Dienstag, 01. Dezember 2015

Keine Einrichtung, kein Wohnheim, ganz normales Leben

Wohnstätte in Rülzheim 

Wohngruppe für zwölf Erwachsene in Rülzheim eingeweiht – 25 Jahre altes Problem jetzt gelöst

Rülzheim. Im Oktober sind die Bewohner eingezogen, jetzt wurde die neue Wohnstätte der Außenwohngruppe des Herxheimer Caritas-Förderzentrums St. Laurentius und Paulus im Helmut-Braun-Ring in Rülzheim offiziell eingeweiht. Am Freitag, 27. November, erteilte der Caritas-Vorsitzende Domkapitular Karl-Ludwig Hundemer dem Haus nach einer Feierstunde Gottes Segen.

Dankbar blickte der Caritas-Vorsitzende zurück auf das, was hier geleistet wurde. Er erinnerte an die große Zukunftskonferenz vor fünf Jahren, an der auch die damaligen Sozialministerin des Landes Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer, teilnahm und bei der nach Lösungen gesucht wurde, wie man die große Einrichtung der Caritas in der Südpfalz in die Zukunft führen könne. Das dringende Anliegen von damals, den inzwischen erwachsenen Bewohnern ein ihren Ansprüchen gerechtes Zuhause für ein selbstbestimmtes Leben mit gesellschaftlicher Teilhabe zu bieten, sei erfüllt. Somit gelte es heute, den erfolgreichen Abschluss dieser Zukunftskonferenz zu feiern. „Hier wurde eine Heimat für Menschen mit Beeinträchtigung geschaffen, die von Nachbarn und den Bürgerinnen und Bürgern angenommen wird. Der Gemeinde Rülzheim ist die Inklusion gelungen, die ihren Namen wirklich verdient“, sagte der Vorsitzende.

Zahlreiche Gäste waren der Einladung zur Einweihung gefolgt, darunter Dietmar Seefeld, Dezernent für Jugend, Soziales und Schulen des Landkreises Germersheim, Matthias Schardt und Ingrid Mendel, Bürgermeister der Verbandsgemeinde und Beigeordnete der Ortsgemeinde Rülzheim, der Rülzheimer Pfarrer Michael Kolb und Rainer Übel vom Presbyterium der protestantischen Kirchengemeinde, der Architekt Michael Gooss und Vertreter der bauausführenden Firmen, der Sozialpartner, Bewohner und ihre Angehörigen sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Einrichtung.

Für Thomas Moser, den Leiter des Caritas-Förderzentrums St. Laurentius und Paulus, ist das neue Haus allerdings gerade keine „Einrichtung“, auch kein Wohnheim. „In jedem der durch einen Quergang verbunden Häuser wohnen sechs Menschen zusammen. In dieser überschaubaren Kleinteiligkeit des Wohnens liegt eine große Chance, dass eine solche Wohnung zu einer Heimat, zu einem Zuhause für die Bewohner wird“, sagte Moser. Die Präsenz der Menschen mit Behinderung im Gemeindeleben sei eine wichtige Voraussetzung für Inklusion und Teilhabe. „Dies gilt auch für die Möglichkeit, sich am neuen Wohnort neue Betätigungen und Kontakte zu erschließen. Rülzheim bietet dafür eine hervorragende Infrastruktur“, so Moser. Er berichtete von den Herausforderungen, die Bewohner wie Mitarbeitende mit dem Umzug und dem Abschied von ihrer gewohnten Umgebung zu meistern hatten. „Die dadurch entstandene Unsicherheit ist inzwischen einer gewissen Entspanntheit gewichen. Die Bewohner erobern sich allmählich ihr Umfeld.“ Die Nachbarschaft gebe sich offen, es entwickle sich ein normales Miteinander. Mosers Dank galt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die Annahme der neuen Aufgabe. Die Rülzheimer Bevölkerung bat er, auf ihre neuen Mitbürger zuzugehen und mitzuhelfen, die eine oder andere Tür zu öffnen.

Für Bereichsleiter Helmut Reinhardt war die Einweihung ein „historischer Tag“, an dem ein seit 25 Jahren bestehendes Problem gelöst wurde. „Die Bewohner wollen und sollen hier alt werden“, sagte Reinhardt und sprach die Hoffnung aus, dass sie hier zufrieden leben können. Gleichzeitig wünschte er sich  auch für Herxheim eine räumliche Verbesserung.

Architekt Michael Gooss, der den Kommunen für das flotte und unproblematische Genehmigungsverfahren dankte, übergab den Schlüssel an die Bereichsleiterin Jacqueline Konrad, die ihn direkt an Haus- und Gruppenleiterin Bernadette Bauer weiterreichte. Gottes Segen entboten die Pfarrer Michael Kolb von der katholischen und Rainer Übel von der protestantischen Kirchengemeinde.

In Vertretung des Germersheimer Landrats Dr. Fitz Brechtel dankte Dietmar Seefeld dem Träger für die Investition in ein gutes Leben. Rülzheim sei ein sehr guter Standort, die Gemeinde ein sehr guter Ansprechpartner im Sozialbereich. „Es ist die Aufgabe einer Zivilgesellschaft, Barrieren abzubauen und Menschen zusammenzubringen, egal welcher Herkunft, Hautfarbe, Religion oder Zugehörigkeit“, sagte Bürgermeister Matthias Schardt auch im Namen von Ortsbürgermeister Rainer Hör. „Wir sind froh über diese Einrichtung, die für Teilhabe steht. Wir sind stolz, dass wir diese in unserer Ortsgemeinde haben. Wir sind und wir wollen eine soziale Gemeinde sein. Und wir freuen uns, dass die Caritas, die Hand der katholischen Kirche, sichtbar vor Ort ist.“

Im Anschluss an die vom Orchester „Spielart“ der Schule des Caritas-Förderzentrums St. Laurentius und Paulus umrahmten Feier wurden die Gäste mit einem kleinen Imbiss bewirtet und hatten Gelegenheit, die Räume zu besichtigen. Die sind inzwischen gemütlich eingerichtet, nichts erinnert mehr an den Umzug. Im Erdgeschoss jedes Hauses können die Bewohner im Wohn- und Esszimmer Geselligkeit pflegen, Radio hören und fernsehen, im Obergeschoss haben sie in jeweils sechs 20 beziehungsweise 25 Quadratmeter großen Einzelzimmern mit Sanitärraum ihr eigenes Reich.  Beheizt werden die beiden Einfamilienhäuser, die sich mit den versetzten Pultdächern und dem weißen Putz mit grünen Farbbändern nahtlos in die Bebauung der Umgebung einfügen, mit Fernwärme. Für den Bau hat der Träger überwiegend aus Eigenmitteln rund 1,9 Millionen Euro investiert.

Text: Waltraud Itschner / Foto: Henning Wiechers