Sonntag, 05. April 2026

„Österliche Hymne an das Leben“

Bischof Wiesemann tauft den 18-jährigen Leeven Schwan © Klaus Landry 

Bischof Wiesemann feierte Osternacht und Ostersonntag im Dom zu Speyer

Speyer. „Lumen Christi – Deo gratias“ – Mit diesem Ruf wurde in der Osternacht die zuvor am Feuer entzündete Osterkerze in den dunklen Speyerer Dom getragen. Währenddessen wurde das Licht auch an alle Gläubigen weitergegeben, die ihre Kerzen daran anzündeten und damit die Kirche erhellten. Im anschließenden Gottesdienst richtete sich Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann in seiner Predigt an die Gläubigen: „Das wird uns an Ostern geschenkt: Ein Licht, Ihr Licht, das Sie jetzt in den Händen halten, das im Inneren mitgeht. Und dann ist da in solchen Stunden, manchmal, wenn alles dunkel zu sein scheint, wie eben im Dom, ein kleines Licht, das die Macht hat, die Finsternis zu vertreiben und uns Kraft gibt.“

In der Osternacht wurde der 18-jährige Leeven Schwan von Bischof Wiesemann getauft. Dieser erzählte, dass es den Täufling immer zum Glauben hingezogen habe, dass ihm etwas immer wieder Kraft und Mut gegeben habe. „Da hat er gespürt, dass da jemand da ist, der ihn beim Namen ruft, der ihm sagt, es ist nicht egal, dass du da bist. Der ihm Würde, Bedeutung, Sinn gegeben hat und gesagt hat, ich bin bei dir, ich gehe mit dir durch Licht und Dunkel, ich gehe mit dir durch alle Abgründe deines Lebens und führe dich. Das ist die Erfahrung des Auferstandenen, des lebendigen Gottes im eigenen Leben.“ Bischof Wiesemann lud die Gemeinde ein, gemeinsam im Rahmen der Taufe den Taufglauben zu erneuern: „Wir dürfen alles Hoffnungsmüde ablegen und Kinder des Lichtes in dieser Welt sein.“

Die musikalische Gestaltung des Gottesdienstes übernahmen der KathedralJugendChor, der Domchor und die Dombläser.

 

Freiheit durch Auferstehung

Auch am Ostersonntag feierte Bischof Wiesemann ein Pontifikalamt im Speyerer Dom, das die Nachwuchs- und Aufbauchöre des Mädchenchores und der Domsingknaben sowie die Dombläser musikalisch gestalteten.

In seiner Predigt thematisierte Bischof Wiesemann die vielfältigen Enthüllungen der aktuellen Zeit, „in denen sich Abgründe menschlicher Perversion auftun, wie die immer weitere Kreise mit in ihren Sumpf ziehende Epstein-Affäre oder jetzt neuestens im missbräuchliche Abgründe künstlicher Intelligenz offenlegenden Deepfake-Betrug um den Schauspieler Christian Ulmen“. Der Bischof ging auch auf die Memoiren „Eine Hymne an das Leben“ der vielfach vergewaltigten Französin Gisèle Pelicot ein: ein Buch, mit einem „geradezu österlichen Titel“ – „Dabei ist das, was sie in diesen Erinnerungen berichtet, alles andere als österlich leicht und fröhlich.“ Einer der berührendsten Augenblicke im Buch sei, als Pelicot beschlossen habe, ihr Leid an das Licht der Öffentlichkeit zu holen. „Das war der Anfang des Gerichts, indem die Scham die Seite wechselte – und der Moment ihrer Auferstehung, durch die die tödliche Ohnmacht des Opferseins in die Freiheit selbstbestimmten Lebens und Handelns gewandelt wurde“, so Wiesemann.

Der Bischof wandte sich an die Gemeinde mit der Frage: „Was heißt das: von den Toten auferstehen?“ Die frühe Christenheit habe das Geheimnis der Auferstehung Jesu von allem Anfang nicht nur auf das Leben nach dem Tod in der erwarteten kommenden Welt bezogen, sondern auch mit der Taufe auf die Wiedergeburt im Leben hier und jetzt. In der Taufe finde der Mensch die Lebensquelle, die die Macht des Todes und des Bösen überwindet. „Indem Jesus am Abend vor seinem Leiden die Ohnmacht des Ausgeliefertseins unter den Zeichen von Brot und Wein in die Freiheit seiner Liebeshingabe wandelt, nimmt er der Willkür des Bösen die Deutungshoheit, das Bestimmungsrecht über das Leben und eröffnet er den Raum miteinander geteilten Lebens.“ Indem Gott an die Seite Christus‘ am Kreuz tritt, wechsle ein für alle Mal die Scham die Seite, führte der Bischof aus. „Die Macht des Todes kann die Jünger nicht mehr in ihrem Bann halten. Sie gewinnen die letzte und größte Freiheit der teuflischen Macht gegenüber: Sie können binden und lösen.“

Wiesemann weiter: „Diese Freiheit der Kinder Gottes ist uns durch die Auferstehung Christi geschenkt. Sie kann uns hier und jetzt zu Mutmachern für andere, zu Anwälten und Propheten für das Leben, für die unantastbare Würde des Lebens, des eigenen wie des fremden, machen.“ Ihm imponiere der Mut von Menschen wie Gisèle Pelicot: „Indem sie ihre Wunden nicht verstecken und uns Zeugnis von einer durch keine Macht dieser Welt zerstörbaren Lebens- und Liebeskraft geben, lösen sie wie bei der Auferstehung Jesu ein Beben aus – und Menschen, die vorher in ihrer Ohnmacht wie tot waren, atmen auf einmal auf und finden den Mut, sich aus dem Opfersein zu befreien, auf dass die Scham die Seite wechsele.“

Einen solchen Auferstehungsmut der Mutigen und Anständigen in der Welt brauche die Gesellschaft, um dem Leben wieder Würde und dem Vertrauen wieder öffentlichen Halt zu geben. Nur so könnten jene, die im „Narzissmus ihrer Machtspiele und im Zynismus ihrer Menschenverachtung unsere Welt zersetzen, Misstrauen säen, Gesellschaft spalten und Gemeinschaft zerstören“, entlarvt und entthront werden. Bischof Wiesemann betonte: „Statt dem Klagelied des Zerfalls sollten wir den Aufstand des Lebens wagen und statt der kollektiven Depression eine österliche Hymne an das Leben.“

Zu Beginn des Gottesdienstes liegt der Dom in völliger Dunkelheit © Klaus Landry 

Bischof Wiesemann bei seiner Predigt in der Osternacht © Klaus Landry 

Die musikalische Gestaltung der Osternacht übernahmen der KathedralJugendChor, der Domchor und die Dombläser © Klaus Landry 

Entzündung der Osterkerze am Osterfeuer © Klaus Landry 

Die Osterkerze © Klaus Landry 

Bischof Wiesemann mit dem Erwachsenentäufling Leeven Schwan und seiner Tauf- und Firmpatin Stephanie Löffler © Thomas Ott