Donnerstag, 14. April 2016

Inklusionsmesse in Mainz übersteigt alle Erwartungen

Guildo Horn (links) und Rolf Krauthausen.

Guildo Horn (links) und Rolf Krauthausen 

Kooperationsprojekt zwischen dem Bistum Trier und dem Bistum Speyer

Mainz. Mit beseeltem Lächeln blickt Marita Boos-Waidosch in die dicht gedrängte Runde rund um das Diskussionspult. „Heute finde ich mein Rathaus richtig gut“, sagt die Behindertenbeauftragte der Stadt Mainz. Der Besucheransturm zur ersten Inklusionsmesse Rheinland-Pfalz übersteigt alle Erwartungen, wobei die vielen kleinen Zwischengänge im Rathaus den Besuchern einiges an Improvisationskunst abverlangen. Aber irgendwie kommt man immer durch, mit Rollator, Rollstuhl oder zu Fuß. Inklusion, das heißt eben auch, dass man aufeinander Rücksicht nimmt.

Zufrieden ist auch Stefan Dreeßen, Referent in der Seelsorge für Menschen mit Behinderung. „Das war ein richtig gutes Kooperationsprojekt zwischen dem Bistum Trier und dem Bistum Speyer. Beim nächsten Mal sind bestimmt auch die Bistümer Mainz und Limburg mit dabei. Dann wären alle rheinland-pfälzischen Bistümer komplett. Das Bistum Limburg ist vorbildlich in Deutschland. Sie haben als erstes Bistum einen Aktionsplan vorgelegt, wie sie in den nächsten Jahren die UN-Behindertenrechtskonvention und damit mehr Inklusion umsetzen möchten. Vielleicht schaffen wir das auch im Bistum Speyer“, meint Stefan Dreeßen.

„Inklusion – gewusst wie“ lautete das Motto der mit Infoständen, Workshops und Selbsterfahrungsmöglichkeiten gespickten Veranstaltung, auf der auch durchaus kontrovers diskutiert wurde. Beispielsweise, als Schlagersänger Guildo Horn sich für Angebote wie die Dunkelcafés in die Bresche warf und vorschlug, sich als Nichtbetroffener einmal probeweise in den Rollstuhl zu setzen. Der als „Aktivist“ angekündigte Raul Krauthausen hatte dies zuvor deutlich abgelehnt: „Wahre Inklusion wäre ein blinder Kellner in meinem Stammcafé.“ So häufig der Begriff in Politikerreden auch fällt, es ist eben noch längst nicht alles ausverhandelt hinsichtlich des Zusammenlebens behinderter und nicht behinderter Menschen. Wichtig sei daher, so Krauthausen, über Veranstaltungen wie die Inklusionsmesse hinaus auch Architekturmessen oder die Cebit zu besuchen, um für die Belange der Menschen mit Handicaps zu trommeln.

Horn, der früher ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Behindertenwerkstatt absolviert hat, betonte: „Ich versuche, immer alle Menschen gleich zu behandeln. Das heißt, auch jedem ein bisschen was abzuverlangen.“ Krauthausen monierte, dass Veranstaltungen und Debatten allzu häufig noch dominiert seien von „Charity, Mitleid und erhobenem Zeigefinger“. Durch die geltenden Hinzuverdienstregeln seien „Menschen mit Behinderung zur Altersarmut verdammt“. Sein Plädoyer: „Lassen wir uns nicht so schnell von Politikern und Sachbearbeitern mit dem Argument abspeisen, es gibt kein Geld.“

Von Erfolgen bei praktizierter Inklusion berichtete Markus Müller, Intendant am Staatstheater: „Wir fangen damit an, Produktionen mit Gebärdendolmetscher und Stücke in einfacher Sprache anzubieten.“ Und die inklusiven Angebote würden „überproportional gut angenommen“. „Theater für und mit Menschen mit Behinderung zu machen sollte gar kein Thema, sondern eine Selbstverständlichkeit sein“, betonte der Intendant, der allerdings auch einräumte, dass in Sachen Kommunikation noch einiges zu tun sei. Beispielsweise, wenn er an vereinzeltes Gelächter im Publikum als Reaktion auf den Gebärdendolmetscher denke.

Zum Schmunzeln regte Horns Bericht vom Stadionbesuch mit einer Gruppe gehörloser Menschen an. „Die konnten sich auch über 20 Plätze hinweg noch unterhalten, während ich bei dem Lärm sogar meinen Nachbarn anbrüllen musste. Das haben die anderen gar nicht verstanden“, erzählte der Musiker. Von- und übereinander lernen ist eben eine Aufgabe, die die Inklusion beiden Seiten stellt. Moderatorin Carina Kühne wünschte sich „viel mehr Menschen mit Behinderung im Film“. „Ich wünsche mir, dass die Politik wirklich anfängt, Inklusion ernst zu nehmen“, sagte die Jugendkursleiterin Nora Sties vom TV Laubenheim, die seit zehn Jahren aktiv für Inklusion im Sport sorgt – als Rollstuhlfahrerin.

Text: Torben Schröder/Stefan Dreeßen/Foto: Stefan Saemmer