Dienstag, 13. April 2021

„Einfach da sein“

Pastoralreferentin Tanja Weidmann, Klinikseelsorgerin in Bad Dürkheim 

Gespräch mit Klinikseelsorgerin Tanja Weidmann (Bad Dürkheim) zur ökumenischen „Woche für das Leben“ vom 17. bis zum 24. April

Am 17. April startet die ökumenische „Woche für das Leben“. Sie steht in diesem Jahr unter dem Thema „Leben im Sterben“. Pastoralreferentin Tanja Weidmann (Bad Dürkheim) berichtet, was dieses Thema für ihre Arbeit konkret bedeutet. Sie ist als Klinikseelsorgerin in fünf stationären Einrichtungen tätig – darunter das Evangelische Krankenhaus Bad Dürkheim mit Palliativstation und Hospiz – und arbeitet mit der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV) zusammen.

Die ökumenische Woche für das Leben steht in diesem Jahr unter dem Leitwort „Leben im Sterben“. Welche konkreten Erfahrungen verbinden Sie damit?

Tanja Weidmann:Tatsächlich kommen mir viele sehr schöne Erfahrungen dazu spontan in den Sinn. „Leben im Sterben“, diesen Satz gibt es ja auch noch in anderen Formulierungen wie „Leben bis zuletzt!“ oder „Man kann dem Leben nicht mehr Tage, jedoch den Tagen mehr Leben geben!“. Und das ist wahr. Ab wann beginnt man denn zu sterben? Und umgekehrt, einige Menschen möchte man vielmehr fragen: Wann beginnst Du denn zu leben?

Gerade auf der Palliativstation und im Hospiz leben wir im Team von Pflegenden, Therapierenden und Begleitenden gemeinsam mit den Patient*innen (im Hospiz: Gäste) und deren Angehörigen und Freunden. Mir kommt ein Weihnachtsabend im Hospiz in den Sinn: wenn wir nach dem Essen am großen Tisch im Wohnbereich gemeinsam sitzend unseren Gottesdienst beginnen. Die Musiktherapeutin stimmt wunderschöne Melodien an, wir hören die Weihnachtsgeschichte und das Enkelmädchen eines Gastes legt das ‚Christkind‘ in die Krippe, nachdem es von Hand zu Hand gereicht wurde und jede/r sein Gebet dabei still anvertrauen konnte. Dabei bringt es uns zum Lachen, weil es uns fragt, ob der Jesus gerne auf dem Bauch liegen will. Die Kinder sitzen auf dem Boden und packen Geschenke aus, es ist wie daheim. Und letztes Weihnachten erbat sich ein Gast das Wort und sprach davon, dass er es nie geglaubt hätte, nachdem er sein liebevoll selbstgebautes Haus verlassen hatte, noch einmal sich an anderer Stelle zu Hause fühlen zu können – nun sei er es und danke allen. Als uns bei seinen Worten die Tränen kamen, stießen wir mit Sekt miteinander an, froh, beisammen zu sein.

Da ist die gemeinsame Maibowle oder das Grillfest. Das gemeinsame am Tisch Sitzen und Keschde schälen für’s Mittagessen und wegstibitzen, wenn keiner schaut. Das Lachen im Garten, die Freude aller, wenn das neugeborene Enkelkind gebracht wird und wir ein Fest für das Leben feiern. Die Hochzeiten, die wir auf der Palliativstation gefeiert haben, Kindtaufe auch, oder Geburtstagsfeste mit Chor.

Neben den großen Festen sind es jedoch im „Leben im Sterben“ ebenso wie im Leben überhaupt die scheinbaren Kleinigkeiten und die Augenblicke, die den Zauber des Lebens in seiner ganzen Fülle ausmachen: das Lieblingslied zur rechten Zeit, ein Glas feinen Riesling am Abend, das Leibgericht riechen und schmecken, in der Frühlingssonne sitzen, dem Gesang der Vögel zuhören…. Ein Gast wollte gerne im Freien schlafen, was möglich ist, da jedes Zimmer im Hospiz eine eigene Terrasse besitzt. So konnte er dann auch irgendwann unter einem offenen Sternenhimmel sterben.

Was ändert sich im Leben, wenn ein Mensch dem Tod bereits sehr nahe ist?

Tanja Weidmann: Diese Frage allgemein zu beantworten, ist unmöglich. Verschieden wie wir Menschen sind, sind auch unsere Lebenswege unterschiedlich - ein Leben lang.

Noch dazu stellt jede Krankheit und jeder Lebensentwurf andere Aufgaben, jeden Tag, manchmal sogar jede Stunde. Oft ist die Vorstellung der Zeit ab einer Diagnose, die eine lebenszeitbegrenzende Aussage in sich trägt, bis zum Versterben so, dass man im Kreise der Familie geborgen jeden Tag auskostet. Manche haben Bilder von Filmen wie „Knocking on heavens door“ im Sinn: Nochmal so richtig aufdrehen, am Meer ankommen und dann glücklich sterben.

