Freitag, 10. Juli 2026
Aus der Flut entstand Hilfe für Krisenzeiten: 5 Jahre nach der Flut im Ahrtal
Wie die Erfahrungen im Ahrtal zur ökumenischen Krisenintervention an Schulen führten
136 Menschen verlieren bei der Flutkatastrophe im Ahrtal vor fünf Jahren ihr Leben. Anke Lind und Thomas Stephan begleiten in den Wochen danach als Notfallseelsorger gemeinsam mit einem ökumenischen Team der Evangelischen Kirche der Pfalz und des Bistums Speyer Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte. Aus den Erfahrungen dieser Zeit entsteht später die regional vernetzte Krisenintervention in Schulen.
Schulen im Ausnahmezustand
Als Thomas Stephan am 15. Juli mit dem DRK-Kriseninterventionsteam Bellheim ins Ahrtal kommt, verschlägt ihm das Ausmaß der Verwüstung die Sprache. „So was hatten wir noch nie gesehen“, erinnert sich der Pastoralreferent, der im Bistum Speyer für die Schulseelsorge verantwortlich ist. Schon früh beschäftigt ihn eine zentrale Frage: Wie können die Schülerinnen und Schüler unterstützt werden? Das Schuljahr war gerade zu Ende gegangen, die Sommerferien hatten begonnen. Rund 30 Schulen waren zerstört oder schwer beschädigt. Viele Kinder, Jugendliche und Lehrkräfte hatten Angehörige verloren, Häuser waren zerstört.
Ökumenische Begleitung für Kinder und Lehrkräfte
Stephan nimmt Kontakt zu Oliver Klauk auf, dem damaligen Leiter des Arbeitsbereichs Krisenmanagement der Schulpsychologie Rheinland-Pfalz. Gleichzeitig vernetzt er sich mit anderen Bistümern und evangelischen Landeskirchen. Auf evangelischer Seite stößt Pfarrerin Anke Lind hinzu, die für die Schulseelsorge der Evangelischen Kirche der Pfalz zuständig ist. Etwa 25 Schulen melden Unterstützungsbedarf, zudem reisen Schulpsychologinnen und Schulpsychologen aus dem gesamten Bundesgebiet an.
Die ökumenischen Teams arbeiten jeweils zu zweit. Am Vormittag hilft Anke Lind gemeinsam mit einem katholischen Kollegen in der Grundschule Dernau, die nahezu vollständig zerstört wurde. Im Ort selbst sind rund 90 Prozent der Gebäude beschädigt, der Unterricht findet an drei verschiedenen Standorten statt. „Und dann sind wir immer gependelt.“ Nachmittags unterstützt sie gemeinsam mit Thomas Stephan das Schulzentrum Calvarienberg, das wegen seiner Lage oberhalb des Tals von der Flut verschont geblieben ist. Dort werden unter anderem Schülerinnen und Schüler des Peter-Jörres-Gymnasiums betreut.
Zurück an den Ort der Katastrophe
Ein besonders bewegender Moment ist die Rückkehr der Klassen in ihr altes Schulgebäude direkt an der Ahr. Gemeinsam begleiten Lind und Stephan die Jugendlichen dorthin. Zum ersten Mal seit der Flut betreten sie ihre Schule wieder. Im Erdgeschoss sind die Spuren der Wassermassen noch deutlich sichtbar. „Im unteren Stockwerk konnte man noch am Vertretungsplan sehen, wie hoch das Wasser stand“, erzählt Lind. In der Turnhalle im Erdgeschoss ist die Uhr genau zu dem Zeitpunkt stehengeblieben, als die Flut kam. „Das waren Situation, die auch für uns, die wir von außen kamen, unter die Haut gegangen sind“, sagt Thomas Stephan. Während im ersten Obergeschoss die Schließfächer ausgeräumt werden, entstehen sehr persönliche Momente. Eine Lehrerin spricht mit ihrer Klasse Psalm 23, ein Sport-Leistungskurs entdeckt einen verschmutzten Fußball und beginnt zwischen den Trümmern zu spielen.
Nicht alle Schülerinnen und Schüler können jedoch das Gebäude betreten. Manche bleiben bewusst außerhalb des Gebäudes, weil die Erinnerungen zu belastend sind. Das Seelsorgeteam begleitet sie an einem Ort, von dem aus sie die Schule nicht sehen müssen. Immer wieder zeigt sich, wie stark die Flut den Alltag beeinflusst. „Wir hatten Schüler, die den Stundenplan fürs neue Schuljahr bekommen haben und gesagt haben: In diesem Raum war ich in der Flutnacht ausquartiert, und da soll ich jetzt Französisch lernen?“, sagt Lind. Also sorgen die beiden dafür, dass Räume getauscht werden.
