Donnerstag, 05. März 2026
Jahrestreffen der Ständigen Diakone im Bistum Speyer
Orientierung am Anderen als Kernpunkt christlicher Diakonie
Speyer. Im Priester- und Pastoralseminar St. German trafen sich Ende Februar die Ständigen Diakone des Bistum Speyer zu ihrem Jahrestreffen. Unter dem Leitwort „Orientierung am anderen als Kernpunkt christlicher Diakonie“ stand der Vormittag im Zeichen geistlicher Vertiefung, theologischer Klärung und brüderlichen Austauschs.
Begrüßt wurde der Hauptreferent Monsignore Pirmin Spiegel vom Diözesanreferenten für Ständige Diakone, Michael Ganster. Ganster würdigte Spiegel als erfahrenen Seelsorger mit weltkirchlichem Horizont und als ehemaligen Hauptgeschäftsführer von Misereor.
Zwei Flüsse – ein Bild für gelebte Diakonie
Gleich zu Beginn seines Vortrags wählte Spiegel ein eindrückliches Bild aus Brasilien: den Zusammenfluss von Rio Negro und Solimões bei Manaus, das sogenannte „Encontro das Águas“. Kilometerweit fließen die beiden Flüsse – der eine dunkel, der andere hellbraun – nebeneinander her, ohne sich sofort zu vermischen.
Für Spiegel ist dieses Naturphänomen ein Sinnbild für diakonisches Handeln: Unterschiedliche Lebenswelten, Erfahrungen und Perspektiven begegnen einander. Diakonie bedeute nicht, Unterschiede vorschnell einzuebnen, sondern Begegnung zu ermöglichen, Nähe zuzulassen und Prozesse des Zusammenwachsens geduldig zu begleiten. „Orientierung am anderen“ heiße, sich berühren zu lassen, ohne den anderen zu vereinnahmen.
Erfolg in der Pastoral – eine geistliche Frage
Über diese Bilder hinaus stellte Spiegel eine grundlegende Frage: Woran misst sich eigentlich der Erfolg von Pastoral?
Nicht an Zahlen, nicht an Strukturen, nicht an perfekt organisierten Abläufen – so seine klare Antwort. Erfolg im Sinne des Evangeliums zeige sich vielmehr dort, wo Barmherzigkeit und Gerechtigkeit wachsen. Wo Menschen sich gesehen wissen. Wo Würde geschützt wird. Wo Hoffnung Raum gewinnt.
In diesem Zusammenhang verwies er auf die Unterscheidung zwischen Missio Dei und Missio Ecclesiae. Die Sendung gehe zuerst von Gott aus – Gott selbst wende sich der Welt zu. Die Kirche, und in ihr besonders die Diakone, seien nicht Eigentümer dieser Sendung, sondern Teilnehmende. Missio Ecclesiae sei immer Antwort auf die größere Missio Dei. Kirche handle nicht aus eigener Kraft, sondern im Mitgehen mit Gottes Zuwendung zu den Menschen.
Spiegel griff hier Gedanken von Papst Franziskus auf, der wiederholt betont, die Kirche dürfe keine „selbstreferenzielle“ Institution sein. Sie müsse hinausgehen an die Ränder, eine „verbeulte Kirche“ riskieren, statt sich in Sicherheit zu verschließen. Maßstab sei nicht Selbsterhalt, sondern Nähe zu den Verwundeten der Gesellschaft.
Auch der Jesuit Alfred Delp wurde zitiert. Delp habe in dunkler Zeit daran erinnert, dass es letztlich um die „Rückkehr des Menschen in die Ordnung Gottes“ gehe – und diese beginne mit Gerechtigkeit. Wo Strukturen Menschen kleinhalten, müsse Kirche Partei ergreifen.
Barmherzigkeit und Gerechtigkeit als Doppelauftrag
Spiegel machte deutlich: Diakonie dürfe nicht auf bloße Sozialarbeit reduziert werden. Sie sei Ausdruck des Evangeliums selbst. Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit bleibe sentimental; Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit werde hart. Beides gehöre untrennbar zusammen.
Anhand weiterer theologischer und spiritueller Stimmen – von Dorothee Sölle bis zu Óscar Romero – zeigte Spiegel auf, dass Orientierung am Anderen immer auch Mut bedeute. Mut zum Widerspruch, Mut zur Nähe, Mut zum Aushalten von Spannungen.
In den Arbeitseinheiten an Tischgruppen diskutierten die Diakone konkrete pastorale Herausforderungen und Texte. Die Impulse des Referenten gaben den Gesprächen eine klare geistliche Tiefenschärfe: Es gehe nicht zuerst um Programme, sondern um Haltung.
Als Zielbild sagte er, wäre vielleicht der Psalm 146, 7-9 ein Ziel für den Diakon. Ja, und zum Schluss natürlich die ganz praktische Frage nach all dieser Auflistung von unterschiedlichen Aussagen, die sich jeder selbst beantworten muss, was ist sozusagen und wie sieht sozusagen diakonisches Handeln, Orientierung am Anderen als Kernpunkt christlicher Diakonie auch in unserer Diözese Speyer aus im Strukturprozess und danach.
Zum Abschluss dankte Michael Ganster dem Referenten für seine inspirierenden Ausführungen. Mit einem Geschenk verschiedener Teesorten verabschiedete er Monsignore Spiegel – verbunden mit dem Wunsch, dass die Gedanken des Tages in den Gemeinden weiterwirken mögen.
Text und Fotos: Diakon Andreas Welte

