Montag, 28. September 2020

Chance zur Vernetzung oder Ablenkung vom Wesentlichen?

Dr. Alexander Jatzko, Psychiater am Westpfalz-Klinikum Kaiserslautern, und Simone Krick, Referentin für Religionspädagogik im Bischöflichen Ordinariat. 

Kombinierte Präsenz- und Online-Tagung zum „Religionsunterricht im Horizont der Digitalität“

Ludwigshafen/Speyer. Über 70 Religionslehrerinnen und -lehrer aus dem ganzen Bistum haben sich Mitte September mit der Herausforderung ihres Fachs durch die Digitalisierung auseinandergesetzt. Die Jahrestagung für Lehrkräfte an Gymnasien und verwandten Schulformen war die erste religionspädagogische „Hybridveranstaltung“ des Bistums: Wer nicht nach Ludwigshafen ins Heinrich-Pesch-Haus kommen konnte, hatte die Möglichkeit, am Bildschirm teilzunehmen.

Der Ausbruch der Corona-Pandemie hat viele Schulen alt aussehen lassen. Ohne große Störungen ist kaum einer Bildungseinrichtung der Umstieg auf Online-Unterricht geglückt. Inzwischen holen alle Schulen in großen Schritten auf. Denn auf eine erneute Schulschließung, wenn auch hoffentlich nur lokal und zeitlich begrenzt, möchten sie vorbereitet sein. Welche Rolle spielt der Religionsunterricht in diesem beschleunigten Prozess der Digitalisierung? Wie weit muss, wie weit darf er sich verändern? Lässt sich persönliche Begegnung und unmittelbarer Austausch in den virtuellen Raum verlagern? Wie können Lehrerinnen und Lehrer auf digitalem Weg den Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern halten, zu Jugendlichen, deren soziales Leben nicht erst seit Corona zum großen Teil in sozialen Netzwerken stattfindet. Welche Chancen für religiöse Bildung, aber auch für Seelsorge bieten digitale Medien?

Die Aktualität des Themas „Religionsunterricht im Horizont der Digitalität“ trug sicher dazu bei, dass sich über sechzig Lehrkräfte zu einer Präsenzteilnahme bei der Jahrestagung für Religionslehrerinnen und -lehrer an Gymnasien, Gesamt- und Gemeinschaftsschulen im Bistum Speyer entschieden haben. Angesichts der Abstandsregeln war mit dieser Zahl die Fortbildungsveranstaltung nahezu ausgebucht. Weitere Lehrkräfte konnten davon profitieren, dass eine Online-Teilnahme möglich war. Für eine sichere Umsetzung der Hygienevorgaben und eine flexible technische Unterstützung sorgte das Team des Heinrich-Pesch-Hauses. Simone Krick und Bernhard Kaas, beide Referenten für Religionspädagogik, führten durch die Tagung.

An den beiden Vorträgen des ersten Tages ließ sich die Spannung ablesen, in der das Thema steht. Während bei Jens Palkowitsch-Kühl, Dekanatsjugendreferent im Evang.-Luth. Dekanat Aschaffenburg, die Chancen einer Erweiterung des digitalen Repertoires der Religionspädagogik im Vordergrund standen, wies der Psychiater Dr. Alexander Jatzko eindrücklich auf die Risiken hin, die eine kaum eingeschränkte Nutzung des Smartphones für Kinder und Jugendliche bedeutet. Am zweiten Tag setzten sich die Teilnehmer in Arbeitskreisen mit Wegen einer pädagogisch und fachlich sinnvollen Nutzung digitaler Medien im Unterricht auseinander.  Zu weiteren aktuellen Themen boten Informationsstände und Kurzvorträge Anregungen für den Unterricht und für seelsorgliches Wirken in der Schule, etwa zum Zusammenhang von Digitalisierung und nachhaltiger Entwicklung, zur Einbindung von Lerngruppen in den Visionsprozess des Bistums, zur Auseinandersetzung mit dem Synodalen Weg oder zur Einrichtung eines schulischen Seelsorgetelefons.

Keineswegs eine Nebensache waren der ungezwungene Austausch, die menschliche Begegnung und das gemeinsame Beten. Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann und Ordinariatsdirektorin Dr. Irina Kreusch kamen zur gemeinsamen Eucharistiefeier und blieben noch lange zum Gespräch. In seiner Predigt dankte der Bischof den Lehrerinnen und Lehrern für ihren Einsatz. Der Religionsunterricht sei ein Ort, an dem die großen Fragen des Lebens ihren Raum finden. In ihm gehe es um das Mehr des Lebens, um Beziehungen, die tragfähig sind. Denn der christliche Glaube sei nicht zuerst Lehre, sondern Beziehung. Für die Bildung unverzichtbar sei der Religionsunterricht auch als Ort, an dem Stellung bezogen wird, an dem man lernt, einen Standpunkt haben zu dürfen.

Im anschließenden Gespräch schloss sich Dr. Kreusch dem Plädoyer für den Religionsunterricht an. Angesichts der Tendenz, in Zeiten des Infektionsschutzes den Religionsunterricht ausfallen zu lassen oder zu ersetzen, ermutigte sie die Religionslehrkräfte, sich dafür einzusetzen, dass Religionsunterricht überall stattfindet. Bald werde es verbindliche Regelungen geben, unter welchen Voraussetzungen in Rheinland-Pfalz konfessionell-kooperativer Religionsunterricht erteilt werden kann.

Bischof Dr. Wiesemann stellte die Arbeit der Religionslehrerinnen und -lehrer in den Kontext der aktuellen kirchlichen Entwicklung. Im Religionsunterricht gehe es darum, die Fragen der jungen Menschen zu hören. Auch der Synodale Weg der katholischen Kirche in Deutschland nehme die gesellschaftliche Realität in den Blick. Das Leben der Menschen sei ein locus theologicus, ein Erkenntnisort der Theologie, der auch den Blick auf die Lehre verändern müsse.

Mehrere Lehrkräfte formulierten für sich ein ähnliches Fazit der Tagung: Digitale Medien seien ein Mittel für einen lebendigen Religionsunterricht, aber niemals das Ziel. So könne auch der beste digitale Unterricht den Präsenzunterricht als Ort persönlicher Begegnung nicht ersetzen.

Text: Bernhard Kaas/ Foto: Schulabteilung