbüssen mussten. Das Gefängnis wurde 1968 eröffnet. In der sommerlichen Hitze von über 40 Grad Hitze und bei Temperaturen bis minus 20 Grad im Winter waren dort bis zu 1400 Gefangene eingesperrt in einer Anlage, die für 400 Menschen errichtet worden war. Man zwang sie dort unter schwierigsten Bedingungen zu Sklavenarbeit in den Minen unter gesundheitsschädigenden Bedingungen. Viele der Gefangenen wurde misshandelt und getötet, andere überlebten nicht die harten Arbeitsbedingungen. Im Mai 1973 erhob sich ein Aufstand der Insaßen und gilt als erste Revolte gegen das kommunistische Regime in Albanien. Dabei wurde erstmals die Landesfahne ohne kommunistischen Stern gehisst. Nach drei Tagen gelang es Spezialkräften das Gefängnis wieder unter Kontrolle zu bringen, vier Häftlinge wurden dabei erschossen. 1991 wurden die Arbeitslager für politische Gefangene in Albanien und somit auch Spaç geschlossen, nachdem das kommunistische System zusammengebrochen war.

Mit unermüdlichem Einsatz versuchen die Mitarbeiter von Justitia et Pax in Albanien die Erinnerung an diesen schmerzlichen Teil der Geschichte des Landes aufrecht zu erhalten, oft ohne staatliche Unterstützung und Anerkennung ihrer Arbeit. Beeindruckt und betroffen werden wir über diese Anlage geführt. Im Gedenken an die Opfer in Spaç schließen wir unseren Besuch mit einem Gebet für die Opfer der kommunistischen Diktatur Albaniens ab.

In den frühen Abendstunden fahren wir weiter nach Shkodra im Norden des Landes, was nun Unterkunft und Ausgangspunkt für die nächsten Tage der Reise sein wird. In unserem Hotel lassen wir dann bei lokalen Speisen und landestypischer Musik den ereignisreichen Tag ausklingen. Gegen 21 Uhr erreicht dann Christoph Fuhrbach mit seinem Fahrrad unsere Gruppe, der bei der Anreise leider etwas vom Pech verfolgt war und nun glücklich und sicher angekommen, die übrigen Tage der Reise als Vertreter des Bistums Speyer begleiten kann.

 

Montag, 17. September: Die Katholische Kirche in Albanien erlebt ihren Frühling

Am frühen Morgen wird es immer frischer und gegen 5.30 Uhr erlebe ich wie sich der Horizont langsam rot einfärbt und sich ein neuer Tag ankündigt. Schon dafür hat sich die Nacht draußen gelohnt: Was für ein spektakulärer Sonnenaufgang! Wir nähern uns dem albanischen Festland, das bergenreiche Balkanland ist langsam deutlicher zu erkennen und dann ist auch wieder eine Handy- und Internetverbindung da. Auf Facebook teile ich meine Erfahrungen in Bild und Wort und lese auch erste Nachrichten der übrigen WhatsApp-Renovabis-Gruppe, die sich aus München und Frankfurt auf den Weg nach Tirana macht.

Kurz vor 8 Uhr morgens kommen wir in Durres an und das große Fährschiff manövriert sicher an die Anlegestelle im Hafen. Gemütlich verlassen wir das Schiff und betreten albanischen Boden. Wir verlassen das Fährterminal und trinken im Hafengebiet zunächst mal einen Kaffee, der die Lebensgeister weckt und die harte Bank auf dem Deck des Schiffes vergessen macht. Mit unserem Gepäck laufen wir durch die Hafenstadt Durres, viele Geschäfte sind dort zu bewundern, ein altes Amphitheater kann besichtigt werden. Die Hitze macht uns zu schaffen und so erfrischen wir uns nochmal bei einem Frozen Joghurt und einem Eiskaffee mit Vanillegeschmack, letzteres war natürlich meine Getränkewahl. Auf der Hafenpromenade geht es dann wieder zurück Richtung Fährterminal, wo wir eine Kleinigkeit zu Mittag essen, verschiedene Gemüse mit Reis und Fleisch, lecker!

Um 13 Uhr bringt uns ein Bus von Durres zum Flughafen nach Tirana, wo wir gegen 13:45 Uhr ankommen, eine Gruppenteilnehmerin, die ab Frankfurt geflogen ist, begrüßt uns dort, die übrigen Flugreisende ab München mit Umstieg in Ljubljana landen wenige Minuten später. Als die Gruppe komplett ist fahren wir ins Hotel Opéra ins Zentrum von Tirana, wo wir eine Nacht bleiben werden. Dort endet dann meine interessante Anreise nach ca. 50 Stunden – mit Begeisterung freue ich mich auf eine Dusche und das Wechseln der Kleidung.

Begegnung und Austausch mit Erzbischof George Frendo OP 

Um 16 Uhr findet sich die Gruppe wieder zusammen, um sich erst einmal kurz gegenseitig vorzustellen, bevor es dann zu Fuß zur Kathedrale geht, wo wir Erzbischof George Frendo OP treffen. Der aus Malta stammende Priester ist seit 1993 in Albanien tätig, zuerst in Durres, bevor er dann Weibischof und schließlich Erzbischof von Tirana wird. Anfang der 1990er Jahre gab es kaum Unterschiede zwischen arm und reich, berichtet uns der Bischof und erklärt, dass das heute ganz anders ist. Die Schere zwischen Armen und Reichen geht immer weiter auseinander, eine Mittelschicht fehlt im Land und viele Menschen sind ohne Arbeit. Der Mindestlohn beträgt ca. EUR 150.- im Monat. Bildung bezeichnet Erzbischof George als zukunftsweisend für ein Land, hängt davon doch die Entwicklung und Weiterentwicklung ab. So gut und wichtig die Bildung auch ist, haben es selbst gut ausgebildete Menschen in Albanien schwer einen adäquaten Arbeitsplatz zu finden, muss der Bischof eingestehen, so dass eine große Abwanderung aus dem Land ins Ausland zu beobachten ist.

