Dienstag, 12. Mai 2026
Demokratie fällt nicht vom Himmel!
9. Tag des Religionsunterrichts an der Universität des Saarlandes
Saarbrücken. Kriege, gesellschaftliche Spannungen und aktuelle Wahlergebnisse führen es deutlich vor Augen: Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Gerade unter jungen Menschen wächst die Zustimmung zu politischen Rändern – ein Signal, das nach tragfähigen Wertmaßstäben verlangt. Demokratische Überzeugungen entstehen nicht von selbst; sie müssen entwickelt, erprobt und verantwortet werden.
Welche Rolle kann dabei der Religionsunterricht spielen? Diese Frage stand im Zentrum des 9. Tages des Religionsunterrichts, zu der sich am 6. Mai 2026 rund 100 Teilnehmende – darunter Studierende, Referendar*innen und Religionslehrkräfte – an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken versammelten. Bereits zu Beginn wurde in den Grußworten von Herrn Ministerialrat Reiner Groß vom Ministerium für Bildung und Kultur sowie des Universitätspräsidenten Prof. Ludger Santen deutlich: Demokratiebildung erschöpft sich nicht in der Vermittlung politischer Strukturen. Frau Dr. Reichmann, Abteilungsleiterin Religionsunterricht im Bistum Speyer, unterstrich, dass Demokratie auf tragfähige Haltungen angewiesen ist – ohne diese bleibt Demokratie inhaltlich leer. Gemeint ist eine Haltung, die die Würde jedes Menschen ins Zentrum stellt und davon geprägt ist, einander als gleich, frei und solidarisch zu begegnen. Der Religionsunterricht kann ein Ort sein, an dem diese Haltung angebahnt, eingeübt und reflektiert wird.
Passend zu diesem Verständnis von Demokratiebildung setzte die Tagung auf ein partizipatives Format: ein Barcamp. Die Teilnehmenden bestimmten die Themen selbst, brachten eigene Fragen und Erfahrungen ein und gestalteten den Austausch aktiv mit. In wechselnden Gesprächsgruppen entstand so ein offener Raum, in dem nicht nur über Demokratie gesprochen wurde, sondern demokratische Praxis unmittelbar erfahrbar war.
Die Vielfalt der Sessions spiegelte die Bandbreite aktueller Herausforderungen wider. Diskutiert wurde unter anderem die Frage nach politischer Neutralität im Religionsunterricht ebenso wie der Einfluss sogenannter „Christfluencer“ auf religiöse Meinungsbildungsprozesse oder der Umgang mit Antisemitismus im Unterricht. Immer wieder wurde deutlich: Demokratiebildung im Religionsunterricht bedeutet, Räume zu schaffen, in denen Haltung wachsen kann – getragen von Respekt, Dialogbereitschaft und der gemeinsamen Verantwortung für das gesellschaftliche Miteinander.
Die von Thomas Mann (ILF Saarbrücken) und Torsten Becker (Bildungscampus Saarland) ansprechend und kurzweilig moderierte Tagung machte damit eindrücklich sichtbar, was ihr Titel programmatisch formuliert: Demokratie fällt nicht vom Himmel! Sie entsteht dort, wo Menschen miteinander ins Gespräch kommen, Differenzen aushalten und Verantwortung für das gemeinsame Zusammenleben übernehmen. Genau darin liegt die bleibende Aufgabe – und die besondere Chance – des Religionsunterrichts.
Text: Nicolas Ludwig
