Montag, 22. Januar 2018

Die konfessionell verengten Blickwinkel aufbrechen

Gottesdienst in der St. Anna Kirche in Augsburg, Bischof Wiesemann, Regionalbischof Grabow, Bischof Zdarsa, Erzprister Miron, Prälat Meier Erzpriester Malamoussis, Bischof Rückert (v.l.), 

Zentraler Gottesdienst zur Gebetswoche für die Einheit der Christen mit Bischof Wiesemann

Augsburg. Die Vision der Kirchen für die Ökumene kann nur die sichtbare Einheit der Kirchen sein. Das bekräftigte Bischof Karl-Heinz Wiesemann (Speyer), Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK), im zentralen Gottesdienst anlässlich der weltweiten Gebetswoche für die Einheit der Christen am 21. Januar in der Augsburger Kirche St. Anna. Wiesemann sah die gemeinsame Ausrichtung der Kirchen auf Christus, so wie es 2017 im Reformationsjubiläum gelungen sei, als Chance an, aus den konfessionell verengten Blickwinkeln zu einer gemeinsamen Vision aufzubrechen. Der Gottesdienst in Augsburg wurde zusammen mit der ACK Bayern und der ACK Augsburg vorbereitet und gefeiert. 

Das diesjährige Motto „Deine rechte Hand, Herr, ist herrlich an Stärke“, das dem biblischen Buch Exodus (15,1-21) entnommen ist, sah Bischof Wiesemann als eine wichtige Inspiration für das ökumenische Miteinander an. Die Texte für das Jahr 2018 hat die Konferenz der Kirchen in der Karibik (Carribean Conference of Churches) erarbeitet. Mit dem zentralen Bibeltext aus dem Buch Exodus 15,1-21 zeichnen sie die Situation der Christen in der Karibik in die Befreiungsgeschichte des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten ein. Die Kolonialherren, die die einheimische Bevölkerung in der Karibik versklavten, brachten ihnen auch die Heilige Schrift und das Evangelium von Jesus Christus. „In den Händen der Entrechteten hat sich die Bibel in eine Quelle tröstender Zuversicht und kraftvoller Hoffnung verwandelt“, sagte Wiesemann. Das Hören auf die Bibel verbinde alle Konfessionen. Es gelte, der biblischen Verheißung zu trauen und ihr auch zuzutrauen, das gemeinsame Miteinander verwandeln zu können. Die Neuherausgabe der Lutherbibel und der Einheitsübersetzung sei daher eine ökumenische Chance, „aufs Neue die Kraft des Gotteswortes für unser persönliches Leben und für das Leben der Kirchen zu entdecken“. Die Bibel führe zu Jesus Christus als dem gemeinsamen Fundament des Glaubens: „Damit wir uns nicht länger an zeit- und kulturbedingten Strukturen des Kircheseins festklammern und sie um jeden Preis zu konservieren suchen, braucht es den befreienden Blick auf den, der derselbe ist, gestern, heute und in Ewigkeit“, sagte Bischof Wiesemann. 

Gott befreit noch heute von Ketten der Versklavung 
Diese Befreiungserfahrungen des Glaubens hätten die Christen der Karibik in den Texten und in ihrem Gottesdienstentwurf für die Gebetswoche für die Einheit der Christen bezeugt. Einheit erfahren sie heute da, wo sie gemeinsam aus den Erfahrungen der eigenen Geschichte sich den Menschen zuwenden, denen aus unterschiedlichen Richtungen erneut Versklavung droht. Im Augsburger Gottesdienst wurde an Beispielen deutlich, wie das gemeinsame Gebet für die Einheit bis heute von Ketten der Versklavung befreien kann und das gemeinsame Zeugnis der Kirchen gefordert ist. Vertreter der ACK Bayern und der ACK Augsburg benannten im Gottesdienst konkrete Beispiele, wo sich die Kirchen ökumenisch gegen die unterschiedlichen Formen der Sklaverei engagieren sollten, etwa gegen Zwangsprostitution oder die Ausbeutung von Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen. „Es braucht die Vision einer weltumspannenden Solidarität, die alleine den großen Krisen der Menschheit wehren kann, dem Klimawandel, dem Terror, der Korruption und der himmelschreienden Ungerechtigkeit“, mahnte Bischof Wiesemann. Befreiung von Sünde und Sklaverei sei immer auch ein sozial relevantes und gemeinschaftliches Geschehen.

Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre wurde in Augsburg unterzeichnet 
Augsburg sei für die zentrale Feier der Gebetswoche ein symbolträchtiger Ort, sagte Bischof Wiesemann. In der Kirche St. Anna wurde im Jahr 1999 die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre zwischen dem Vatikan und dem Lutherischen Weltbund unterzeichnet. Der Erklärung haben sich inzwischen auch die Reformierte Kirche, die Methodisten und die Anglikaner angeschlossen. „In diesem Prozess steckt eine weiterführende Vision der tiefen Zusammengehörigkeit von Rechtfertigung und Kirche, die Vision von der Befreiung des ganzen Volkes Gottes aus der Knechtschaft der Sünde und der gemeinsame Erwählung zu dem einen priesterlichen Volk Gottes“, so Bischof Wiesemann. Dabei würdigte er auch den ökumenischen Aufbruch im Jahr des Reformationsjubiläums 2017: „All das ist nicht ohne Wirkung geblieben, sondern hat uns der Vision einer sichtbar geeinten Kirche nähergebracht.“ 

Gemeinsam mit der ACK Bayern und der ACK Augsburg gefeiert 
Der Gottesdienst in Augsburg wurde zusammen mit der ACK Bayern und der ACK Augsburg gefeiert. An ihm wirkten neben Bischof Wiesemann u.a. auch die ACK-Vorstandsmitglieder Reverend Christopher Easthill von der Anglikanischen Kirche und Erzpriester Constantin Miron, Ökumenebeauftragter der Orthodoxen Bischofskonferenz, sowie Bischof Konrad Zdarsa (Diözese Augsburg), Bischof Harald Rückert (Evangelisch-methodistische Kirche) und Bischofsvikar Prälat Bertram Meier (Augsburg), Vorsitzender der ACK in Bayern, mit. Musikalisch wurde der Gottesdienst von Kirchenmusikdirektor Michael Nonnenmacher (Augsburg) gestaltet. Außerdem präsentierten Schüler und Schülerinnen der Ausbildungsklassen der Augsburger Ballett-und Tanzakademie Daniel Záboj eine Interpretation des Bibeltextes aus dem Buch Exodus. 

Weitere Informationen zur Gebetswoche für die Einheit der Christen finden Sie unter www.gebetswoche.de.

Text/Foto: ACK

Die Predigt von Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann im Wortlaut