Samstag, 04. April 2026

„Wer ist schuld am Tod Jesu?“

Weihbischof em. Otto Georgens hielt die Predigt am Karfreitag © Klaus Landry 

Bischof Wiesemann und Weihbischof em. Otto Georgens feierten Gottesdienst am Karfreitag im Speyerer Dom

Speyer. Am Karfreitag feierten Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann und Weihbischof em. Otto Georgens im Speyerer Dom einen ganz besonderen Gottesdienst – er ist einmalig im ganzen Kirchenjahr und folgt einer besonders alten liturgischen Gestaltung. Die musikalische Gestaltung übernahmen der Domchor und der KathedralJugendChor mit bekannten Stücken unter anderem von Anton Bruckner, Johann Sebastian Bach sowie der Johannespassion von Hermann Schroeder.

 

Abschied von Schuldzuweisungen

Seine Predigt stellte Weihbischof em. Otto Georgens unter die Frage: „Wer ist schuld am Tod Jesu?“ Dabei erinnerte er an belastende Erfahrungen religiöser Schuldzuweisungen: „Der Karfreitag und das, was Menschen aus ihm und mit ihm gemacht haben, hat Kinderseelen verletzt und schwer traumatisiert.“

Georgens machte deutlich, dass auch die biblischen Texte selbst eine problematische Wirkungsgeschichte entfaltet hätten. So verwies er auf die Evangelien, in denen es zum Beispiel heißt: „Sein Blut – über uns und unsere Kinder“. Er betonte: „Die Wirkungsgeschichte dieser und ähnlicher Texte gegen die ‚Juden‘ war verheerend. Kirchen und auch weltliche Regierungen beriefen sich immer wieder auf diese Aussagen, um Diskriminierung und Verfolgung von Juden zu rechtfertigen.“ Diese „fatalen Folgen“ dürfe man „nicht ausblenden, nicht vergessen, nicht kleinreden“. Denn „wegen dieser Fehldeutung erwuchs später der radikale Gegensatz zwischen Judentum und Christentum bis hin zum Antijudaismus und Antisemitismus.“

Der Weihbischof em. betonte, dass es am Karfreitag darum gehe, „radikal Abschied zu nehmen von allen Sündenbockmechanismen“, es stelle sich die Frage, „was Unrecht, Verwundungen, Demütigungen, Kränkungen, eigene und fremde Schuld mit uns anstellen.“ Schuld dürfe nicht verdrängt oder auf andere abgeladen werden; „Fluchtmechanismen (…), die Verdrängung ins Unbewusste, Aggression oder das Ignorieren bewirken keine Erlösung und Befreiung“. Vielmehr warnte er: „Wenn Unrecht mit Hass bekämpft wird, wird das Unrecht erst recht gesteigert.“

 

Leiden und Auferstehung Jesu

Zugleich unterstrich Georgens die untrennbare Verbindung von Leiden und Auferstehung. Es würde nicht funktionieren, den Leidensweg Jesu zu überspringen, vielmehr gehöre der Karfreitag „zum Leben, zur Freude, zur Auferstehung“. Daraus erwachse eine Haltung der Empathie: „Sensibilität, Empfindsamkeit, Empathie führen zu einer gefühlten Solidarität mit dem Leid.“

Der Blick auf das Leiden Christi öffne den Blick für das Leid der Menschen heute. Die Gläubigen seien aufgerufen: „Nehmen wir sie wahr, schauen wir nicht weg, vergessen wir sie nicht. Vielleicht entdecken wir dann auch hinter den Ruinen, dem Elend und dem Schmerz die Würde, die Kostbarkeit und die innere Schönheit dieser Menschen.“ Ziel sei eine „Com-passion mit den leidenden Mitmenschen“.

Dabei stellte Georgens klar: „Das Leiden und das Kreuz beten wir als Christen nicht an. Wir schauen auf den Gekreuzigten.“ Das Kreuz lehre, „am Leiden anderer nicht achtlos vorbeizugehen“. Wahre Liebe zeige sich darin, den anderen anzunehmen – „auch mit (s)einen Schattenseiten“.

Abschließend ging der Weihbischof auf den Umgang mit Leid ein. Es brauche „entschiedenen Einsatz“, wo Leiden vermeidbar sei, aber auch „Ergebung und Annahme dort, wo Leid nicht überwunden, sondern nur ertragen“ werden könne. Mit einem Zitat von Teresa von Avila fasste er diese Haltung zusammen: „Das Kreuz fehlt nie im Leben. Man braucht es nicht zu wählen, es ist auch nicht notwendig, Gott um das Kreuz zu bitten. Wenn es aber da ist, dann soll man es umfassen und entschlossen tragen. Das Kreuz quält besonders den, der es nicht tragen will.“