Freitag, 30. Januar 2026

Sterbende auf ihrem Weg nicht alleine lassen

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Interview zum Thema Sterbesegen mit Barbara Blum

Speyer. Es ist der Wunsch fast aller Menschen, im Kreis der Familie und begleitet von Angehörigen und Freunden sterben zu können. Doch viele Angehörige fühlen sich ohnmächtig und sprachlos. Um ihnen zu helfen, die Unausweichlichkeit des Todes und den Abschiedsschmerz auszuhalten und dem Sterbenden bis zuletzt nahe zu sein, hat das Bistum Speyer den sogenannten „Sterbesegen“ eingeführt.

Der Sterbesegen ist ein Ritual, das hilft, den Übergang vom Leben zum Tod in Familien und im Kreis von Angehörigen und Freunden würdig und bewusst zu gestalten. Dazu gehören das gemeinsame Beten und Zeiten der Stille ebenso wie das Lesen in der Heiligen Schrift und das Singen von Liedern. Dabei können die gemeinsamen Erinnerungen zur Sprache kommen und auf das Leben des Sterbenden mit seinen Höhen und Tiefen zurückgeblickt werden. Im Zentrum steht das Segensgebet. Durch diese Segensworte und die Begleitung der Angehörigen erfahren die Sterbenden Zuwendung und Nähe. Sie spüren, dass sie in dieser Situation nicht allein sind.

Für die Ausbildung gibt es im Bistum Speyer zwei Wege. Die Gesamt-Ausbildung umfasst sechs Module und richtet sich an alle, die noch keine Erfahrung in der Begleitung von sterbenden Menschen und ihren Angehörigen haben. Für Ehrenamtliche mit Vorerfahrung gibt es zudem eine Ausbildung für Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger. Insgesamt wurden bisher knapp 100 Personen ausgebildet, primär Quereinsteiger, darunter auch Barbara Blum. Im Interview erzählt sie von der Ausbildung und ihrer ersten Segenspendung.

 

Wie entstand bei Ihnen der Wunsch, Sterbende und ihre Angehörigen begleiten zu wollen?

Ich wohne seit über zehn Jahren mit meinem Mann in Bad Bergzabern. Wir haben sieben erwachsene Kinder. Als die Kinder aus dem Haus waren, wollte ich etwas Neues probieren. Im Gespräch mit dem Gemeindereferenten von St. Marien in Landau fiel dann zum ersten Mal das Wort Sterbesegen. Zuerst dachte ich, das ist überhaupt nichts für mich – ich habe dann andere Sachen ausprobiert, wie ein Grundseminar in ehrenamtlicher Hospizarbeit. Aber dann bin ich doch dem Ruf gefolgt, diese Ausbildung zum Sterbesegen zu machen.

 

Wie würden Sie den Begriff „Sterbesegen“ definieren?

Der Sterbesegen hilft, einen Menschen, dessen Tod unausweichlich ist, vom Hier und Jetzt, vom Leben über das Sterben in das neue Leben zu begleiten. Ich segne den Menschen, indem ich sage, ich gebe dich jetzt in Gottes Hand, in der du es ganz gewiss guthaben wirst. So ist unser Glauben als Christen. Ich verstehe meine Aufgabe so, dass ich mit dem Sterbenden seinen Weg gehe und seine Hand halte, solange ich kann, bis dann das Licht von der anderen Seite kommt und die Hand von Jesus Christus ergriffen wird.

 

Wie lief die Ausbildung zum Sterbesegen ab?

Ich habe ein Ausbildungsseminar für Quereinsteiger gemacht, weil ich schon so viele Vorkenntnisse hatte. Thematisch geht es darum, zu erlernen, den Sterbesegen zu spenden, Sterbende zu begleiten, in dieser besonderen Situation, die einfach nicht mehr zu verändern ist. Der Tod wird kommen, es gibt kein Genesen, das ist unausweichlich. Aber das Sterben zu begleiten, den Sterbenden selbst, die Angehörigen mit einzubinden und sie zu trösten in dieser Situation.

 

Wie hat Ihr Umfeld darauf reagiert, dass Sie sich für den ehrenamtlichen Umgang mit Tod und Sterben entschieden haben?

In meiner Ursprungsfamilie wurde der Tod eigentlich eher weggeschickt, weggeschoben, und dementsprechend hat mein Umfeld dann auch reagiert: Was? Warum tust du dir das an? Das ist doch nur belastend. Diese Bedenken habe ich ernst genommen, und habe sie auch mit in die Ausbildung genommen. Der für mich erlösende Satz kam dann von der damaligen Kursleiterin: „Nehmen Sie es doch mal wie eine Berufung.“ Ich bin ihr bis heute sehr dankbar, dass sie mir mit meinen Zweifeln so geholfen hat.
Ich hatte eine schwerkranke Freundin, und ich dachte immer, wenn ich es nur für sie mache, dass ich sie gut begleiten kann, dann war es schon richtig wertvoll. Mittlerweile ist meine Freundin leider verstorben, aber mein Wunsch ist aufgegangen. Ich konnte sie über mehrere Monate begleiten, und ihre letzten Stunden mit Gesang und Gebeten gestalten, sie in Liebe einhüllen und ihre Hand halten, bis sie gegangen ist. Es war sehr berührend und ein Trost für uns Zurückgebliebene – wir konnten alles, was schiefgelaufen ist, gerade biegen, das alles ist nicht mehr wichtig, denn jetzt ist sie in Gottes Reich, und dort gibt es nur Liebe und Licht.

 

Wie war es für Sie, das erste Mal den Sterbesegen zu spenden?

