Dienstag, 22. Oktober 2019

Pfarrei geht mit Besuchsdienst hinaus zu den Menschen

Zusammen in der Bayreuther Straße unterwegs 

Der Caritasverband zeichnet die „Bayreuther Aktion“ in Ludwigshafen mit Nardini-Preis aus

Ludwigshafen. Der Caritasverband für die Diözese Speyer zeichnet die „Bayreuther Aktion“ - einen besonderen Besuchsdienst - mit dem Nardini-Preis 2019 aus. Ehrenamtlichen aus der Pfarrei Heilige Cäcilia in Ludwigshafen besuchen Bewohner in der Bayreuther Straße.

Bereits im sechsten Jahr engagieren sich katholische Christen in Ludwigshafen in einem besonderen Besuchsdienst: Einmal im Vierteljahr sind Engagierte aus der heutigen Pfarrei Heilige Cäcilia an einem Samstag zu Besuch im Brennpunkt Bayreuther Straße. Mit einem Bollerwägelchen mit Kaffee und Kuchen ziehen sie ins Viertel und suchen dort den Kontakt zu den Menschen. Die Besuchsaktion der Pfarrei wird in diesem Jahr vom Caritasverband für die Diözese Speyer e.V. mit dem Nardini-Preis ausgezeichnet. Verliehen wird der Preis beim Caritas-Tag der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Samstag, 23. November 2019, in der Stadthalle Germersheim.

Nardini-Preis würdigt das pastorale und karitative Projekt

Der Preis ist mit 1000 Euro dotiert. Er erinnert an den selig gesprochenen Pfälzer Priester Paul Josef Nardini, der sich in Pirmasens Mitte des 19. Jahrhunderts in der Armen-, Kranken- und Waisenfürsorge einsetzte. Die Jury des Nardini-Preises will mit der Auszeichnung insbesondere den Aspekt des „Hinausgehens zu den Menschen“ würdigen, der hier mit einfachen Mitteln umgesetzt wird. Die „Bayreuther-Aktion“ ist gleichermaßen ein pastorales wie karitatives Projekt.  In zwei Wohnblockbereichen leben dort Flüchtlingsfamilien, Menschen aus schwierigen sozialen Verhältnissen und Personen, die sonst gänzlich ohne ein Dach über dem Kopf wären oder deren persönliche wie finanzielle Situation es verhindert, dass sie anderswo eine Wohnung finden.

Mit Bollerwagen und Kaffee und Kuchen

Beim jüngsten Besuch am 12. Oktober hatten die haupt- und ehrenamtlich Engagierten Kuchen, Kaffee und Kaltgetränke mit dabei. Sie gehen zusammen von Tür zu Tür und laden Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu Kaffee und Kuchen ein. Es ist ein sonniger, warmer Herbsttag. Dennoch halten sich außer ein paar Kindern und ein paar jungen Männern keine Leute im Hof der beiden Wohnblockanlagen auf. Ein Teil der Gebäude ist nicht anders als heruntergekommen zu bezeichnen. In einer Wohnung fehlt das Fensterglas, der Bereich oberhalb der Fensteröffnung ist schwarz verrußt – hier hat es gebrannt. Die Flure im Innern des Gebäudes sind nur schwach beleuchtet, einfache Stahltüren grenzen die einzelnen Wohnungen ab. Wände, Boden und Treppenhäuser sind schmutzig. Klingeln gibt es selten. Hier öffnet ein Mann, dort ein Kind. „Das fällt uns jedes Mal auf: Alle sind sehr freundlich, sie bedanken sich für den Kuchen“, berichtet Pfarrer Dr. Udo Stenz von der Pfarrei Heilige Cäcilia. „Woher wir kommen, werden wir selten gefragt. Aber manche wissen dennoch, dass wir mit der Kirche zu tun haben.“

