Dienstag, 28. April 2026
Im Dialog bleiben

Nicht immer einer Meinung, aber immer im Gespräch: Karl-Heinz und Claudia Wiesemann © Stephan Gilliar/Dr. Bertold-Moos-Stiftung
Bruchsal. Als Claudia Wiesemann erfuhr, dass ihr Bruder Karl-Heinz Priester werden will, war sie schockiert. Über 40 Jahre ist das her, und noch heute blicken die Wissenschaftlerin und der Geistliche unterschiedlich auf die Welt. Aber die beiden suchen den Austausch – und sind ein Beispiel dafür, wie man trotz erheblicher Meinungsunterschiede im Gespräch bleiben kann.
Bei den Bruchsaler Schlossgesprächen warben der Speyerer Bischof und die Medizinethikerin dafür, eine neue Diskussionskultur für ein besseres Miteinander in der Gesellschaft zu entwickeln – und gaben dabei auch Persönliches preis. Das Geschwisterpaar war sich einig, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt und die Demokratie nur gestärkt werden könnten, wenn Menschen nicht an festgefügten Meinungen festhalten. Die Suche nach Kompromissen sei unabdingbar in einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft. „Mir macht es Sorgen, dass wir mit einer ganzen Reihe von Menschen nicht mehr ins Gespräch kommen“, sagte der Bischof.
Als Karl-Heinz Wiesemann sein Theologiestudium in Paderborn aufnahm, versuchte seine zwei Jahre ältere Schwester, ihn zum Wechsel an die weitaus liberale Universität Münster zu bewegen – vergeblich. Als die Ernennung von Karl-Heinz Wiesemann zum Weihbischof bevorstand, veröffentlichte Claudia ein Buch, in dem sie liberale Thesen zum Schwangerschaftsabbruch kundtat. Und noch heute sind die beiden bei vielen Themen unterschiedlicher Meinung. Zum Beispiel, wenn es um den assistierten Suizid geht. Claudia Wiesemann sagt, sie möchte „nicht das Urteil fällen, du musst am Leben bleiben“, Karl-Heinz Wiesemann erklärt, es gebe „Grenzen des Autonomieverständnisses“. Der Mensch solle an der Hand eines anderen Menschen sterben, nicht durch die Hand eines anderen. Die Ehrfurcht vor dem Leben sei nichts, was aus dem Menschen selbst erwachse, sondern etwas, das ihm geschenkt wurde.
Intensiv hat sich die Professorin Wiesemann mit dem Thema Intersexualität beschäftigt und wirbt dafür, allen Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit Respekt zu zollen und sie so anzunehmen, wie sie sind. Das Thema ist ein Beispiel dafür, wie sich die Geschwister in ihrem Austausch angenähert haben. Zwar erinnert der Bischof an die Schöpfungsgeschichte, die davon berichtet, dass Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen hat, er wirbt aber auch für eine Wahrnehmung der Realität. „Wir sehen heute Wirklichkeiten als Kirche, die wir über Jahrhunderte nicht gesehen haben. „Wenn Religion nur eine Idee ist, die der Wirklichkeit übergestülpt wird, ist das sehr problematisch. Wir brauchen einen offenen Dialog, der Katechismus ist an einigen Stellen reformbedürftig und weiterentwicklungsfähig“, betont Karl-Heinz Wiesemann. Und er berichtet davon, dass ihn die praktische Arbeit in vieler Hinsicht geweitet habe.
Annährung gibt es auch von Seiten Claudia Wiesemanns. In ihrer Jugend war sie keineswegs ein „treues Kind der Kirche“, heute hört oder liest sie die Predigten ihres Bruders „ungemein gern“. Und sie sagt anerkennend: „Die Kirche hat sich in 40 Jahren bewegt.“
Wichtiger als die Inhalte ist an diesem Abend im Bruchsaler Schloss beinah die Form, der Umgang der beiden sehr unterschiedlich geprägten Geschwister. Claudia und Karl-Heinz Wiesemann stellen unter Beweis, dass Verständigung gelingen und Unterschiedlichkeit befruchtend wirken kann. Ein wichtiges Zeichen in einer Zeit, in der zwischen vielen gesellschaftlichen Gruppen Sprachlosigkeit herrscht.
Die Gesprächsreihe der Dr. Bertold Moos-Stiftung im Bruchsaler Schloss ist ein Kooperationsprojekt mit den Staatlichen Schlössern und Gärten Baden-Württemberg.
Zur Person:
Claudia Wiesemann, Jahrgang 1958, studierte Philosophie, Neuere Geschichte und Geschichte der Medizin in Münster und Erlangen-Nürnberg. Bis 2024 war sie Direktorin des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität
Göttingen. Acht Jahre war sie Mitglied des Deutschen Ethikrats, zuletzt dessen stellvertretende Vorsitzende.
Karl-Heinz Wiesemann, Jahrgang 1960, studierte Katholische Theologie und Philosophie in Paderborn und Rom. Er war Weihbischof in Paderborn und wurde 2007 von Papst Benedikt XVI. zum Bischof von Speyer ernannt.
Text: Matthias Bode
