Montag, 23. Februar 2026
Segensorte-Begegnungstag in Kaiserslautern
Aufhören, damit Neues wachsen kann
Kaiserslautern. Rund 70 Engagierte aus dem ganzen Bistum Speyer haben sich am 21. Februar in Kaiserslautern getroffen, um über eine Frage zu sprechen, die viele umtreibt: Wovon müssen wir Abschied nehmen, damit Kirche ein Segensort bleibt – oder wieder wird? Eingeladen hatte die Stabsstelle Innovation und Transformation, die den Segensorte-Begegnungstag 2026 unter das Thema „Exnovation – Aufhören, um anzufangen“ gestellt hatte.
Tagungsort war das 42 in der Innenstadt, ein modernes Innovationslabor in einem ehemaligen Kaufhaus. Der Ort selbst erzählte schon eine Geschichte: Früher diente das Gebäude einem ganz anderen Zweck, heute ist es ein Raum für Neues. Genau darüber wurde den ganzen Tag gesprochen – wie Orte, Formen und Gewohnheiten sich verändern können und trotzdem wichtig bleiben.
Durch den Tag führte die Theologin Sandra Bils von midi Berlin. Sie nahm die Teilnehmenden mit in Bilder und Geschichten: vom Kleiderschrank, der vor lauter Ungenutztem überquillt, bis zu digitalen Symbolen, die wir täglich anwählen, ohne ihren ursprünglichen Sinn noch zu kennen – ein Hinweis darauf, wie sehr wir uns an Dinge gewöhnen, die längst aus der Zeit gefallen sind. Und sie erzählte von einem Videotheken-Riesen in den USA, der so sehr an der Erfolgsformel der Vergangenheit festhielt, dass er die Zukunft verpasste und schließlich ganz vom Markt verschwand. Die Parallele lag nahe: Auch in der Kirche gibt es vieles, das einmal wichtig war, heute aber kaum noch Resonanz findet. „Das Schwierige ist nie das Neue“, sagte Sandra Bils. „Das Schwierige ist das Loslassen des Alten.“
Immer wieder lud sie dazu ein, ehrlich auf den eigenen Alltag zu schauen: Wo investieren wir viel Zeit und Kraft in Angebote, Gruppen und Termine – und merken, dass ihre Resonanz sich verändert hat? Was halten wir aus Gewohnheit am Laufen – und was würden wir anfangen, wenn wir die Hände wieder frei hätten? „Wir müssen ehrlich fragen, was wir mit uns herumtragen, obwohl es uns längst nicht mehr trägt“, brachte sie es auf den Punkt. Das Fachwort dafür lautet „Exnovation“ – im Mittelpunkt stand aber nicht das Wort, sondern die Erfahrung: Loslassen tut weh, kann aber befreiend sein.
Zugleich machte Bils deutlich, dass es dabei nicht nur um Organisation, sondern auch um die eigene Spiritualität geht. „Wenn mein Kalender jetzt schon voll ist – wie soll Gott mir dann noch etwas Neues schenken?“, gab sie zu bedenken. „Veränderung wird schwer, wenn wir das Alte wie ein Geländer festhalten – und nicht den Mut finden, einmal loszulassen.“
In Gesprächsrunden und kleinen Übungen tauschten sich Haupt- und Ehrenamtliche aus unterschiedlichen Pfarreien und Arbeitsfeldern aus. Schnell wurde deutlich, wie verschieden die Blickwinkel sind: Für die einen ist etwas „traditionell“, für andere „neu“. Für manche fühlt sich ein kleiner Schritt wie ein Wagnis an, während andere nach viel radikaleren Veränderungen verlangen. Einig waren sich viele darin, dass Veränderung nur gelingt, wenn man sie miteinander durchbuchstabiert – und wenn es Raum gibt, auch über Angst, Trauer und Widerstand zu sprechen.
Die Stimmung war entsprechend ernsthaft und zugewandt zugleich. Niemand bekam einfache Rezepte. Stattdessen entstand das Bild eines gemeinsamen Suchens: Wie können wir treu bleiben gegenüber Menschen und Geschichte – und zugleich mutig genug, Dinge zu beenden, die uns mehr Kraft nehmen als schenken? Mehrfach wurde deutlich, wie wichtig es ist, bei Veränderungen sowohl die Menschen einzubeziehen, die Kirche vor Ort heute tragen, als auch jene, die sich in den letzten Jahren eher zurückgezogen haben – und deren Perspektiven oft ausdrücken, dass sie sich Veränderung wünschen.