Zusammen mit Valérie André, Danuta Kambakamba, Anna-Maria Kroschewski sowie den Diakonen Stefan Häußler und Jean-Jacques Kambakamba ist Udo Stenz an diesem Samstag unterwegs im Viertel. Zunächst wurde in der Pfarrei Kaffee gekocht und der selbstgebackene Kuchen aufgeschnitten. Zwischen 12 und 15 Uhr ist die Gruppe in der Bayreuther Straße. „Meistens sind wir mehr, so dass wie zwei Gruppen bilden können.“ Das Gute an dieser Aktion: Wer Zeit, Lust und Interesse hat, kann sich anschließen. „Es gibt einen harten Kern, aber immer wieder kommen neue Leute dazu.“ Es tut gut, miteinander in der Gruppe unterwegs zu sein, sagt der Pfarrer. Es ist zu spüren: Das Besuchsteam ist gut eingespielt, man versteht sich auch ohne viele Worte, wenn Kuchen auf Teller verteilt oder Kaffee in bereitgehaltene Tassen ausgeschenkt wird. Für alle Fälle hat der Besuchsdienst aber alles mit dabei: Tassen, Servietten, Besteck, Milch und Zucker, Becher für die Kaltgetränke. Mit einem Gebet und einem kurzen Psalmvers beginnen die Besucher ihren Dienst, nach Abschluss stehen sie noch kurz zusammen, um miteinander Eindrücke und Erfahrungen der Tour zu teilen.

Bei der Aktion im Sommer begleiteten die Pfarreivertreter einen Eiswagen, der gesponsert wurde. Im Advent wird es nicht nur Kaffee und Kuchen geben, sondern auch Schoko-Nikoläuse für die Kinder im Viertel. Und vor Ostern wurden Bücher und Spielzeuge verschenkt. Auch die Italiener aus der St. Dreifaltigkeits-Kirche im Hemshof haben schon mitgemacht bei der Besuchsaktion: Damals wurde frischgebackene Pizza serviert. Das kam natürlich auch gut an. „Dass wir hierher fahren und etwas mitbringen, soll eine ganz normale Angelegenheit sein“, bekräftigt Danuta Kambakamba. Es sei ein überschaubares Engagement, eigentlich keine große Sache, sagt sie. Und Anna-Maria Kroschewski ergänzt: „Wir machen das gerne und möchten zeigen, dass die Leute hier auch zu uns, zu unserer Pfarrei gehören.“ Entstanden war die Idee im Pfarrgemeinderat St. Dreifaltigkeit. Pfarrer Stenz: „Wir erwarten nichts von den Menschen dafür. Es ist an uns, den Menschen hier etwas zu geben.“ Selbstverständlich wird bei den Besuchen zu den Gemeindefesten in der Pfarrei eingeladen. Und wirklich – manch einer lässt sich dort blicken und bereitet so, ohne es vielleicht zu ahnen, den Engagierten eine große Freude.

„Die Menschen sind nicht vergessen, obwohl sie nicht so viel Glück im Leben hatten“

„Inzwischen kommen wir ja seit Jahren hierher, also kennen wir einige der Bewohner und ihre Schicksale schon besser“, sagt Valérie André. Die französisch-stämmige Ludwigshafenerin weiß genau, warum sie hier Dienst tut: „Ich finde, man muss unbedingt den Leuten hier zeigen, dass auch sie zu unserer Gesellschaft gehören und dass wir sie nicht vergessen, obwohl sie nicht so viel Glück im Leben hatten wie wir.“ Wichtig sei, den Menschen Zeit zu schenken, ihnen zuzuhören, wo sich Gespräche ergeben. „Ich glaube, viele in Ludwigshafen wissen gar nicht, dass es dieses Viertel hier gibt, oder sie waren nie hier.“ Valérie André räumt ein, vorher auch nichts von den Menschen in den Sozialwohnungen geahnt zu haben. Und sie kritisiert die Stadtverwaltung für den „erbärmlichen, entwürdigenden Zustand der Häuser. Es sieht so aus, als habe man sich um das Viertel jahrelang nicht gekümmert, sondern einfach immer nur die Sozialfälle hierher geschoben.“

Als ein Segen empfindet die Gruppe aus der katholischen Pfarrei die neu entstandene städtische Kindertagesstätte im Gebiet, die Einrichtungen von Caritas, Ökumenischer Fördergemeinschaft und Tafel sowie die Ideen und Planungen für die entstehende Heinrich Pesch Siedlung. Auch andere kirchliche Gruppen zu Besuch im Viertel, so etwa die Initiative „AnsprechBar“ aus der Innenstadt, die am 13. Oktober zu Waffeln und Getränken eingeladen und sich Zeit für Gespräche im Viertel genommen hat.    

