Montag, 10. August 2026
„Menschen in psychischen Ausnahmesituationen helfen“
Drei Fragen an … Thomas Stephan, Abteilungsleiter Lernkultur und Schulseelsorge im Bistum Speyer
Speyer. Die Sommerferien in Rheinland-Pfalz und Saarland sind vorüber. Der Schulstart ist eine kritische Phase für Schülerinnen und Schüler, vor allem was die seelische Gesundheit betrifft. Thomas Stephan, Abteilungsleiter Lernkultur und Schulseelsorge im Bistum Speyer, ist seit Jahren sowohl in der Notfallseelsorge als auch in der Krisenintervention in den Schulen unterwegs. Als am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim ausgebildeter Instruktor für Mental Health First Aid bietet er seit einem Jahr ein Präventions- und Frühinterventionsprogramm an.
Was ist Mental Health First Aid (MHFA)?
Thomas Stephan: MHFA zielt, analog zu der bewährten körperlichen ersten Hilfe, auf die seelische Gesundheit. Es wurde für Laien entwickelt, die damit Menschen in psychischen Ausnahmesituationen helfen können.
Was beinhaltet der MHFA-Kurs?
Thomas Stephan: Innerhalb von 14 Stunden wird Lehrinnen und Lehrern grundlegendes Handwerkszeug vermittelt. Es geht beispielsweise um Themen wie Depression, Angst- und Essstörungen, Traumata, psychotische Episoden sowie Substanzmissbrauch. Es geht darum Krisen einzuschätzen, Handlungsoptionen aufzuzeigen und auch das Einbinden von Fachpersonal abzuklären.
Für den schulischen Bereich bietet das Bistum seit letztem Jahr MHFA Kurse mit dem Schwerpunkt für Erwachsene und ab dem neuen Schuljahr das Format MHFA Youth an, das als Zielgruppe vor allem Jugendliche hat. Die Hilfe und Begleitung stehen im Vordergrund.
Warum ist der Beginn des neuen Schuljahres eine kritische Phase für die seelische Gesundheit?
Thomas Stephan: Es ist eine Phase der Veränderungen mit neuen Klassen, neuen Lehrern und Schulwechseln. Rollen im sozialen Gefüge ändern sich und auch die Pubertät spielt ihre Rolle. MHFA soll hier frühzeitig Auffälligkeiten in den Blick nehmen, die problematisch sind oder werden könnten. Und deswegen ist der Beginn eines neuen Schuljahres auch wieder eine neue Chance, Menschen Hilfe an die Seite zu stellen.
Weitere Hintergründe zu MHFA und seelische Gesundheit
Mental Health First Aid wurde im Jahre 2000 in Australien durch Professor Tony Jorm, einem anerkannten Wissenschaftler für Früherkennung psychischer Störungen, und Betty Kitchener, einer Gesundheitspädagogin und examinierten Krankenschwester, die selbst von einer psychischen Störung betroffen war, entwickelt. Seither wird das Programm weltweit eingesetzt.
Im Bistum Speyer wurden MHFA Kurse bereits an fünf bischöflichen und katholischen Schulen durchgeführt. Darüber hinaus wird es auch für die Schulsozialarbeit und die Schulseelsorge im neuen Schuljahr das neue Format MHFA Youth geben. Die Kurse werden in Kooperation mit dem Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim durchgeführt. „Die Enttabuisierung und Entstigmatisierung von psychischen Gesundheitsproblemen ist mir ein Anliegen“, so Thomas Stephan. „Jeder fünfte Jugendliche ist von psychischen Gesundheitsproblemen betroffen, und es werden nicht weniger.“ Daher könne die Schulgemeinschaft viel tun, hinschauen, sorgsam miteinander umgehen, ohne jemanden an den Pranger zu stellen.
Text/Foto: is
