Freitag, 24. November 2017

„Unser säkulares Gemeinwesen ist religionsfreundlich“

Bischof Karl-Heinz Wiesenmann, Weihbischof Udo Markus Bentz und Staatsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (v.l.n.r.) beim Martinsempfang im Gespräch. 

Traditioneller St. Martinsempfang des Katholischen Büros in Mainz

Mainz. Der Limburger Bischof, Dr. Georg Bätzing, hat das säkulare Gemeinwesen in Deutschland als „religionsfreundlich“ gewürdigt. „Religion wird hier eben nicht weggedrückt, sondern ist unter fairen Bedingungen öffentlich präsent und wahrnehmbar. Nach meiner Überzeugung ist es für alle religiösen Menschen die förderliche und wünschenswerte Gesellschaftsform, ob sie nun in Deutschland geboren oder als Geflüchtete zu uns gekommen sind“, sagte Bätzing beim traditionellen St. Martinsempfang am Donnerstagabend, 23. November, im Erbacher Hof in Mainz.

Die Christen im europäischen Kulturkreis seien nach einer langen Geschichte von Auseinandersetzungen zur Überzeugung gekommen, „dass die bewährte Trennung von weltlicher und religiöser Herrschaft eine verlässliche Partnerschaft der Kirchen mit dem säkularen Gemeinwesen zugleich ermöglicht und erfordert“, sagte Bätzing. Der Religion komme die Rolle zu, „die weltanschauliche Neutralität als Teil des säkularen Staatsverständnisses zu verteidigen und zu begründen – gerade auch im interreligiösen Gespräch“. Der Vortrag von Bischof Bätzing stand unter der Überschrift „In Verbindung bleiben. Säkularer Staat und Religionen“. 

In der öffentlichen Diskussion werde hingegen das Verhältnis zur Säkularität für den Islam als Religion immer wieder angezweifelt. „Zu welchen Bedingungen nun der Islam zur partnerschaftlichen Positionierung in unserer säkularen Gesellschaft fähig ist, das können natürlich nur muslimische Theologen selber beantworten. Nach meiner Wahrnehmung herrscht darüber immerhin eine angeregte Diskussion zwischen unterschiedlichen Strömungen“, sagte Bätzing weiter. Angesichts dieser komplexen Situation sei es aber „nicht sachgemäß, eine bestimmte Religion als ihrem Wesen nach ,demokratieunfähig‘ oder gar gewaltaffin zu betrachten“. 

Der Limburger Bischof hob hervor, dass auch muslimische Geflüchtete aus ihren Herkunftsländern Rahmenbedingungen kennen würden, „in denen sie ihre persönlichen und familiären Angelegenheiten nach religiösen Maßstäben regeln, aber dabei im Gesamt einer Grundordnung leben, die eben nicht direkt von einer islamischen Verfassungs- und Strafgerichtsbarkeit bestimmt“ sei. „Dies kann immerhin zum Ausgangspunkt für ein Gespräch über das Leben unter den neuen Bedingungen einer säkularen westlichen Demokratie werden. In diesem Gespräch müssen natürlich auch die Unterschiede kritisch angefragt werden, wenn religiöse Überprägungen im Bereich der persönlichen Lebensführung, in der eigenen Familie oder im gesellschaftlichen Umfeld angestrebt werden, die mit unseren Freiheitsrechten kollidieren. Neben der bereits angesprochenen Freiheit zum Religionswechsel gehören dazu auch Kinderrechte wie der gesetzliche Schutz vor einer Verheiratung Minderjähriger“, betonte er. 

Deshalb brauche es heute nicht weniger, „sondern mehr Verständigung und Dialog“, wobei er vor allem auf das Gespräch zwischen den Religionen abheben wolle, sagte Bätzing. Und weiter: „Dialog bedeutet immer auch, Wege zu finden, um respektvoll auch über das Trennende reden zu lernen, damit wir das Vertrauen zueinander und in das Gemeinsame nicht verlieren, das wir uns in den vergangenen Jahrzehnten erarbeitet haben. Gegenseitige Wertschätzung und die Klarheit der Unterscheidung bilden gemeinsam die Basis wei-terführender Gespräche. Nur so können wir eine gemeinsame Zukunft gestalten.“

Der Limburger Bischof hob hervor, dass dies auch für den kulturellen gesellschaftlichen Diskurs gelte: „Der dazu dringend notwendige Dialog kann nur unter einer Geschäftsordnung geführt werden, die alle Parteien um einen Tisch versammelt. Aber dann können und müssen wir auch grundsätzliche Fragen wie das Thema des gewaltbereiten religiösen Extremismus und der Religionsfreiheit als unteilbares Menschenrecht deutlich und zielführend aufgreifen.“ 