Ein preiswürdiges Projekt für die Jury

„Für uns ist das ein absolut preiswürdiges Projekt, ganz im Sinne der Sozialraumorientierung. Niederschwellig, innovativ und eine Form von Graswurzelarbeit. Dahin gehen, wo die Menschen sind und im wahrsten Sinne des Wortes unsichtbare Grenzen überschreiten“, begründet Christiane Arendt-Stein die Preisvergabe. „Die Gruppe geht in das Viertel, um das die meisten Menschen lieber einen Bogen machen und suchen den Kontakt zu Menschen, die man nicht im Blick hat, die aber auch zur Pfarreigemeinschaft gehören.“ “Das ist Hinwendung zum Nächsten. Es ist ein Projekt, für das es zu Beginn ganz sicher auch Mut gebraucht hat. Mit einem Wägelchen mit Kaffee und Kuchen einfach in das Viertel gehen, und aushalten, dass das die Bewohner zunächst befremdlich finden, dass muss man sich trauen“, schätzt Melanie Müller von Klingspor das Engagement der Gruppe. „Für mich ist alles drin, was der Nardini-Preis möchte: Innovativ, raus aus den Kirchengebäuden, eigentlich gar nicht aufwändig und leicht nachzumachen und in den Spuren des Engagements von Paul Josef Nardini, der sich den Menschen am Rand der Gesellschaft zugewandt hat“, freut sich der Caritas-Vorsitzende Karl-Ludwig Hundemer über die Initiative.

Informationen zum Nardini-Preis

Der Caritasverband für die Diözese Speyer hat 2010 den Nardini-Preis zum ersten Mal vergeben. Der Preis würdigt das Engagement ehrenamtlich tätiger Gruppen, die in ihrer Pfarrgemeinde oder in Zusammenarbeit mit kirchlich-caritativen Einrichtungen neue Wege gehen, um Menschen in Not zu helfen. „Das Lebenswerk und Glaubenszeugnis des Seligen Paul Josef Nardini sind auch für Christen von heute Vorbild und Ansporn“, erklärt der Caritas-Vorsitzender Karl-Ludwig Hundemer. Ehrenamtlich tätige Gruppen sollen ermutigt werden, sich in der Caritasarbeit der Diözese Speyer zu engagieren, und dafür neue Impulse erhalten. Die Verleihung erfolgt beim jährlich stattfindenden Caritas-Tag der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Fest der Heiligen Elisabeth. Vorgeschlagen werden können ehrenamtlich tätige Gruppen.

Die Jury

Der Preisträger wird von einer Jury ausgewählt. Diese besteht aus Sr. Roswitha Schmid (Oberin der Mallersdorfer Schwestern im Nardinihaus Pirmasens), Domkapitular Karl-Ludwig Hundemer (Vorsitzender des Caritasverbandes für die Diözese Speyer, DiCV), Norbert Rönn (Chefredakteur der Kirchenzeitung „Der Pilger“), Melanie Müller von Klingspor (Öffentlichkeitsreferentin des DiCV), Christiane Arendt-Stein (Referentin für Ehrenamtliches Engagement im DiCV Speyer) und Christine Stolle (Mitglied im Vorstand des Caritas Forum Ehrenamt.

Paul Josef Nardini

Paul Josef Nardini wirkte Mitte des 19. Jahrhunderts als Priester im westpfälzischen Pirmasens. Um der Armut und der Not in der jungen Industriestadt zu begegnen, gründete er 1855 die Schwesterngemeinschaft der "Armen Franziskanerinnen von der Heiligen Familie" (Mallersdorfer Schwestern). Die Ordensfrauen nahmen sich der verwahrlosten Kinder in seiner Pfarrei an und kümmerten sich um alte und kranke Menschen. Paul Josef Nardini starb 1862 im Alter von nur 40 Jahren. Sein Lebenswerk und sein Glaubenszeugnis aber blieben unvergessen. Auch für Christen von heute sind sie Vorbild und Ansporn.

Im Jahr 2006 wurde Paul Josef Nardini selig gesprochen, anlässlich des Datums der Seligsprechung wird der jeweilige Preisträger stets am 22. Oktober bekannt gegeben. Verliehen wird der Preis im November, beim jährlichen Caritastag.

Weitere Informationen im Internet unter www.nardini.de

Text/Foto: Hubert Mathes