Donnerstag, 21. November 2019

„Sprachfähig sein...“ zum Thema Homosexualität

Einen spannenden Studientag zum Thema Homosexualiät erlebten Religionslehrerinnen und Religionslehrer im Kloster Neustadt. 

Studientag für Religionslehrerinnen und Religionslehrer im Kloster Neustadt

Neustadt. Lesbisch, schwul, bisexuell, transgender, intersexuell, Transidentität... Viele Begriffe standen im Raum, als sich am 19.November rund 20 Lehrerinnen und Lehrer bei einem Studientag mit sexueller Diversität und ihrer Thematisierung im Religionsunterricht auseinandersetzten.

Monika Kreiner und Axel Ochsenreither, Ansprechpartner für homosexuelle Menschen in der Diözese Speyer, sorgten für den fachwissenschaftlichen Input. Nach grundlegenden sexualmedizinischen Informationen erhielten die Teilnehmenden einen soziologischen und historischen Überblick zum Thema, bevor die Exegese der einschlägigen Bibelstellen, die Position des Katechismus und neuere moraltheologische Positionen zur Homosexualität erläutert wurden. Neben all den kognitiven Zugängen zum Thema zeichnete sich der Studientag aber vor allem auch dadurch aus, dass die Teilnehmenden durch eine abwechslungsreiche methodische Gestaltung immer wieder angeregt wurden, ihre eigenen Wahrnehmungen und Gedanken zum Thema zu artikulieren. Am Nachmittag wurden Materialien vorgestellt, Filmsequenzen angeschaut und im Hinblick auf den Einsatz im Religionsunterricht besprochen.

Aus Sicht der Leiterin des Referats Religionspädagogik in der Hauptabteilung Schulen, Hochschulen und Bildung im Bistum Speyer, Simone Krick, die für diesen Studientag die Leitung übernommen hatte, ist es in mehrfacher Hinsicht wichtig, dass „wir als Religionslehrerinnen und Religionslehrer zu diesem Thema sprachfähig werden und den Schülerinnen und Schülern als kompetente Ansprechpartner zur Verfügung stehen“.

Exegetisch gelte es die Bibelverse, die immer wieder als Belegstellen für die religiöse Verurteilung von Homosexualität herangezogen werden, in ihren Entstehungskontext einzuordnen. Den Schülern sei im Zuge eines historisch-kritischen Interpretationsverfahrens zu erschließen, dass hier keine Aussagen zu homosexuellen Liebesbeziehungen formuliert werden. Wenn die biblischen Verfasser bestimmte Sexualpraktiken als „Gräuel“ bezeichneten, so stünden diese im Kontext von homosexuellen Gewaltakten, die als Erniedrigung des Menschen verurteilt werden. „Diese Bewertung kann nicht einfach auf eine homosexuelle Partnerschaft übertragen werden, die auf gegenseitiger Liebe und Wertschätzung zweier Menschen beruht. Exemplarisch können Schüler hier lernen, wie fatal es sein kann, Zitate aus ihrem Kontext herausgelöst nach eigenem Gutdünken zu interpretieren, ohne die Aussageabsicht zu berücksichtigen, die hinter dem Textganzen steht“, so die Tagungsleiterin.

Keine einfache Aufgabe für Religionslehrerinnen und Religionslehrer
Bei dem Studientag wurde deutlich, dass Religionslehrer vor der Aufgabe stehen, die kirchliche Lehrmeinung zum Thema zu vermitteln und authentisch ihre christliche Überzeugung gegenüber den Schülern zu vertreten. Viele Teilnehmenden des Studientages sehen sich hier in einem Dilemma. „Wie kann ich die Position des Katechismus glaubwürdig vertreten, wenn ich zugleich der Ansicht bin, dass Homosexuelle hier diskriminiert und ihre Rechte verletzt werden?“ Oder anders gefragt: „Wie können wir als kirchlich Beauftragte für die Kirche sprachfähig sein, wenn die Auseinandersetzung mit der kirchlichen Sexualmoral zuweilen eher sprachlos macht?“