Traumata erkennen und auffangen
Vor allem an den Grundschulen legen Lind und Stephan großen Wert darauf, Lehrkräfte, Betreuungspersonal und Eltern für mögliche Traumafolgen zu sensibilisieren. Viele Betroffene reagieren auf bestimmte Auslöser besonders stark. „Es gab bei vielen typische Trigger“, erinnert sich Stephan. Manche können das Rauschen der Ahr nicht mehr ertragen, andere leiden unter dem Geruch von Heizöl, der sich nach der Flut in der Region ausbreitet, weil Heizungskeller volllaufen. Zahlreiche persönliche Schicksale begegnen den beiden in Gesprächen. Menschen berichten von der Angst in eingeschlossenen Kellern oder vom Kampf ums Überleben. Als an einem Freitag Hubschrauber wegen des Besuchs von Bundeskanzlerin Angela Merkel über einer Schule kreisen, weisen Lind und Stephan die Lehrkräfte vorsorglich darauf hin, dass auch diese Geräusche belastende Erinnerungen hervorrufen könnten.
Solidarität als prägende Erfahrung
Auch die Kollegien der Schulen verarbeiten die Ereignisse sehr unterschiedlich. Während einige Lehrkräfte in die Ferien fahren, sind andere mit den Aufräumarbeiten an ihren zerstörten Häusern beschäftigt. Eine schwierige Situation. „Und gleichzeitig war Schule für viele auch Rückhalt“, sagt Anke Lind.
Thomas Stephan blickt mit gemischten Gefühlen auf diese Wochen zurück. Er hofft, eine solche Katastrophe nie wieder erleben zu müssen. Gleichzeitig beschreibt er die Zeit als geprägt von außergewöhnlicher Solidarität. Die lilafarbenen Jacken der Notfallseelsorge seien ein „unheimlichen Türöffner“ gewesen. „Weil die Betreuungsangebote der Notfallseelsorge omnipräsent waren, das hatte eine irrsinnig hohe Akzeptanz.“ Dennoch versteht er die Schulseelsorge lediglich als Teil eines viel größeren Hilfesystems.
Aus der Nothilfe wird ein dauerhaftes Angebot
Gerade dieses intensive Miteinander wird schließlich zum Ausgangspunkt für ein neues Angebot. Die Erfahrungen im Ahrtal führen zur Gründung der ökumenischen Notfallseelsorge in der Schule. Zwar gab es auch zuvor bereits Einsätze an Schulen, nun entsteht jedoch ein festes ökumenisches Team, das Schulen im Gebiet des Bistums Speyer und der Evangelischen Kirche der Pfalz in Krisensituationen unterstützt.
Dabei unterscheiden sich Schuleinsätze deutlich von klassischen Einsätzen der Notfallseelsorge oder des Kriseninterventionsdienstes. „Wir klingeln an der Tür, haben ein, zwei Betroffene, mit denen wir reden“, beschreibt Stephan die übliche Arbeit. „In der Schule haben wir eigentlich immer Minimum Klassenstärke oder je nach Situation eine ganze Schulgemeinschaft.“
Der Bedarf wächst kontinuierlich. Das inzwischen siebenköpfige Team hat bereits mehr als 100 Einsatztage geleistet – unter anderem nach Amokdrohungen, Gewalttaten oder Todesfällen in Schulgemeinschaften.
Hilfe zur Selbsthilfe
Zu vielen Betroffenen aus dem Ahrtal besteht heute kein regelmäßiger Kontakt mehr. Nur vereinzelt ergeben sich Begegnungen, etwa bei Einweihungen oder durch spätere telefonische Nachfragen. Genau das entspricht dem Selbstverständnis der Notfallseelsorge. Ziel ist es, die Menschen vor Ort zu stärken und bestehende Strukturen zu unterstützen. „Wir wollen keine Abhängigkeiten schaffen. Das gilt weit über Ahrweiler hinaus“, sagt Stephan. Anke Lind ergänzt: „Ich bin bei einem Notfall einen oder zwei Tage an der Schule, vielleicht auch mal drei, vier, fünf, wenn’s hart auf hart kommt. Aber wir können ja nicht langfristig dorthin.“ Entscheidend sei deshalb, dass es auch Monate später noch Menschen vor Ort gebe, die Veränderungen wahrnehmen und Betroffene weiter begleiten.
Erfahrungen fließen in die Ausbildung ein
Aus den Erfahrungen der Flut haben Lind und Stephan außerdem das Ausbildungsmodul „Einsatzraum Schule“ für die ökumenische Notfallseelsorge entwickelt. Ergänzend bieten sie Fortbildungen für Lehrkräfte und Schulsozialarbeitende an. Das Interesse ist groß: Für den im November beginnenden ökumenischen Ausbildungskurs „Trauer- und Krisenseelsorge in der Schule“ stehen bereits mehr als 20 Interessierte auf der Warteliste.