Der Erzbischof geht auf die besondere Rolle der Katholiken ein, die erst über 4 Jahrhunderte von den Türken unterdrückt wurden, in dem sie mehr Steuern bezahlen mussten und nicht alle Posten im Staat besetzen durften. Auch das kommunistische Regime, das grundsätzlich die Ausübung von Religion verbat, benachteiligte insbesondere die Katholiken, die sie als Spione des Papstes und durch ihre unabhängige Ausbildung als Gefahr ansahen. Aus diesem Grund sind die Katholiken an Universitäten und im Parlament auch heute noch unterrepräsentiert. Angesprochen auf den interreligiösen Austausch spricht der Erzbischof von Toleranz und Harmonie zu den Moslems und hat gerade alle im Land vertretenen religiösen Gruppen zum aktiven Austausch eingeladen. Auch die Sekten gewinnen an Bedeutung im Land, vor allem an Orten, wo Priester fehlen. Ihm selbst stehen in seinem Bistum 34 Priester zur Verfügung, 30 ausländische Priester und 4 Albaner – 2 Diözesan- und 2 Ordenspriester.

Gefragt nach seiner Meinung zu einem möglichen Beitritt des Landes in die EU befürwortet er dies ebenso wie 90% der Bevölkerung das bei einer Umfrage taten. Ein Beitritt fördere weitere notwendige Reformen wie z.B. in der Justiz und im Kampf gegen Korruption. Man pokert ein wenig mit dem Beitritt, da neben der EU auch die Türkei Interesse an einer Zusammenarbeit mit Albanien hat. Abschließend dankt der Bischof nochmals den Heimatdiözesen der Reisegruppe für ihre Hilfe und Unterstützung durch RENOVABIS und stellt fest, dass die Kirche in Albanien ihren Frühling erlebt, was er weder von seiner Heimat Malta noch wir aus unseren Heimatgemeinden berichten können, wenn wir eine immer größer werdende Überalterung der Kirchenbesucher feststellen.

Im Anschluss besuchen wir noch kurz die Kathedrale, in der wir Mutter Theresa als Albanerin in einem großen Bild sehen, wie auch vor der Kathedrale mit einem Standbild und auch der relativ neue Flughafen der Stadt ist nach der Heiligen benannt.

Nach dem Besuch des Bischofs schauen wir uns in der Stadt um, bevor es dann zu einem Abendessen mit typischen albanischen Spezialitäten geht. Mit der Zusammenfassung der ersten drei Tage der Reise geht dann auch kurz nach Mitternacht mein Tag zu ende und ich freue mich nach zwei kurzen Nächten in Zug und Fähre auf ein paar mehr Stunden Schlaf.

Zwei Pfälzer auf Renovabis-Projektreise in Albanien

Vorbemerkung:

Das südosteuropäische Land Albanien ist Ziel einer Renovabis-Projektreise für Haupt- und Ehrenamtliche aus den bayerischen Diözesen. Aus unserem Bistum nehmen Christoph Fuhrbach als Weltkirchereferent und Stefan Angert aus dem Katholikenrat an dieser Reise vom 17. – 22. September teil.

Mit Albanien fällt die Wahl auf ein Land, das bis heute unter der extrem ideologisch und rigide geführten kommunistischen Diktatur des Enver Hoxha (Machthaber von 1944 bis 1985) zu leiden hat. Albanien erklärte sich im November 1967 zum ersten atheistischen Staat der Welt. Mit diesem Datum begann eine Zeit grausamer Unterdrückung von Kirche und jeglicher religiöser Praxis bis zum Zusammenbruch des Systems mit schweren  Unruhen  im  Jahr 1991.

Heute gehört das Land zu den südosteuropäischen Beitrittskandidaten der Europäischen Union. Der Beitritt dürfte jedoch noch in weiter Ferne liegen. In wirtschaftlicher Hinsicht konnte das Land nach dem Zusammenbruch des alten Regimes nicht zu einer nachhaltig stabilen Entwicklung finden. Die extrem hohe Arbeitslosigkeit, die katastrophale soziale Situation und die anhaltend hohe Arbeits-Migration sind Belege  dafür.

Vor diesem Hintergrund werden sich die Reiseteilnehmer an verschiedenen Beispielen einen Einblick in das Engagement der Kirche und ihren Einsatz für die Entwicklung des Landes und die dort lebenden Menschen verschaffen.

Das Programm und darauf abgestimmt die Auswahl der besuchten Projekte beinhalten folgende Schwerpunkte:

  • Kirche als Minderheit in einem muslimischen Land
  • (Binnen-)Migration, Frauenhandel
  • Aufarbeitung gewaltbelasteter Vergangenheit
  • Situation der Bevölkerung in ländlichen Regionen
  • Gesetz der „Blutrache"

 

Stefan Angert,  Mitglied des Katholikenrats der Diözese Speyer und Mitwirkender im Sachausschuss "Globale Verantwortung", berichtet in Text und Bild von der Reise.


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