„Als Religionslehrerin authentisch sein bedeutet für mich, dieses Dilemma auch meinen Schülerinnen und Schülern gegenüber zum Ausdruck zu bringen“, so die Worte einer Teilnehmerin. Krick rät den Kolleginnen und Kollegen, neben dem Katechismus auch aktuelle moraltheologische Positionen in den Unterricht einzubringen und den Schülern aufzuzeigen, wie breit der Diskurs innerhalb der katholischen Kirche zu diesem Thema ist. Namentlich empfahl sie zur Lektüre Publikationen des Mainzer Moraltheologe Stephan Goertz oder von Eberhard Schockenhoff, katholischer Moraltheologe an der Universität Freiburg, der das Naturrecht als Begründung der kirchlichen Sexualmoral kritisch hinterfragt.  

„Im kirchlichen Auftrag sprachfähig zu sein, kann auch bedeuten, all die Fragen zur Sprache zu bringen, die uns innerhalb der Kirche umtreiben und die vielleicht ohnehin am besten authentisch zum Ausdruck bringen, in welchem Geist wir unterwegs sind“, erklärte die Tagungsleiterin.

Ermutigung zur persönlichen Auseinandersetzung
„Religionslehrerinnen und Religionslehrer sollen in unseren Fortbildungen zur persönlichen Auseinandersetzung ermutigt werden“, so Krick im Nachgang zu der Veranstaltung. „Es ist gut, wenn es in den Fortbildungen gelingt, dass die Kollegen mit ihren Fragen und ihrer Kritik zur Sprache kommen, im Austausch miteinander persönliche Positionen auch hinterfragt werden und Diskussionen wie am vergangenen Dienstag auch mal emotional verlaufen. Diese Lebendigkeit inspiriert zum Weiterdenken. Diese Lebendigkeit braucht unsere Kirche.“

Doch nicht nur die Lehrer sollten im Religionsunterricht sprachfähig sein. „Es ist unsere Aufgabe als Lehrer, auch unsere Schülerinnen und Schüler zum Thema sexuelle Vielfalt sprachfähig zu machen. Sie haben das Bedürfnis nach einer ernsthaften Auseinandersetzung. Wenn wir offen mit dem Thema umgehen, können Ängste abgebaut werden“, ist eine junge Kollegin überzeugt, die extra für diese besondere Fortbildung aus einem anderen Bistum angereist war. Sexuelle Diversität sei weiterhin ein vielfach tabuisiertes Thema, Homophobie ein leider noch weit verbreitetes Phänomen.

Jugendliche sollen sensibilisiert werden
„Als Religionslehrerinnen und – lehrer verstehen wir die Thematisierung dieses Phänomens auch als ein Dienst an unserer Gesellschaft. Indem z.B. Homosexualität innerhalb der Unterrichtsreihe ‚Beziehungen gestalten: Freundschaft – Liebe – Partnerschaft‘ offen thematisiert wird, vermittelt dies, dass sexuelle Diversität wahrgenommen, statt tabuisiert wird. Die Jugendlichen werden sensibilisiert, eigene Haltungen und den persönlichen Sprachgebrauch im Umgang mit Homosexuellen zu reflektieren. Unsicherheiten können dann auch dadurch ein Stück weit abgebaut werden, dass im Unterricht eine Sprache vermittelt wird, die der sexuellen Diversität angemessenen gerecht wird“, erklärt die Leiterin des Referats Religionspädagogik. „Dementsprechend darf es nicht verwundern, wenn im Religionsunterricht auch folgende Begriffe im Raum stehen: Lesbisch, schwul, bisexuell, transgender, intersexuell, Transidentität...“

Text/Foto: Hauptabteilung Schulen, Hochschulen, Bildung