Mittwoch, 13. März 2019

Chancen der Digitalisierung für ehrenamtliche Arbeit nutzen

 

Jahresversammlung des Forums Caritas-Ehrenamt

Pirmasens. „Digitalisierung ist mehr als digitale Produkte“. Wenn die Teilnehmer der Jahresversammlung des Forums Caritas-Ehrenamt in der Diözese Speyer diese Erkenntnis verinnerlichen würden, „wäre ich mehr als glücklich“, sagte Tobias Sauer, katholischer Theologe und strategischer Kommunikationsberater aus Trier. Sauer war Referent bei der Jahresversammlung des Forums in Pirmasens, bei der sich knapp 40 Gäste im Schwerpunkt mit dem Caritas-Jahresthema „Sozial braucht digital“ auseinandersetzten. Zudem wurden die Weichen für die kommenden vier Jahre gestellt. Das von ursprünglich sieben auf zuletzt drei Mitglieder reduzierte Leitungsteam ist bei den turnusgemäß anstehenden Neuwahlen wieder auf fünf Mitglieder angewachsen.

Digitale Begleiter im Alltag selbstverständlich geworden

Siri, Alexa – schon beim morgendlichen Impuls in den Tag wurde deutlich, wie sich die Welt verändert hat, wie digitale und reale Welt miteinander verschmelzen. Siri, Alexa - bei diesen Namen denken längst  alle an elektronische Helfer, die den Alltag (vermeintlich) erleichtern sollen. Es sei eine der wichtigsten Erkenntnisse der vergangenen Jahre, dass sich die reale und digitale Welt nicht als parallel existierende Welten entwickelt hätten, sagte Sauer.

1999 sei noch für das Internet mit dem Satz „ich bin drin“ geworben worden. Heute gelte: „Menschen gehen nicht online, sie sind es“, betonte Sauer und lieferte den direkten Beweis: „Wer von Ihnen hat ein Smartphone dabei“, lautete seine Frage. Kein Arm blieb unten. Man könne sich der Digitalisierung nicht verweigern, „es sei denn Sie werden Aussteiger“, verdeutlichte der Kommunikationsberater.

Wie kann Digitalisierung helfen, Menschen zu helfen?

Weil sich auch die ehrenamtlicher Helfer der Caritas dieser Veränderung nicht entziehen können, und es um die Frage geht, wie sie ihr Hauptanliegen – Menschen in unserer Gesellschaft zu helfen, die Hilfe brauchen – auch künftig erfüllen können, „interessieren uns natürlich die Chancen, Risiken und Nebenwirkungen, die mit der Digitalisierung verbunden sind“, erläuterte Marius Wingerter. Er ist beim Bischöflichen Ordinariat für pastorale Grunddienste und Gemeinde-Caritas zuständig und betonte, dass man sich bei der Planung der Jahresversammlung bewusst für das Thema entschieden habe. Und Geschäftsführerin Daniela Ball-Schotthöfer , Referentin für Gemeindecaritas beim Caritasverband für die Diözese Speyer, hatte viele Aspekte des Jahresthemas auf zwei Schautafeln visualisiert. 

Die Digitalisierung habe Auswirkungen, die deutlich größer seien, als mit digitalen Medien zu arbeiten, unterstrich Sauer. Es gehe nicht um eine digitale Glaubensvermittlung via Facebook, Whatsapp oder Internetseite. Entscheidend sei, dass das Produkt,  dass die Art wie Glaube vermittelt wird, zu einer digitalisierten Welt passt. Das meine er, wenn er sage, dass Digitalisierung mehr sei, als digitale Produkte.

Es kommt auf die Inhalte an

Es sei sogar möglich, dass man in einer digitalisierten Welt am Ende mit einem nicht-digitalen Produkt die Menschen am besten erreiche. Der Inhalt sei wichtig. Provokativ stellte er in den Raum: „Was bringt es einen Gottesdienst im Internet zu übertragen, wenn der Gottesdienst langweilig gestaltet ist. Dann kommt keiner in die Kirche und schaut ihn sich keiner im Netz an“, machte Sauer deutlich, dass es immer wichtiger werde interessante Inhalte zu bieten.

Wolle man, dass junge Menschen in den Gottesdienst kommen, „dann lassen Sie die jungen Menschen den Gottesdienst gestalten“, sagte er. Die Zeiten, in denen die Jugend komme und sage, ‚erklär mir die Welt‘, sind vorbei. Dafür bekommen sie schon von Kindesbeinen an zu viele Informationen mit.

Drei Faktoren gelte es in einer digitalisierten Welt zu beachten, wenn man erfolgreich auf sein Angebot aufmerksam machen wolle. Zum einen die Verfügbarkeit. Im Internet seien nahezu alle Informationen verfügbar. Gott an sich ist aber nicht verfügbar, sagte Theologe Sauer. Deshalb sei es schon eine besondere Herausforderung in einer digitalisierten Welt einen Gott zu präsentieren, der für alle da ist, aber nicht hier ist.

Ein zweites Kennzeichen der digitalisierten Welt sei die Individualität. Eine gesellschaftliche Entwicklung  die schon vor der Digitalisierung begann. Eigene Leistungen und erarbeiteten Überzeugungen sind für das eigene Leben entscheidender, als die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Das stelle Glaubensgemeinschaften vor Herausforderungen. Die Frage, wie der einzelne seine Identität definiere, sei wichtig und spiele eine große Rolle, wenn es darum gehe, jemanden überhaupt zu erreichen.

