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Impuls: Wunden aufreißen

„Ich möchte mich mit meiner Trauer nicht auseinandersetzen.
Ich habe Angst, dass alte Wunden wieder aufreißen.
Das halte ich nicht aus… Ich bin froh, dass ich schon so weit gekommen bin…“

Kommt Ihnen dieser Satz bekannt vor?

Ich verstehe das so gut. Wer leidet schon gerne? Wer geht schon gerne freiwillig wieder
einige Schritte zurück und setzt sich all´ den Gefühlen, Gedanken und Emotionen aus,
die den Verlust eines lieben Menschen auf so schmerzliche Weise zum Ausdruck bringen.

Es liegt doch oftmals harte (Trauer-)Arbeit hinter einem Menschen, der schon viel geweint
und getrauert hat und den Schmerz des Verlustes Tag für Tag neu ausgehalten hat.

Man wäre doch dumm, man würde sich bewusst und willentlich erneut diesen Emotionen
aussetzen, oder?

Sollte man nicht besser froh sein, wenn man es irgendwie bisher geschafft hat, und der
Trauer Raum gegeben oder sie gar verdrängt hat?

Das ist nicht der richtige Weg. Leider!
Auch ich wurde eines Besseren belehrt:

Mein Vater ist beinamputiert. Zufällig war ich während der Visite des Arztes
bei ihm. Ich durfte im Zimmer bleiben.
Kurz vor der Visite haben wir uns noch darüber unterhalten, dass die Wunde
nicht mehr blutet und nässt. Ein klein wenig Haut hat sich über die Wunde
gezogen. Eine kleine Kruste hat die Wunde bedeckt. Sehr gut! – dachten wir.

Der Arzt nahm eine Pinzette und riss – ohne ein Wort zu sagen – diesen kleinen,
in unseren Augen so kostbaren Hautfetzen von der Wunde herunter.
Blut schoss aus der Wunde heraus und tropfte auf das Tuch!

Ich stand fassungslos am Bett und Tränen schossen mir in die Augen.
Nach einigen Sekunden war ich in der Lage, meiner Fassungslosigkeit
Worte zu geben und fragte: „Was machen Sie denn da?
Musste das wirklich sein? Sie haben die Wunde wieder aufgerissen.
Jetzt blutet sie wieder!“

Der Arzt schaute mich an und sagte: „Die Wunde muss von innen heraus heilen.
Das ist der einzige Weg, damit es gut werden kann! Haben Sie keine Angst.
Was so grausam aussieht, ist der einzige richtige Weg! Seien Sie froh,
dass sie blutet! Das ist ein gutes Zeichen…“.

Der Arzt verließ das Zimmer. Wir alle schwiegen. Seine Worte haben mich
nachdenklich gemacht.

Wie Recht er doch hatte!

Eine Wunde muss von innen heraus heilen.
Manchmal muss man eine Wunde wieder aufreißen.
Dann blutet sie zwar!
Aber das ist ein gutes Zeichen, damit es „gut“ werden kann.

 

  • Welches sind Ihre Wunden?

  • Wie kommen Sie mit ihnen zurecht?
    Haben Sie sie schon genug versorgt?
    Oder sind Sie eher ein/e Verdrängungskünstler/in?

  • Welche Wunden sind schon verheilt und welche bedürfen noch der Heilung?

  • Schreiben Sie darüber in Ihr Lebenszeichenbuch, wenn Sie mögen.

Der Herr heilt, die gebrochenen Herzens sind, er verbindet ihre Wunden.
Psalm 147,3

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