Donnerstag, 14. Januar 2021

„Das machen wir gemeinsam!“

 

In diesem Jahr ruft der Deutsche Caritasverband mit seiner Jahreskampagne alle auf, gemeinsam an einer sozialen und gerechteren Gesellschaft mitzuarbeiten.

„#DasMachenWirGemeinsam!“ So lauten der Claim und die Botschaft der Caritas-Dachkampagne für die kommenden zwei Jahre. Zum ersten Mal wird eine Kampagne über zwei Jahre laufen. Damit verbunden ist der Auftrag an uns alle, gemeinsam an einer sozialeren und gerechteren Gesellschaft zu arbeiten, die möglichst vielen Menschen gute Chancen für ein gelingendes Leben bietet. Es geht dabei um gesellschaftliche Solidarität unter schwierigen Bedingungen.
 
Corona hat noch einmal wie unter einem Brennglas gezeigt, unter welchem Druck unsere Gesellschaft steht und wie sehr das Erstarken der politischen Ränder dazu führt, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt. Zwar haben Umfragen immer wieder gezeigt, dass das Gros der Gesellschaft die von der Politik verantworteten Corona-Schutzmaßnahmen mitträgt und richtig findet – aber dennoch gab und gibt es eine sehr laute Minderheit, die sich dem Aufruf zur Solidarität von Beginn der Pandemie an entzogen hat, das Tragen von Mund-Nasenschutz verweigert hat, demonstrativ bei öffentlichen Versammlungen die Anordnungen der Behörden missachtet hat, den Sicherheitsabstand nicht einhielt und so Andere gefährdet hat.

Darüber hinaus hat die Pandemie deutlich gemacht, dass auch ein finanzstarker Staat, der sich bemüht, die finanziellen und wirtschaftlichen Härten ganzer Berufsgruppen und Wirtschaftszweige abzumildern, nicht alle Ungerechtigkeiten und individuellen Härten ausgleichen kann. Künstler, Soloselbstständige, Kleinunternehmer, Hotels und Gaststätten sind in finanzielle Not geraten. Kurzarbeit sorgt über diese lange Zeit dafür, dass Menschen, die eigentlich einen soliden Arbeitsplatz haben, in finanzielle Engpässe geraten. Die Schließung von Schulen und Kindergärten haben dazu geführt, dass berufstätige Mütter sich plötzlich in der prekären Situation der Unvereinbarkeit von Kinderbetreuung und Homeschooling und den Erfordernissen ihres Arbeitsplatzes wiedergefunden haben. Die fehlende innerfamiliäre Solidarität der gleichfalls berufstätigen Väter mit ihren Partnerinnen sorgte in vielen Familien für blankliegende Nerven und anstrengende Auseinandersetzungen.

Corona hat gezeigt, dass eine solche Pandemie in alle Lebensbereiche der Menschen hineinwirkt und das Potential hat, den gesellschaftlichen Zusammenhalt nachhaltig zu untergraben. Eine solche Belastung über eine längere Zeit führt zur Polarisierung der Gesellschaft.

Corona hat auch gezeigt, wie sehr bürgerschaftliches Engagement eine Gesellschaft im Positiven prägt und trägt: Plötzlich sind für ganze Bevölkerungsgruppen ehrenamtlich organisierte Versorgungsstrukturen weggebrochen. Tafeln, Kleiderkammern, Suppenküchen, Wärmestuben, Sprachkurse für Migranten, Besuchsdienste in Altenheimen, Hausaufgabenhilfen und vieles mehr waren plötzlich nicht mehr möglich. In unserer Diözese waren viele ehrenamtlich getragene Initiativen davon betroffen. Die Nardini-Preisträger von 2019, der Besuchsdienst in der Bayreuther Straße in Ludwigshafen, konnten nicht mehr mit ihrem Bollerwagen mit Kaffee und Kuchen losziehen, um mit den Menschen in diesem Viertel ins Gespräch zu kommen. Ehrenamtlich organisierte Fahrdienste für Senioren, die nicht mehr mobil sind, konnten nicht mehr unterstützen.

Die vielen Ehrenamtlichen, die Woche für Woche in unseren stationären Altenhilfe-Einrichtungen mit Therapiehunden, mit Musikstunden mit Gesang, mit Waffelback-Aktionen, mit Vorleserunden und vielem mehr das Leben der Bewohner*innen bereichert haben, konnten zum Schutz der Senior*innen die Einrichtungen nicht mehr betreten. Ebenso die ehrenamtlich Engagierten in unseren stationären Behindertenhilfe-Einrichtungen. Trauergruppen der Hospizhilfe konnten sich nicht mehr treffen, Selbsthilfegruppen konnten nicht mehr stattfinden. Die Pandemie hat nachhaltig die Bedeutung des bürgerschaftlichen Engagements für den gesellschaftlichen Zusammenhalt deutlich gemacht.

Was bedeutet das alles für die Zeit, die jetzt vor uns liegt? Unsere Gesellschaft wird diverser, pluralistischer, bunter. Ganze Gesellschaftsgruppen sind nicht mehr bereit oder fähig, diese Herausforderungen mitzutragen. Die Aufgabe von Kirche und Caritas ist die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhaltes und die politische Lobbyarbeit für Menschen in Not. Mit der Kampagne „Das Machen Wir Gemeinsam“ sind sozialpolitische Forderungen an Kommunen und Länderparlamente und die Bundespolitik verbunden. Als Spitzenverband der Freien Wohlfahrtspflege bringt sich die Caritas in politische Debatten ein und streitet für gleichwertige Lebensbedingungen aller Bürgerinnen und Bürger unseres Landes. Die Caritas setzt sich ein für Menschen in Not und streitet für deren Rechte auf politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Teilhabe.