In diesem Zusammenhang unterstrich Bätzing, dass „wir katholische Bischöfe islamfeindliche Positionen nicht mittragen werden“. „Leitkultur, wie immer dieser Begriff zu verstehen wäre, ist nicht Dominanzkultur. Wenn wir Religionen ,Kitt der Gesellschaft‘ sein sollen, indem wir Brückenbauer in einem kritischen Dialog mit der Säkularität sind, dann benötigen wir auch im öffentlichen Bereich viel mehr interreligiöse Kompetenzen und Allianzen mit Eigenorganisationen der nach Deutschland Migrierten, um Entwicklungs-räume für die praktischen Fragen zu eröffnen“, betonte der Bischof. 

Wolf: Religiöser Glaube ist Ressource für unsere plurale Gesellschaft 

Der rheinland-pfälzische Staatsminister Professor Dr. Konrad Wolf hielt in Vertretung von Ministerpräsidentin Malu Dreyer das Grußwort der Landesregierung. Dreyer musste ihre Teilnahme kurzfristig absagen, da sie an Gesprächen der SPD-Parteigremien in Berlin teilnahm. Wolf bezeichnete die Kirchen als verlässliche und zentrale Bündnispartner des Staates für eine gute Zukunft und dankte ihnen für die Zusammenarbeit. Wolf betonte weiter: „Um die Erfahrungen unseres bewährten Verhältnisses von Staat, Kirchen und Religionsgemeinschaften auch in Zukunft für das Gemeinwohl fruchtbar machen zu können, müssen wir also gemeinsam zeigen und dafür werben, dass ein religiöser Glaube, noch dazu einer, der Nächstenliebe und Barmherzigkeit zu seinen Grundpfeilern zählt, eine Ressource für unsere plurale Gesellschaft ist.“ 

Kohlgraf: Wir sind ein kritischer Begleiter 

Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf dankte in seinem Schlusswort der rheinland-pfälzischen Landesregierung sowie den Fraktionen und Abgeordneten des Landtags „für ihren Einsatz für die Demokratie in unserem Land und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft“. Kohlgraf unterstrich, dass sich die katholische Kirche „als Dialogpartner im Gespräch mit einem weltanschaulich neutralen Staat und einer säkularen Gesellschaft“ verstehe. Der Bischof betonte: „Wir sind dabei nicht immer nur in der Rolle des Zustim-menden.“ Die Kirche müsse aus ihrer christlichen Überzeugung heraus und ausgehend von ihrem Menschenbild „ein kritischer Gesprächspartner sein, der manchmal auch Positionen vertritt, die anecken, die Widerspruch hervorrufen, die nicht mehrheitsfähig sind“. „Aber bei alledem bleiben wir im Gespräch und wir bleiben Partner; ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass in der Rolle des kritischen Begleiters der säkularen Diskurse ein besonderer Dienst der Kirche an unserer Gesellschaft liegt“, sagte Kohlgraf. 

170 Gäste aus Politik, Kirche und Verwaltung 

Zu der traditionellen Begegnung hatte der Leiter des Katholischen Büros Mainz, Ordinariatsdirektor Dieter Skala, rund 170 Gäste aus Politik, Kirche und Verwaltung im Kette-ler-Saal des Erbacher Hofes begrüßt. Neben Staatsminister Wolf waren unter anderen Staatsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler sowie Landtagspräsident Hendrik Hering gekommen. Neben dem Präsidenten des Verfassungsgerichtshofes Rheinland-Pfalz, Dr. Lars Brocker, waren außerdem folgende Vorsitzende der im Landtag vertretenen Fraktionen der Einladung in den Erbacher Hof gefolgt: Alexander Schweitzer (SPD), Julia Klöckner (CDU), Uwe Junge (AfD), Dr. Bernhard Braun (Bündnis 90/Die Grünen) so-wie die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Helga Lerch (FDP). 

Aus den rheinland-pfälzischen Bistümern waren neben Bischof Kohlgraf und Bischof Bätzing unter anderen der Erzbischof von Köln, Kardinal Rainer Maria Woelki, der Trierer Bischof, Dr. Stephan Ackermann, und der Bischof von Speyer, Dr. Karl-Heinz Wiesemann, gekommen. Musikalisch gestaltet wurde der Abend vom Kammerorchester der Bischof Neumann-Schule aus Königsstein im Taunus unter der Leitung von Studienrätin Mechthild Geißler.


Text/Foto: Bistum Mainz