Freitag, 19. Juni 2026

“…und wenn sie nicht gestorben sind…“

Sechs Mitarbeiterinnen des Caritas-Altenzentrums St. Barbara lassen sich von Schauspieler Phillip Sponbiel zu Märchenerzählerinnen ausbilden. Phillip Sponbiel begeisterte die SeniorInnen mit seiner Märchenerzählung. © Paul H. Kreiner 

Märchen wirken sich positiv auf Menschen mit dementiellen Erkrankungen aus – Caritas-Altenzentrum St. Barbara bildet sechs Märchenerzählerinnen aus

St. Ingbert. Im Caritas-Altenzentrum St. Barbara in St. Ingbert wurden sechs Mitarbeiterinnen zu professionellen Märchenvorleserinnen ausgebildet. Phillip Sponbiel, Schauspieler und Erzähler, zeigte, worauf es beim guten Märchenlesen wirklich ankommt. Die Idee, Pflegerinnen des Altenheims zu professionellen Märchenvorleserinnen auszubilden, kam durch die AOK.

„Die haben uns letztes Jahr angerufen und gefragt, ob wir darauf Lust hätten. Die Kasse bezahlt die Projekte auch“, berichtet Evelyne Bahr, Bereichsleitung sozialer Dienst. Nun wurde es im Frühjahr konkret.

Zunächst hielt Sponbiel selbst vier Vorlesestunden im Altenheim. Das Ergebnis: Die Bewohner waren hellauf begeistert. Bahr sagt: „Es kommt nicht oft vor, dass 25 Bewohner eine Stunde zusammensitzen und es so ruhig ist, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte.“

Es folgte der Beschluss, eigene Mitarbeiterinnen des Altenzentrums zu Märchenvorleserinnen auszubilden. Auch das übernahm Sponbiel. An zwei Tagen lehrte er das Vorlesen – zunächst in der Theorie, dann in der Praxis. Durchgeführt wird das Projekt von der Märchenland GmbH mit Sitz in Berlin. Sponbiel ist einer von mehreren Märchenerzählern, die auch Schulungen durchführen – und das deutschlandweit. Es gibt auch eine Studie von vor etwa zehn Jahren, in der es um Märchen und Demenz ging und Märchen eine positive Wirkung auf Menschen mit Demenz bescheinigte.

Gelesen werden die klassischen Märchen, allen voran die Erzählungen der Brüder Grimm. Gerade bei Senioren kommen diese Geschichten immer wieder gut an, weiß Sponbiel. Sie wecken Erinnerungen an die Kindheit. „Früher gab es keine anderen Geschichten“, bemerkt er. Zudem sind die meisten Märchen positiv besetzt und enden oft glücklich. Mit Blick auf die Kindheit der Senioren stehen Märchenerzählungen auch für Familienzusammenhalt. Damals war der Alltag von viel Arbeit geprägt; erst abends kam man im Familienverbund zusammen. Fernsehen gab es nicht, also wurde gelesen. „Märchen stehen bei den Bewohnern also auch für Zusammenhalt und ein Sicherheitsgefühl. Das ist wahnsinnig wichtig“, so Sponbiel.

Aber wie liest man ein Märchen nun richtig vor? Worauf muss man achten – einmal davon abgesehen, sich nicht zu verhaspeln? „Mit viel Gefühl“, sagt Sponbiel kurz und knapp. Dieses Gefühl tritt beim Lesen durch vielerlei Kniffe stark in den Vordergrund: Wechsel zwischen schnellem und langsamem Lesen, Pausen – gerne auch einmal etwas länger –,   Druck in der Stimme sowie unterschiedliche Lautstärken. „Und ein sehr großer Gefühlsträger ist die Mimik. Das beachten sehr viele Menschen nicht“, erklärt Sponbiel. Der eigene Gesichtsausdruck hat großen Einfluss darauf, wie wir sprechen. Sponbiel gibt ein Beispiel aus der Praxis: „Wenn ich mit jemandem telefoniere, dann kann ich hören, ob die Person lächelt.“

Wie sehr die Mimik die Art des Vorlesens beeinflusst, wird bei der anschließenden Praxisübung deutlich. Gelesen wird aus dem Märchen „Schneewittchen und die sieben Zwerge“. Geht es um die böse Königin, die Schneewittchen am liebsten loswerden will, spricht Sponbiel mit starkem Druck und viel Ärger in der Stimme. Dazu verzerrt er sein Gesicht und setzt einen finsteren Blick auf. Selbst ohne ihn anzusehen, scheint dieser Blick hörbar zu werden.

Das genaue Gegenteil dieser Emotion zeigt sich in der Szene, als Schneewittchen zum ersten Mal das Haus der sieben Zwerge betritt und mit großer Verwunderung die sieben kleinen Tellerchen, Löffelchen und Messerchen entdeckt. Sponbiel empfiehlt, diese Passage mit großen Augen und hochgezogenen Brauen zu sprechen. Das verleiht der Stimme mehr Verwunderung. Werden die Augen dagegen leicht zusammengekniffen, schwingt eine gewisse Skepsis mit.

Für Sponbiel sind Märchen nicht nur etwas für Kinder. Die Stoffe werden immer wieder neu verwendet. Und Märchen sind für ihn weit mehr als nur schöne Geschichten. Die Erzählungen enthalten seiner Ansicht nach viel Symbolik – von alltäglichen Handlungsweisen bis hin zu tief philosophischen Überlegungen.

Sein persönliches Lieblingsmärchen ist „Brüderchen und Schwesterchen“. Darin fliehen zwei Geschwister gemeinsam in den Wald, nachdem ihre böse Stiefmutter sie schlecht behandelt hat. Im Wald trinkt Brüderchen trotz einer Warnung aus einem verzauberten Brunnen und wird in ein Reh verwandelt, woraufhin Schwesterchen ihn liebevoll beschützt. Später heiratet Schwesterchen einen König, die Stiefmutter wird bestraft und Brüderchen erhält seine menschliche Gestalt zurück. Sponbiel sieht in dieser Erzählung viel Symbolik – etwa in den Unterschieden zwischen Brüderchen und Schwesterchen, also zwischen männlich und weiblich, dargestellt durch aktives Handeln beziehungsweise Zurückhaltung und Vorsicht.

Mit Blick auf das Vorlesen rät Sponbiel jedoch davon ab, die Urfassungen der Märchen zu verwenden. „Früher hatten Märchen viel Grausames. Die Brüder Grimm haben das schon sehr entschärft“, erklärt er. Im Original von Aschenputtel etwa wurden den beiden Schwestern die Augen ausgepickt.

Außerdem empfiehlt Sponbiel, Märchen vor dem Vorlesen auf Triggerwörter zu prüfen. Das sind Wörter, die beim Publikum negative Erinnerungen hervorrufen können. „Wir haben hier ein Publikum, das den Krieg miterlebt hat“, bemerkt Sponbiel. Solche Triggerwörter ließen sich meist problemlos durch abstraktere Begriffe ersetzen, ohne dass der Inhalt darunter leide. Letztlich sorge ein Entschärfen auch dafür, dass die Märchen positiv enden – das Ziel der Vorlesestunden. Die Zuhörer wollen hören: „und wenn sie nicht gestorben sind…“.

Text: Paul H. Kreiner