Freitag, 29. Mai 2026
„Was brauchst du?“ - Bistum und Landeskirche diskutieren Modelle kirchlicher Sorge
Ökumenisches Gipfeltreffen zum Thema "Caring Communities als Antwort auf eine erschöpfte Gesellschaft
Speyer. Wie kann gesellschaftlicher Zusammenhalt wachsen in einer Zeit zunehmender Überforderung, Einsamkeit und sozialer Spannungen? Mit dieser Frage haben sich die Leitungsgremien des Bistums Speyer und der Evangelischen Kirche der Pfalz beim ökumenischen „Gipfeltreffen“ im Priesterseminar St. German in Speyer beschäftigt. Gastgeber des jährlich stattfindenden Treffens war diesmal das Bistum Speyer.
Im Mittelpunkt stand das Modell der sogenannten „Caring Communities“, sorgender Gemeinschaften, in denen Menschen Verantwortung füreinander übernehmen und Sorge nicht allein Aufgabe professioneller Systeme bleibt. Familien, Nachbarschaften, Kommunen, Kirchen und soziale Einrichtungen wirken dabei gemeinsam für ein gutes Miteinander.
Prof. Hoffmann: Kirche stärker von den konkreten Bedürfnissen der Menschen her denken
Den theologischen und gesellschaftlichen Impuls gab Prof. Dr. Christine Wenona Hoffmann, Professorin für Praktische Theologie an der Goethe-Universität Frankfurt. Sie warb dafür, Kirche stärker von den konkreten Bedürfnissen der Menschen her zu denken. Ausgangspunkt dürfe nicht zuerst das eigene Angebot sein, sondern die einfache Frage: „Was brauchst du?“
Wie das konkret gelingen kann, veranschaulichte Hoffmann am Beispiel der Vesperkirche. Über mehrere Wochen hinweg geben dort hunderte Ehrenamtliche warme Mahlzeiten aus und schaffen zugleich Raum für Begegnung, Seelsorge und Beratung. Entscheidend sei dabei nicht allein die materielle Hilfe, betonte die Theologin. Ein warmes Mittagessen tue gut, löse aber die Probleme von morgen nicht. Was solche Orte tragen könne, sei vielmehr die Erfahrung von Teilhabe und Begegnung auf Augenhöhe. Helfende und Gäste begegneten sich als Gemeinschaft, in der jeder etwas gebe und jeder etwas empfange. Zugleich stellte Hoffmann klar: Nicht jede Vesperkirche sei damit automatisch schon eine „Caring Community“. Sorgende Gemeinschaften entstünden nicht von selbst, sondern lebten von gemeinsam getragenen Werten wie Gemeinsinn, Geschwisterlichkeit, Nächstenliebe und Offenheit. Gerade hier könnten die Kirchen ihre besondere Stärke einbringen.
Vor jedem Helfen steht das Wahrnehmen
Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann griff diesen Gedanken auf und stellte die Bedeutung eines hörenden Seelsorgeverständnisses heraus. „Vor jedem Helfen steht das Wahrnehmen“, sagte der Bischof. Seelsorge beginne dort, wo Menschen sich dem öffnen, „was geschieht und was Menschen bewegt“. Doch beim Wahrnehmen blieb der Bischof nicht stehen: Auf das Hören folge die Zuwendung. Sorge sei dabei leib-seelisch zu verstehen: Sie verbinde das seelsorgliche Wahrnehmen mit der konkreten, praktischen Unterstützung der Diakonie. Beides gehöre untrennbar zusammen. Eine Gemeinschaft, die nur für andere sorge und nicht füreinander, gehe in der eigenen Müdigkeit unter, mahnte Wiesemann. Verletzlichkeit mache Menschen einander ähnlich und verbinde sie über Unterschiede hinweg.
Chance eines neuen „Neighborism“
Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst hob hervor, dass diakonisches Handeln keine Aufgabe einzelner Institutionen sei. „Diakonisches Handeln ist Gemeinschaftsaufgabe“, sagte sie. Es brauche Orte gegenseitiger Aufmerksamkeit und Verlässlichkeit. Wüst verwies auf die Chance eines neuen „Neighborism“, einer Kultur bewusster Nachbarschaft und gegenseitiger Aufmerksamkeit. Gerade angesichts wachsender gesellschaftlicher Vereinzelung könne ein neues Verständnis von Nachbarschaft helfen, Solidarität im Alltag wieder konkret erfahrbar zu machen.
Wiederum wurde deutlich, dass Bistum und Landeskirche vor ähnlichen Herausforderungen stehen: sinkende Mitgliederzahlen, knapper werdende Ressourcen und tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen. Zugleich teilen beide Kirchen denselben Lebensraum und dieselbe Verantwortung für die Menschen in der Region. Einigkeit bestand deshalb darin, dass in den aktuellen Strukturprozessen in beiden Kirchen die ökumenische Zusammenarbeit, vor allem auf Ebene der Gemeinden vor Ort, weiterentwickelt und gestärkt werden soll.
