Sonntag, 04. Oktober 2015

"Flüchtlinge stellen christliche Sensibilität auf die Probe"

Pontifikalamt zum Domweihfest 

Polnischer Erzbischof em. Henryk Muszynski ruft beim Domweihfest zu „außergewöhnlicher Solidarität“ der europäischen Länder auf

Speyer. Das diesjährige Domweihfest – das 954. seit der Weihe des Domes im Jahr 1061 - bot Anlass, sowohl auf 25 Jahre deutsche Einheit als auch auf das Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren zurückzublicken. Damit verband sich die Erinnerung an den historischen Briefwechsel zwischen den polnischen und den deutschen Bischöfen aus dem Jahr 1965. Darin hatten die polnischen Bischöfe im Blick auf das Leid und das Unrecht des Zweiten Weltkriegs geschrieben: „Wir gewähren Vergebung und erbitten Vergebung.“ Die deutschen Bischöfe hatten damals in gleicher Weise geantwortet.

„Das war in einer Zeit, als die Wunden des Krieges noch lange nicht verheilt waren, eine mutige Initiative und der erste und wichtigste Schritt zur Versöhnung zwischen Deutschland und Polen“, betonte der ehemalige polnische Primas Erzbischof em. Henryk Muszynski aus Gnesen, der aus Anlass des Jahrestages und des Domweihfestes nach Speyer gekommen war. Der Briefwechsel sei der Beginn eines gemeinsamen Weges gewesen, in dem sich das Verhältnis zwischen Deutschland und Polen immer mehr zum Besseren gewendet habe. „Ohne Versöhnung gibt es keine wahre Gemeinschaft und keine Zukunft“, unterstrich Muszynski in seiner Predigt im Pontifikalamt im Speyer Dom und mahnte zugleich, dass Versöhnung nicht durch politische Dokumente, sondern vor allem durch die persönliche Begegnung und das gemeinsame Gebet erreicht werde.

„Haltung zu Flüchtlingen stellt christliche Sensibilität auf die Probe“

Der Speyerer Dom sei für ihn ein Mahnmal für Versöhnung und Frieden, zugleich auch für die wieder zu erlangende Einheit unter den Christen. Diese müsse jedoch „nicht als Ergebnis von Kompromissen, sondern als Gabe Gottes“ errungen und erwartet werden.

Im Blick auf die Gegenwart sprach Muszynski von einer „tragischen Migrationswelle“, die Europa erreiche. Durch sie werde die Solidarität innerhalb der Europäischen Union, aber auch die christliche Sensibilität und Identität auf die Probe gestellt. Die außergewöhnliche Lage erfordert aus seiner Sicht eine „außergewöhnliche Solidarität der europäischen Länder und Institutionen“. Deutschland habe sich in der Aufnahme der Flüchtlinge als großartig erwiesen, lobte Muszynski. Auch jeder Christ sei aufgerufen, in den Heimatlosen „das Antlitz des Herrn zu erkennen“ und sich zu fragen: „Was können wir noch mehr unternehmen, um den Flüchtlingen zu helfen?“

„Einsatz für Friede und Versöhnung fordert jede Generation mit ganzer Kraft“

Auch Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann würdigte den Briefwechsel zwischen den deutschen und den polnischen Bischöfen als wichtigen Beitrag, dass ein „neues Europa des Friedens und der Versöhnung“ aufgebaut werden konnte. Der Dom als Sinnbild für die christlichen Wurzeln Europa sei ein bleibender Aufruf, sich für Friede und Versöhnung zwischen den Völkern einzusetzen. „Dieser Einsatz fordert jede Generation neu und mit ganzer Kraft“, so Wiesemann. Neben Erzbischof Muszynski feierten auch der Pfarrer der Speyerer Partnerstadt Kursk Eugen Kondratenko und sein Vorgänger Pfarrer Jan Bober das Pontifikalamt im Speyerer Dom mit.

Für die musikalische Gestaltung sorgten der Domchor Speyer und der Chor der St. Hedwigs-Kathedrale Berlin mit der Messe solenelle cis-Moll von Louis Vierne. Die Leitung hatte Domkapellmeister Markus Melchiori. Im Rahmen des Domweihfestes wurde zugleich der neue Domkantor Joachim Weller in sein Amt eingeführt.

 

Text und Foto: is