Doch meist trifft eine solche Krankheit einen Menschen „mittendrin“ und so geht es zunächst einmal darum abzuklären, wie die Krankheit sich darstellt, was alles betroffen ist, welche Therapien notwendig sind in welchen Kliniken. Oft kommt man mit dem „Verstehen“ gar nicht nach. Es ist zu tun, zu kämpfen, durchzustehen, Operationen, Chemo- und Strahlentherapien, Reha....  Patient*innen sind oft lange -schwere und auch hoffnungsvolle- Wege gegangen, um dann gemeinsam mit den Ärzt*innen doch gewahr werden zu müssen, dass die Krankheit nicht besiegt werden kann. Neue Fragen treten auf: Was gilt es zu Hause zu organisieren, zu besprechen? Welche Hilfe ist nötig? Kann ich zu Hause bleiben – mit aller zur Verfügung stehenden Hilfe? Oder suche ich doch eine Palliativstation oder ein Hospiz auf?

Darin, mitten darin, und zu den je unterschiedlichen Zeiten, brechen immer wieder alle Fragen zu Leben und Sterben auf. In allen Schattierungen: Da ist das dankbare Erinnern an gute gemeinsame Zeiten. Doch im konkreten Wissen um die Endlichkeit beginnen dann auch manchmal die schönsten Erinnerungen weh zu tun. Verabredungen mit Familienangehörigen und Freund*innen sind wichtig –sich „noch einmal“ sehen, gemeinsam reden, anstoßen, weinen, lachen,….leben eben! Am besten so normal wie nur irgend möglich!

Oder auch versuchen, ein bereits viel zu langes Schweigen wieder und noch einmal in ein Gespräch zu bringen. Manchmal gelingt sogar das Wunder einer Versöhnung nach langer Zeit.

Und überlegen, wie es weitergeht – für einen selbst und die Menschen, die man liebt. Da sind praktische Dinge mit Hab und Gut zu klären, aber auch die Sorge um die Familie: Wer kümmert sich um meinen Mann und meine kleinen Kinder, wenn ich nun gehen muss? Immer wieder werde ich angefragt, mit jemandem seine Beerdigung zu planen. Welche Musik prägt mich? Ein Bibelvers, ein Gedicht, was mir im Leben wichtig war. Welche Blumen?

Am Ende des Lebens braucht man immer weniger von dem, was scheinbar so wichtig ist im Leben. Das „Höher-schneller-weiter“ wandelt sich in ein „in die Tiefe gehen – in meinem Tempo – sei mir nahe!“. Zuletzt bedarf es keiner Nahrung mehr, sogar den Atem kann man aufgeben, ein- und ausatmen in die Ewigkeit. Doch vielleicht bleiben mir dann noch die vertraute Stimme und eine Hand, wenn ich sie greifen mag.

Was können Angehörige und Freunde tun, um ein „Leben im Sterben“ gut zu unterstützen?

„Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.“ Dieser Satz von Guy de Maupassant hängt im Eingangsbereich unseres Hospizes und so manche/r liest ihn mit bestätigendem Kopfnicken. Ja, es sind die Begegnungen, die das Leben ausmachen.

Und das ist auch schon die Antwort auf diese Frage: wenn es Freunde und Angehörige verstehen, da zu sein und zu bleiben und dabei so viel Normalität als möglich zu leben. Schöne Erinnerungen teilen und vor allem dem Menschen zu ermöglichen, er selbst zu bleiben mit dem, was ihn ausmacht - gleich was geschieht. Den Pflegenden ihm vertraute und geliebte Gewohnheiten mitteilen, sodass man, auch wenn sich jemand nicht mehr äußern kann, um Vorlieben und Abneigungen weiß, z.B. um Düfte und Geschmack und Melodien - nicht dass wir jemandem Mozart auflegen, der in seinem Leben kein AC/DC-Konzert verpasst hat. Einfach da sein, vom Leben erzählen oder still sein, schlicht: „Leben im Sterben“.

Ökumenische Woche für das Leben

Der zentrale Auftakt findet am Samstag, 17. April 2021, um 10.30 Uhr mit einem ökumenischen Gottesdienst im Dom zu Augsburg statt. Die „Woche für das Leben“ ist eine 1994 gestartete ökumenische Initiative der katholischen und der evangelischen Kirche in Deutschland zur Anerkennung der Schutzwürdigkeit und Schutzbedürftigkeit des menschlichen Lebens in allen Phasen. Die Aktion, die immer zwei Wochen nach Karsamstag beginnt und eine Woche dauert, will jedes Jahr Menschen in Kirche und Gesellschaft für die Würde des menschlichen Lebens sensibilisieren.

Zum diesjährigen Thema „Leben im Sterben“ erklären der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Georg Bätzing, und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm: „Wir wollen noch konsequenter als bisher einen bedarfsgerechten Ausbau der palliativen und hospizlichen Begleitung sowie eine umfassende Kultur des Lebens in unserer Gesellschaft fördern.“ Die Kirchen tragen eine gemeinsame Verantwortung mit vielen anderen Akteuren der Hospiz- und Palliativversorgung, die davon überzeugt sind, dass Menschenwürde mit dem Schutz des Lebens einhergeht: „Der Mensch ist in jeder Phase seines Lebens von Gott und von uns als Christinnen und Christen angenommen. Gott hat den Menschen nach seinem Bild geschaffen. Aus der Gottebenbildlichkeit des Menschen folgt für uns Christen seine unantastbare Würde, die uns verpflichtet, für den Schutz jedes menschlichen Lebens einzutreten.“ Die Bischöfe möchten diese Perspektive stark machen, gerade auch vor dem Hintergrund der sich in Deutschland zurzeit verändernden Gesetzeslage hinsichtlich des Lebensendes.

Weitere Informationen:

https://www.woche-fuer-das-leben.de/