Die Stabsstelle Innovation und Transformation war an diesem Tag nicht nur organisatorischer Gastgeber, sondern verstand sich ausdrücklich als Wegbegleiterin. Felix Goldinger, Leiter der Stabsstelle, machte deutlich, dass es ihnen ein großes Anliegen ist, Menschen im Bistum miteinander zu vernetzen, die sich für Kirchenentwicklung interessieren – unabhängig davon, ob sie haupt- oder ehrenamtlich unterwegs sind. Große Veränderungen, sagte er, seien nur zu stemmen, wenn Menschen ein gemeinsames Verständnis entwickeln und sich gegenseitig stärken. Transformation bedeute für die Diözese nicht, einfach immer weiter zu erweitern oder Neues oben draufzusetzen, sondern gemeinsam ehrlich zu fragen, was wirklich trägt und was in die Zukunft führt.
Dass es dafür konkrete Unterstützung braucht, darüber war man sich einig. Die Stabsstelle verwies auf die Segensorte-Karte, auf der bereits heute verschiedene Initiativen und Pionierorte im Bistum sichtbar werden – Orte, an denen Neues ausprobiert wird und an denen Menschen mit anderen Formen von Gemeinschaft und Glauben experimentieren. „Wer neugierig ist, wo im Bistum schon Segensorte wachsen, kann auf unserer Seite Segensorte entdecken stöbern“, sagte Felix Goldinger. „Dort sammeln wir Orte und Initiativen, an denen Menschen Neues ausprobieren – und wir freuen uns über jede Idee, die dazukommt.“
Wer selbst eine Idee hat – ob klein oder groß –, kann sich an die Stabsstelle wenden. Neben Beratung, geistlicher Begleitung und Fortbildungsangeboten wird in diesem Jahr erstmals auch ein Innovationsetat veröffentlicht, aus dem Projekte finanziell unterstützt werden können.
Der Begegnungstag war dabei ausdrücklich nicht als Einzelereignis gedacht. Schon am 18. April geht es weiter: Dann sind im Rahmen eines großen Netzwerktreffens in Pirmasens erneut Menschen eingeladen, die sich für Kirchenentwicklung, Innovation und Transformation interessieren. Gemeinsam mit Bischof Karl-Heinz Wiesemann soll es an diesem Tag um die „Kunst der Improvisation“ gehen; außerdem werden neue Pionierpersonen gesegnet und gesendet.
Ab Sommer 2026 sind zudem drei Stammtischabende an verschiedenen Orten im Bistum geplant, bei denen der Austausch im Mittelpunkt steht – niedrigschwellig, offen, mit viel Raum für Fragen und gegenseitige Ermutigung. Informationen dazu finden sich auf der Website innovation.bistum-speyer.de.
Am Ende des Tages in Kaiserslautern blieb bei vielen der Eindruck: Einfach wird es nicht. Abschiede tun weh, Veränderungen sind anstrengend. Aber es lohnt sich, diesen Weg nicht allein zu gehen, sondern im Gespräch zu bleiben, miteinander zu beten, zu lachen, zu streiten und wieder neu anzufangen. Getragen von der biblischen Zusage, dass Gott Leben in Fülle will, bleibt die Frage: Wie werden unsere Gemeinden, Projekte und Orte zu Segensorten – für die Menschen, die da sind, und für die vielen, die vielleicht längst glauben, dass Kirche mit ihrem Leben nichts mehr zu tun hat?
Wer an diesen Fragen weiterdenken möchte oder selbst eine Idee hat, ist eingeladen, Kontakt mit der Stabsstelle Innovation und Transformation aufzunehmen. Sie versteht sich als Partnerin für alle, die nicht nur über Veränderung reden, sondern sie gestalten wollen – Schritt für Schritt, im Vertrauen darauf, dass im Loslassen Raum entsteht für Neues.
Text und Fotos: Stabsstelle Innovation und Transformation