In Anbetracht der enormen finanziellen Ausgaben, die Bund, Länder und Kommunen stemmen müssen, um die Folgen von Corona in den Griff zu bekommen, werden auch die Leistungen des Sozialstaats auf dem Prüfstand stehen. Die Gefahr besteht, dass Kürzungen in diesem Bereich die bestehende soziale Ungleichheit zementieren oder verstärken – mit der Folge, dass die Gesellschaft als Ganzes instabiler wird. Entscheidend wird also sein: Welche langfristige Unterstützung sichert der Staat Menschen in schwierigen Lebenslagen zu? Wie bekommen wir zivilgesellschaftliche Netzwerke wieder an den Start, die sich aufgrund des Lockdowns ins Virtuelle zurückziehen mussten, und deren Engagierte nun zur Risikogruppe gehören und Angst haben, sich zu einzubringen.

Aber darüber hinaus wollen mit unseren Mitarbeiter*innen und Ehrenamtlichen darüber diskutieren, was eine gerechte Gesellschaft ausmacht und wie der Zusammenhalt gestärkt werden kann – und was jeder Einzelne dazu beitragen kann.

Denn das ist die andere Seite der Pandemie: Mit großem Erstaunen und viel Begeisterung haben wir erlebt, mit wieviel Kreativität unsere haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen Wege gefunden haben, unter veränderten Bedingungen dennoch für unsere Kund*innen da zu sein. Besonders erfolgreich war die Ehrenamtsinitiative im Projekt „Eine Tüte für LU“, die sowohl im ersten als auch im zweiten Lockdown mit Spenden der Aktion Mensch viele bedürftige Familien und Einzelpersonen in Ludwigshafen mit Lebensmitteltüten unterstützt hat – und darüber hinaus mit einer Kerzenaktion im Dunkeln vor der Ludwigskirche viele Passanten erfreut hat. Ein toller Erfolg war auch das Engagement der Mitarbeiter*innen des Caritas-Kinderzentrums Homburg, die ebenfalls im ersten wie im zweiten Lockdown mit einer Wundertüten-Aktion ihre Kinder mit Bastel-, Koch-, Spiel- und Rätseltipps beschäftigt haben. In beinahe jeder unserer 40 stationären und ambulanten Einrichtungen haben Mitarbeiter*innen und Ehrenamtliche kreative Möglichkeiten gefunden, unseren Kund*innen und Bewohner*innen die schwere Zeit zu erleichtern: mit Gartenzaun-Konzerten, mit Postkarten- und Bastelaktionen, mit Sport- und Bewegungsangeboten durch die Fensterscheiben, wie zum Beispiel „Zumba am Gartenzaun“ im Caritas-Altenzentrum St. Hedwig, mit kleinen Weihnachtsmärkten in den Gärten der Altenzentren. Mit einem Festessen für Bewohner*innen und corona-konformen Essensausgaben und Aktionen für die Kund*innen der Caritas-Zentren zum Tag der Heiligen Elisabeth, mit Aktionspaketen mit Rätselheften und anderen tollen Ideen von youngcaritas, und mit vielem Ähnlichen mehr.

Wir wissen alle, dass virtuelle Begegnungen per Skype und Video-Telefonie und kreative Aktionen auf Distanz auf Dauer menschliche Begegnung nicht ersetzen können. Und wir wissen, dass nur eine sozial gerechte Gesellschaft, die alle mitnimmt und integriert und die Menschen in Not im Blick hat, ein solidarisches Miteinander möglich macht. Dafür wird die Caritas in den zwei Jahren der Kampagne – und darüber hinaus – kämpfen und streiten, auch mit Ihnen, unseren ehrenamtlich Engagierten. Das Machen Wir Gemeinsam!
 
Über die Kampagne
Die Zwei-Jahres-Kampagne „Miteinander durch die Krise: #DasMachenWirGemeinsam“  versteht sich als Auftrag an alle innerhalb und außerhalb der Caritas, gemeinsam an einer sozialeren und gerechteren Gesellschaft zu arbeiten, gerade in der Coronakrise. Sie nimmt im Jahr der Bundestagswahl 2021 die Themen soziale Berufe und soziale Sicherungssysteme, Solidarität und gesellschaftliche Spaltung, Armut und Würde ins Visier.

Informationen zur Kampagne gibt es unter www.dasmachenwirgemeinsam.de. Als Teil der Kampagne startet die Podcast-Reihe „Deutschland solidarisch“, eine Gesprächsreise durch Deutschland zum Thema Solidarität und Zusammenhalt, mit Akteuren (nicht nur) der Caritas. Den Podcast finden Sie auf www.dasmachenwirgemeinsam.de/podcast sowie auf den üblichen Streaming-Portalen. Entwickelt wurde die Kampagne zusammen mit der Berliner Agentur Ballhaus West.

Die Kampagne mündet in das Jubiläum des Deutschen Caritasverbandes im Jahr 2022. Der Deutsche Caritasverband wurde im November 1897 in Köln gegründet.

Text: Caritasverband für die Diözese Speyer / Deutscher Caritasverband/ Foto: pixelfit / E+ / Getty Images