Mittwoch, 20. März 2019

„Kinder brauchen starke Eltern“

Clemens Reifenberg und Kirstin Blickensdörfer 

Wenn die Probleme in der Pubertät eskalieren, kann ein Gruppentraining für Eltern helfen. Das Caritas-Zentrum Ludwigshafen veranstaltet inzwischen schon den zweiten Durchgang. Ab Oktober soll eine neue Elterngruppe beginnen

Ludwigshafen. „Vorsicht – Teenager in der Pubertät. Kann alles, weiß alles, immer cool, extrem reizbar.“ Was für Außenstehende als lustige Beschreibung für die Phase Pubertät dienen kann und manche Familien mit einem Achselzucken ertragen können, weitet sich für manche Familien auch zu einer echten Belastung aus.

Wenn Eltern mit ihren pubertären Kindern an ihre Grenzen kommen, suchen sie Hilfe bei der städtischen Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern oder im Caritas-Zentrum in Ludwigshafen. „Die Ängste und Sorgen, mit denen Eltern zu uns kommen, ähneln sich“, weiß Diplom-Psychologe Clemens Reifenberg aus dem Caritas-Zentrum. „Und wenn viele Eltern dasselbe erleben, dann liegt es nahe, sie in einer Gruppe zusammenzufassen“, fügt er an.

Daher haben er und seine Kollegin in der städtischen Beratungsstelle, Diplom-Sozialpädagogin Kirstin Blickensdörfer, gemeinsam ein Konzept für ein Gruppentraining für Eltern entwickelt. Im Herbst vergangenen Jahres fand das Gruppentraining   zum zweiten Mal statt. Ab Oktober soll eine neue Elterngruppe starten. Die Gruppe trifft sich sechs Mal alle 14 Tage, danach gibt es nach einer längeren Unterbrechung einen so genannten Follow-up-Termin.

„Es ist uns wichtig, den Eltern darzulegen, dass die Pubertät für Jugendliche eine wichtige Entwicklungsherausforderung darstellt, die sie überstehen müssen“, so Blickensdörfer. Die Probleme in dieser Zeit seien häufig die gleichen wie zum Beispiel  Schulunlust bis hin zu Schulverweigerung: „Wenn Kinder da nicht funktionieren, bekommen Eltern Angst“, weiß Reifenberg.

Weiterhin gibt es zahlreiche häusliche Konflikte, die eskalieren, weil sich die Jugendlichen nicht an Regeln halten und sich verweigern. „Manchmal ist der Ausgangspunkt gar nicht so schlimm, aber die Auseinandersetzung schaukelt sich hoch“, erklärt Blickensdörfer. Und nicht selten stellen sich Eltern besorgt die Frage: „Was hab ich falsch gemacht?!“

„Aber über solche Themen spricht man nicht“, wissen die Erziehungsberater. Dann kann die Gruppe hilfreich sein. Die Eltern machen in der Gruppe die Erfahrung, dass sie nicht die einzigen mit diesen Problemen sind. Manche werden demütig, wenn andere Teilnehmer über deutlich schwierigere Situationen in ihren Familien berichten. Respekt und Wertschätzung für die besondere Situation der Eltern Pubertierender erleben die Eltern an den Gruppenabenden. Sie werden zum Perspektivwechsel eingeladen, sobald über andere Jugendliche erzählt wird und können als „Experten“ untereinander Tipps austauschen. So wächst in der Gruppe auch das Vertrauen untereinander.

Es kommt immer wieder vor, dass Konflikte zwischen Eltern und Jugendlichen eskalieren. Ein Wort gibt das andere und es kommt im Eifer des Gefechts zu verbalen Verletzungen oder tiefen Kränkungen. Konflikte mit dem Jugendlichen verlagern sich auf die Paarebene, Paarkonflikte werden offenbar. Das Elternpaar leidet. „Manchmal braucht es dann auch eine gewisse Deutungsgabe“, sagt Blickensdörfer: Geht es in dem immer wiederkehrenden Streit um 15 Minuten Verspätung oder steckt etwas Anderes, ein eigenes Bedürfnis, dahinter? Das können die Eltern in der Gruppe reflektieren und lernen, dies neu einzuordnen und damit umzugehen.

Häufig sind die Probleme zwischen Eltern und ihren Jugendlichen mit Schwierigkeiten in der Kommunikation und dem Missverstehen pubertären Verhaltens verbunden. Durch unterschiedliche Methoden, zum Beispiel durch Präsentationen und theoretische Inputs, durch den Austausch untereinander, durch Rollenspiele und den Rückblick auf die eigene Biografie, versuchen die Berater,  mit den Eltern deren Ressourcen zu aktivieren, sie für ein anderes Verhalten und eine andere Art der Kommunikation mit Jugendlichen zu sensibilisieren. „Es geht ja darum, die Beziehung zu den eigenen Kindern zu verändern und zu gestalten, das müssen die Eltern auch lernen“, sagt Blickensdörfer. Oder aus dem Blickwinkel der Kinder: „Eltern sind ganz wichtige Partner für ihre Kinder. Die brauchen starke Eltern, deshalb müssen Eltern raus aus ihrer Verunsicherung“, betont Reifenberg.

„Musterlösungen können Eltern bei dem Training nicht erwarten“, betonen die beiden. Ihnen ist wichtig, dass die Eltern mit ihren Kindern in Kontakt bleiben, trotz der schwierigen Konflikte und individuelle Lösungen gefunden werden. So ist die Rückmeldung vieler Eltern nach einer gewissen Zeit  „Die Pubertät mit ihren Herausforderungen bleibt, aber ich kann gelassener damit umgehen:“

Informationen und Anmeldung zum nächsten Gruppentraining bei Clemens Reifenberg im Caritas-Zentrum, Tel. 0621/59802-40 oder bei Kirstin Blickensdörfer, Telefon 0621/504-3185 oder 504-3151 in der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Stadt Ludwigshafen

Text/Foto: Brigitte Deiters