Meinen ersten Sterbesegen habe ich im November 2023 einem Freund spenden dürfen, der sehr schnell innerhalb von drei Monaten verstorben ist – Das war natürlich etwas ganz Besonderes. Die Situation war genau so, wie ich es mir vorgestellt habe. Wir, die wir den Menschen kannten, haben eine wunderbare Atmosphäre schaffen dürfen, ein Gefühl von „wir sind für dich da, aber auch füreinander“. Und das hat sowas Liebevolles ausgebreitet und sowas Warmherziges ausgestrahlt. Wir wussten alle, was passieren wird, aber wir waren nicht alleine, und der Sterbende war auch nicht alleine. Mein Freund war ein Ehemann, ein Familienvater, der immer Verantwortung übernommen hat. In der Situation war wichtig, ihn loszulösen von diesen Pflichten, ihm zu sagen: Du musst das jetzt nicht mehr machen, wir übernehmen das, und wir lassen auch deine Lieben nicht alleine.

 

Sie haben jetzt schon kleine Einblicke in die Feier gegeben. Wie läuft eine Sterbesegensfeier ab? Gibt es bestimmte Abläufe oder Rituale?

Es sterben Alte, es sterben Junge, es sterben leider auch Kinder. Und so unterschiedlich wie das Sterben ist, so individuell soll die Feier sein. Aber es gibt dennoch einen groben Ablauf.
Bei meiner ersten Sterbesegensfeier war es so: Wir haben mit dem Kreuzzeichen gestartet, das ist unser Segenszeichen, und ich habe die Anwesenden begrüßt. Dann gab es eine Schriftlesung – mich persönlich spricht das Wort des Propheten Jessaja „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich ausgelöst“ an, das finde ich sehr tröstlich, deshalb nehme ich diesen Text. Im Anschluss haben wir miteinander das „Vater Unser“ gebetet und uns an den Händen gefasst, auch denjenigen, den wir jetzt im Sterben gesegnet haben. Bei der Feier von meinem Freund haben wir dann ein „Gegrüßet seist du Maria“ gebetet, da wir Sterbende ja auch immer an die Gottesmutter Maria empfehlen. Geendet haben wir mit dem Psalm 23, „Der Herr ist mein Hirte“, ein wunderbar tröstliches Wort, das einfach mit dem „Fürchte dich nicht“ wunderschön zusammenpasst. Zum Schluss durfte jeder einen Wunsch oder einen Dank äußern – Was schön war mit dem Papa, was gut war in der langjährigen Ehe, was in der Freundschaft so Besonderes war, … Und schon zaubert es in diese traurige Stimmung, wo jeder weiß, wo es hingeht, doch wieder etwas Wohliges, etwas Lebendiges. Unseren Freund hatten wir dabei immer mit an der Hand, und wir haben ihn immer berührt. Er war bis zu seinem Schluss nicht alleine. Das wünsche ich mir für mich selbst auch, und für alle Menschen, die ich in meinem Herzen habe – so aus der Welt zu gehen.

 

Wie ging es Ihnen nach der Feier?

Es war für mich ein großer Beweis von Freundschaft, das tun zu dürfen. Ich habe mich nicht ausgelaugt oder Ähnliches gefühlt, ich hatte das Gefühl, ich konnte etwas tun in dieser ausweglosen Situation. Die ganze Situation hatte einfach so etwas Inniges und Individuelles an sich. Ich glaube, wenn so etwas schön sein kann, dann darf es genauso sein.

 

Welche Eigenschaften sollte man Ihrer Meinung nach mitbringen, um den Sterbesegen spenden zu können?

Wichtig ist Empathie. Wichtig ist, den Augenblick ganz offen zu erfassen: Was bedarf es jetzt? Ist jetzt gerade erst einmal noch Stille gut? Ist jetzt der Moment, wo wir beten? Können die Angehörigen, die dabei sind, das aushalten, oder mache ich lieber viel weniger?
Natürlich ist es wichtig, selbst im Glauben zu Hause zu sein und zu sagen, das ist das einzige, das ganz gewiss ist, dass der Tod kommt. Wann und wie, wissen wir nicht, aber es ist schön, ihn zu begleiten. Alles, was man auf einem Lebensweg an positiven Erfahrungen im mitmenschlichen Bereich hat, reicht schon aus – ein offenes Herz für Menschen, für Not, für Freude, aber auch für alles, was das Leben so mit sich bringt. In diesen Sterbesegensfeiern steckt so viel drin, was Menschen stärkt. Ich kann jeden nur ermuntern, wenn jemand sich mit Kranken beschäftigen oder Sterbende begleiten will, es ist etwas ganz Wunderbares. Es kostet Kraft, aber es lastet nicht, es ist ein schönes Geschenk.

 

Weitere Informationen

Bei einer Online-Veranstaltung am Mittwoch, 11. Februar, von 19-21 Uhr, haben Interessierte Gelegenheit, den Sterbesegen kennenzulernen und sich über die Ausbildung zur Sterbesegen-Leiterin bzw. zum Sterbesegen-Leiter zu informieren.
Der nächste Ausbildungskurs für Quereinsteiger findet am 20. und 21. April in Speyer statt.

Weitere Informationen und Anmeldung:
Bischöfliches Ordinariat Speyer
Sekretariat der Hospiz- und Trauerseelsorge
06232/102-288
hospiz-trauerseelsorge@bistum-speyer.de
www.sterbesegen.bistum-speyer.de

 

Das Interview führte Katharina Kiesel.

Barbara Blum © Privat