Schließlich sei die Aufmerksamkeit ein dritter und wichtiger Faktor in einer digitalisierten Welt. Rund um die Uhr stehen nahezu alle Informationen zur Verfügung. Sei früher der Zugang zu Informationen wichtig gewesen, ist es heute viel entscheidender, die Aufmerksamkeit eines Menschen für mein Angebot zu bekommen. Sauer unterstrich: „Wer nicht professionell kommuniziert, braucht gar nicht kommunizieren“.

Professionelle Kommunikation gewinnt an Bedeutung

Das sei ein wichtiger Satz, den er von der Jahresversammlung mitnehme, sagte Marius Wingerter – dies auch unter anderem mit Blick auf die bevorstehende Pfarrgremienwahlen, über deren Ablauf er informierte. Angesichts von einem durchschnittlichen Besuch von 7,7 Prozent aller Katholiken im Bistum in den Gottesdiensten, sei vor diesem Hintergrund klar, dass für die Wahlen nicht nur in der Kirche geworben werden könne. Dort erreiche man fast 93 Prozent der angesprochenen Gläubigen nicht, zeigte Wingerter auf, wie real Sauers Ausführungen bereits sind.

Was verschiedene soziale Netzwerke, Dating-Apps und deren Angebote so erfolgreich mache, sei vor allem eines, unterstrich Sauer: „Sie fragen den Kunden, wie kann ich dir helfen“. Und bieten Lösungen an. Deshalb sei es für die Ehrenamtlichen in der Caritas wichtig, zu fragen: „Wie kann ich helfen?“. Eine bisher schon gültige Frage. Aber wenn in einer digitalisierten Welt darauf keine Antwort komme, müsse man auch sagen, dann eben nicht, dann gibt es zu einer nicht nachgefragten Sache auch kein Angebot.

Diskussion über Beispiel aus der Praxis

Ein praktisches Beispiel dazu ergab sich in der Diskussion über die aktuelle Arbeit im Caritas-Ehrenamt. Ein großes Problem, schon lange Zeit, sei das Thema Datenschutz, das bei Krankenbesuchen greife. Viele Krankenhäuser würden die Daten der Patienten nicht mehr herausgeben. Man wisse nicht, wer im Krankenhaus liege und sich über Besuch von den Caritas-Ehrenamtlichen aus der Gemeinde freue. Ein sehr gutes Beispiel für Wingerter. Man dürfe nicht lamentieren, dass es so sei. Für Krankenhäuser sei es rechtlich schwierig und/oder verwaltungstechnisch zu aufwändig,  das zu leisten. Auch über die Pfarreien sei es nicht zu bewältigen. Werde dieses Angebot nicht mehr gebraucht, dann gelte es eben sich davon zu verabschieden.

Einen klaren Blick für Veränderungen bekommen

Man müsse die Lebenswirklichkeit so sehen, wie sie ist, forderte Sauer die Ehrenamtlichen auf, mit klarem Blick durch eine im Umbruch befindliche Welt zu gehen. Vieles habe sich verändert, vieles verändere sich. So sinke die Verbindlichkeit von Verabredungen durch die digitale Kommunikation. Darüber zu klagen, bringe ebenso wenig wie über die Entwicklung, dass Menschen nicht mehr fähig seien, Konflikte auszutragen, weil sie diesen in einer digitalen Welt aus dem Weg gehen können oder darüber zu lamentieren, dass Menschen aus der Kirche austreten. „Kirchenaustritte haben nichts mit Glaubensaustritten zu tun“, sagte Sauer. Kirche müsse wieder zur Lebenswirklichkeit der Menschen passen.

Was für die ehrenamtliche Arbeit in einer digitalisierten Welt wichtig ist

Was die Arbeit, auch die ehrenamtliche Arbeit, in einer digitalisierten Welt angehe, gebe es einige Prinzipien, die beachtet werden sollten: In Beziehungen sein, Netzwerke schaffen, da die Zeit der Einzelkämpfer vorbei ist. Großzügig sein, sei ein wichtiger Faktor, der nicht zu verwechseln sei mit sich ausbeuten lassen. Sichtbar arbeiten, um wahrgenommen zu werden, neugierig bleiben und immer dran bleiben an dem, was einem wichtig ist.

Wechsel im Leitungsteam

Dran bleiben, auch wenn es nicht immer einfach ist, das wollen die Mitglieder im Leitungsteam des Forums Caritas-Ehrenamt. „Wir wollen das Ehrenamt, wir wollen unsere Arbeit sichtbar machen“, sagte dessen Sprecher Manfred Traub. Für die Aufgaben im Caritas-Ehrenamt, hatte Schwester Roswitha die Teilnehmer begrüßt, brauche es offene Ohren und ein offenes Herz. Beides bringen die Mitglieder des neuen Leitungsteams mit. Sowohl Traub, wie auch seine beiden verbliebenen Mitstreiterinnen Rita Merkl (Germersheim) und Elisabeth Reis (Ludwigshafen) standen für eine Wiederwahl zur Verfügung. Lust auf etwas Neues, darauf sich einzubringen, verspürt Christiane Stolle (Rutsweiler/Glan), die erstmals ins Leitungsteam gewählt wurde, das eine Amtszeit von vier Jahren vor sich hat. Der fünfte im Bunde ist Karl-Heinz Ochs (Otterbach), der bereits zweieinhalb Perioden im Leitungsteam engagiert war, sich nach einer mehrjährigen Pause jetzt wieder ein bisschen in die Pflicht nehmen ließ.

Text/Foto: Andrea Daum