Montag, 26. Oktober 2020

Online-Verbandstag der KAB im Bistum Speyer

Diskussion über die Situation in der Pflege (v.l. n.r): Harald Ledig und Leo Alves,(Westpfalzkliniken KL), Thomas Eschbach (Moderator), 

„Klatschen ist nicht genug“ – Arbeitsbedingungen in der Pflege

Maikammer. Zum ersten Mal veranstaltete die Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB) im Bistum Speyer ihren Verbandstag als reine online-Veranstaltung. Ihn abzusagen, war keine Lösung, so der Diözesanvorsitzende der KAB Kurt Freudenreich, denn die aktuelle politische und gesellschaftliche Diskussion verlangt geradezu einen Beitrag der KAB, die ihren Verbandstag jedes Jahr bewusst in Verbindung mit dem Welttag zur menschenwürdigen Arbeit sieht, der jährlich am 7.Oktober begangen wird.

Eröffnet wurde der Verbandstag mit einem Gottesdienst unter der Leitung des Bundespräses der KAB, Stefan Eirich. In seiner Predigt äußerte er die Sorge, dass nach wie vor viele Beschäftigte insbesondere im Sozial- und Medizinbereich sich in erster Linie mit ihrem wirtschaftlichen Auskommen befassen müssten. Dabei, so Eirich, darf die Sorge um seine Existenz nicht das Leben dominieren. Es braucht den geschützten Freiraum, in dem der Mensch zu sich selber kommen kann. Die als unvermeidlich hinzunehmenden Zwänge des staatlichen, beruflichen, gesellschaftlichen Lebens dürften für Christinnen und Christen nicht das letzte Wort haben.

Dem Gottesdienst folgte eine Podiumsdiskussion unter der Leitung von Thomas Eschbach, zuständiger Referent für die KAB im Bistum Speyer. Er begrüßte in der Runde neben Stefan Eirich auch Christian Hasse, Einrichtungsleiter des Caritas Altenzentrums in Limburgerhof sowie den Betriebsratsvorsitzenden des Westpfalzklinikums in Kaiserslautern Leo Alves und dessen Betriebsratskollegen Harald Ledig.

Was bestimmt momentan die Lage in der Pflege?
Die Herausforderungen für Bewohner der Heime wie auch für die Beschäftigten sind in der Corona-Zeit enorm, darin waren sich alle Gesprächsteilnehmer einig. Die drohende zweite Welle macht allergrößte Sorgen. Probleme, die vorher schon da waren, wie der Personalmangel, wurden durch Corona noch verschärft. „Die Anforderungen an das Personal sind in dieser Zeit noch mehr gestiegen und damit auch die psychische Belastung“, berichtete Leo Alves, und dabei gehe es den Beschäftigten sowohl  die Sorge um das Wohl der Patienten also auch um die eigene Gesundheit und die der eigenen Angehörigen. Harald Ledig ergänzte: „Der Pflegealltag ist Arbeit am Menschen und der ist momentan nicht gerade einfach. Wir Betriebsräte haben hier viel Gesprächsbedarf.“

Was muss sich ändern?
Es geht nach Auffassung der Katholischen Arbeitnehmerbewegung nicht unbedingt und nicht nur um bessere Bezahlung. Es gilt die Bedingungen der Pflege zu verbessern. Dazu gehören Bedingungen, die es ermöglichen dem eigenen Ideal an Pflege gerecht werden. „Pflege nach Stopp-Uhr“ daran leiden viele Beschäftigte. Der Bundespräses Eirich formulierte es so: „Nur wer selber als Mitarbeiterin und Mitarbeiter Würde erfährt, kann am Patienten Würde vermitteln“.

Für Christian Hassa ist das Thema Führung mitentscheidend. Die Grundhaltungen der Führung wirkten auch in der Pflege weiter. Hiervon hänge auch der Erfolg eines Unternehmens ab. Diesen Teil könnten die Unternehmen und Einrichtungen selbst bestimmen. Weit schwieriger gestalteten sich Strukturveränderungen, die in den letzten Jahren leider nur in Millimeterschritten vorangekommen sind. Es brauche dringend neue Rahmenbedingungen, so Hassa. Ein Beispiel hierfür ist die schnellere Anerkennungen von ausländischen Pflegekräften in Deutschland. Angesichts der Personalknappheit könne es nicht sein, dass dieses Verfahren bis zu einem Jahr dauert.

Für die Betriebsräte haben viele Aktionen der Politik viel mit Symbolpolitik zu tun. Es gehe mehr darum den Eindruck zu erweckt „wir machen doch was“, als tatsächlich und substantiell Prozesse anzugehen, die Wege aus der Krise zeigen, wie z.B. in den Bereichen: Personalmangel, Abbau von Bürokratie, bessere Anreizsystem für Berufseinsteiger, Antworten auf die hohe Fluktuation aus der Pflege, uvm..
Ändern muss sich auch der Blick auf den gesamten Sektor „Pflege“. In den nächsten zehn Jahren wird sich die Zahl der pflegebedürftigen Personen verdoppeln. Wir als Gesellschaft müssen die Frage beantworten: Was sind wir bereit für Pflege zu bezahlen? Was ist uns Pflege von Menschen wert?

Wünsche für eine bessere Zukunft
Ledig und Alves forderten mehr Wertschätzung der Arbeit der Pflegekräfte auch im Gesamtspektrum der anderen Gesundheitsberufe. Pflege sei nicht nur Waschen und damit eine Tätigkeit, die Jede und Jeder kann. Pflege werde überwiegend von Frauen geleistet. Stafan Eirich sieht in der Diskussion um Pflege auch eine Geschlechterfrage und eine Anfrage an die überkommenen Rollenbilder. Nach seiner Meinung müssen starre Rollenverfestigungen aufgebrochen werden. Des Weiteren müsse eine bessere Bezahlung für Beschäftigte in der Pflege erfolgen.
Christian Hassa forderte einen anderen Blickwinkel ein, der da heißt: Systemrelevant zu sein heiße nicht: „Was wird es kosten, sondern welche Ressourcen müssten geschaffen werden, damit die Systemrelevanz gelebt werden kann.“

Darin sind sich alle einig: Pflege sei nicht nur ein Kostenfaktor und darf auch nicht nur so betrachtet werden. Pflege sei auch ein Wirtschaftsfaktor für die Region in der sie geleistet wird. Aber Pflege sei weit mehr als Betriebswirtschaft. Von daher müssten politische Entscheidungsträger nicht nur Kosten diskutieren, sondern einen substantiellen Diskurs um Lösungen führen, die den Alltag der Pflegebedürftigen und der Pflegenden zum Mittelpunkt haben.

Text/Foto: KAB