Dienstag, 05. September 2017

Ein Tag der Initialzündung auf dem Weg zur kultursensiblen Begleitung

Rund 100 Hopizbegleiter nahmen an dem Fortbildungstag des Caritasverbandes teil. 

Rund 100 Hospizbegleiter setzen sich im Herz-Jesu-Kloster Neustadt mit dem Sterben in der Fremde auseinander

Neustadt an der Weinstraße. Im Moment ist das Thema kultursensible Begleitung in der letzten Lebensphase noch ein wenig visionär. Dennoch hat sich Stefanie Wolniewicz, seit Oktober vergangenen Jahres Fachreferentin für Hospizarbeit im Team der Ökumenischen Hospizhilfe des Caritas-Verbandes Speyer, dafür entschieden, diesem Anliegen einen ganzen Tag zu widmen. „Der Mensch wird am Du zum Ich“ war der Hospizbegleitertag im Herz-Jesu-Kloster Neustadt überschrieben, an dem rund 100 Interessierte teilnahmen.  

Offenkundig hatte sich die Fachreferentin richtig entschieden, sich dem Bereich des Umgangs mit Sterbenden aus fremden Kulturkreisen zu widmen. Viele offene Fragen brachten die Frauen und Männer aus den Hospizdiensten - haupt- und ehrenamtlich - mit, für die sie Antworten durch versierte Fachreferenten erhofften. 

„Die Suche nach Referenten war ziemlich schwer“, berichtete Stefanie Wolniewicz. Dies habe die Einschätzung bestätigt, dass die kultursensible Begleitung noch nicht zum Alltag gehört. „Aber ich glaube, dass es ein Thema der Zukunft sein wird“, machte die Fachreferentin deutlich, weshalb sie fest hinter dem Anliegen stand. 

Unterschiedliche Zugänge dazu zu schaffen war das Anliegen der hauptverantwortlichen Planerin des Hospizbegleitertages. Daher wechselten sich theoretische Impulse und praktische Übungen ab. Die Teilnehmer ließen sich selbst auf Experimentelles ein, wie auf die theaterpädagogischen Ansätze, die Christoph Knack (Ludwigshafen-Gartenstadt) einfließen ließ.

Der protestantische Pfarrer animierte zum Umhergehen und Hineinhören in den eigenen Körper, zur Konzentration auf die persönliche und die gegenseitige Wahrnehmung und den mutigen Austausch untereinander. „Werfen Sie Ihre Befremdungen in den Raum“, animierte Knack die Teilnehmer. Der Geistliche hatte sich in Theaterpädagogik weiterbilden lassen. Mutig machten die Teilnehmer mit und nannten in Schlagworten Erlebnisse, die sie in jüngster Zeit irritiert hatten.

Ungerechtigkeit und Achtlosigkeit waren ebenso zu hören wie Erinnerungen an Ereignisse im Zuge der Hospizarbeit. „Es sind schon jüngere gestorben“: Den Satz hatte eine Teilnehmerin erst vor kurzem sehr beschäftigt. Mit dem kleinen Einblick in die Theaterpädagogik wollte Knack vor allem sensibilisieren und die Wahrnehmung schulen. „Mir selbst hat diese Ausbildung sehr geholfen dabei“, versicherte er.

Der Impuls, den Domkapitular Karl-Ludwig Hundemer den Hospizbegleitern zu Beginn des Tages mit auf den Weg gegeben hatte, war durch Knack in Folge gut aufgegriffen worden. „Heute darf’s ein bisschen mehr sein“, hatte Hundemer formuliert und die Veranstaltung als „Tag der Initialzündung“ bezeichnet. Das Gebet bezog er ein und machte deutlich, dass dieses keine Einbahnstraße sein darf. Nicht nur Gott um etwas bitten solle der Mensch, sondern sich seinen Gedanken im Gegenzug öffnen. „Dann nehmen wir seine Wünsche nach Mitverantwortung und Initiativkraft wahr, in der der Mensch zum Du wird“, gab Hundemer den Anwesenden mit auf den Weg.

Nicht schwer fallen muss es, den Menschen am Du zum Ich werden zu lassen. Das war die Essenz des Impulsvortrags von Dr. Klaus Fuhrmann, Medizinethnologe aus Freiburg und Teil des interdisziplinären Amiko-Teams am Institut für Migration, Kultur und Gesundheit. Als Einstieg wählte der interkulturelle Trainer ein Zitat des Münchener Komikers Karl Valentin: „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.“ Um dieses herum rankte er wesentliche Eckdaten und Feststellungen, sowohl aus der Statistik, als auch aus persönlicher Erfahrung heraus.

Kultur sei mehr als Kunst, Musik und Religion. Diese würden lediglich zum Maßstab für richtig oder falsch gemacht. Dabei hänge das Verständnis und der Umgang miteinander nicht von der Herkunft ab, sondern von einer anderen Lebenseinstellung. Die aber gebe es auch unter Landsleuten. Als wichtige Botschaft stellte Fuhrmann heraus: „Wir sollten weniger auf die Unterschiede achten als auf das, was uns verbindet.“ Das sei die herausforderndste und wichtigste Aufgabe im Umgang mit Sterbenden.

Weg kommen müsse man von der Stereotypisierung. „Wir betreuen Menschen, keine Kulturen“, hob der Referent hervor. Hilfreich sei es natürlich, bestimmte Unterschiede in der gesellschaftlichen Bedeutung des Todes zu kennen. „In Deutschland ist der Tod weitgehend aus dem Alltag verschwunden. In China ist die Farbe der Trauer Weiß, nicht Schwarz. Lautstarkes Wehklagen wirkt für uns überzogen - in der Türkei ist es ein Zeichen des Respekts“, nannte Fuhrmann einige Beispiele. Letztendlich sei der Umgang mit Sterben und Tod sowohl im eigenen Kulturkreis, als auch bei Fremden abhängig von der ganz persönlichen Haltung der einzelnen.

In fünf Workshops hatten die Teilnehmer am Nachmittag noch Zeit, sich intensiv mit Themen rund um die kultursensible Begleitung auseinander zu setzen. Unter anderem gab es spirituelle Anregungen aus Schriften des Religionsphilosophen Martin Buber, Einblicke in Fragen, die sich am Lebensende bei Menschen aus einem anderen Kulturkontext stellen und eine Entdeckungsreise zur eigenen Migrationsgeschichte. 

Gedanken zum Tagesabschluss gab Landesdiakoniepfarrer Albrecht Bähr den Hospizbegleitern mit auf den Nachhauseweg.

Text und Fotos: Caritasverband für die Diözese Speyer - Susanne Kühner