Mittwoch, 12. August 2026
"Bildung prägt die Gesellschaft von morgen"
Die neue Landesregierung in Rheinland-Pfalz hat Bildung zu einem ihrer wichtigsten politischen Vorhaben erklärt. Für Dr. Irina Kreusch, Ordinariatsdirektorin im Bischöflichen Ordinariat Speyer und Leiterin der Hauptabteilung Schulen, Hochschulen und Bildung, ist das ein ermutigendes Signal.
Frau Dr. Kreusch, als die neue Landesregierung ins Amt gekommen ist, haben Sie Bildungsministerin Dr. Ute Eiling-Hütig gratuliert und zu einem Besuch nach Speyer eingeladen. Haben Sie die Ministerin inzwischen persönlich kennengelernt?
Persönlich noch nicht. Ich habe mich aber sehr gefreut, dass sie mit der St.-Franziskus-Schule in Kaiserslautern bereits eine unserer Schulen gewürdigt hat: Die Auszeichnung als „Nachhaltige Schule“ sowie der Sonderpreis für unser franziskanisches Profil wurde den Schülerinnen von ihr überreicht. Mein Eindruck von der neuen Ministerin ist bislang positiv. Im Koalitionsvertrag und in den ersten öffentlichen Aussagen nimmt das Thema Bildung einen breiten Raum ein. Das halte ich für sehr weitsichtig.
Die Landesregierung hat es ja tatsächlich zu einem ihrer zentralen Themen gemacht. Das dürfte ganz in Ihrem Sinne sein.
Ja, darüber freue ich mich sehr. Bildung bekommt gesellschaftlich oft nicht die Aufmerksamkeit, die sie eigentlich verdient. Dabei bereiten wir vor allem junge Menschen auf die Zukunft vor, begleiten sie in ihrer prägendsten Lebensphase, bieten natürlich aber auch lebenslanges Lernen für alle. Die Kinder und Jugendlichen aber werden unsere Gesellschaft gestalten und Verantwortung übernehmen. Deshalb ist Bildung für mich und mein gesamtes Team ein Schlüsselbereich. Was wir heute in Schulen vermitteln, wirkt weit über den Unterricht hinaus und prägt die Gesellschaft von morgen.
Ein Vorhaben der Landesregierung sind verbindliche Sprachtests vor der Einschulung und ein verpflichtendes Vorschuljahr für Kinder mit Förderbedarf. Wie beurteilen Sie diese Pläne?
In der Pädagogik gibt es unterschiedliche Ansätze, aber eine gute Sprachförderung halte ich grundsätzlich für sehr wichtig. Sprache ist weit mehr als ein Werkzeug zur Verständigung. Wer Sprache beherrscht, kann Gedanken und Gefühle ausdrücken und Beziehungen gestalten. Auch aus christlicher Sicht ist das von großer Bedeutung. Unser Glaube lebt vom Erzählen, vom Lesen, vom Zuhören und vom gemeinsamen Verstehen. Kinder müssen möglichst früh die Möglichkeit bekommen, Sprache gut zu entwickeln. Gleichzeitig beginnt Bildung natürlich nicht erst in der Schule. Entscheidend ist, dass Kinder schon im frühkindlichen Bereich bestmöglich gefördert werden. Wir setzen in der Katholischen Erwachsenenbildung zum Beispiel auch bei den Eltern an, u.a. mit Sprache als Kulturgut.
Die Landesregierung möchte außerdem verbindliche Regeln für die Handynutzung an Schulen einführen. Unterstützen Sie diesen Kurs?
Der Umgang mit digitalen Medien ist Fluch und Segen zugleich. Wir sehen international ganz unterschiedliche Modelle – vom nahezu vollständigen Handyverbot bis zu einem sehr offenen Umgang. Interessant finde ich, dass auch viele Jugendliche selbst den Wunsch nach klaren Grenzen äußern. Aus meiner Sicht kommt es darauf an, zu differenzieren und Medien verantwortungsvoll einzusetzen. Dafür braucht es Regeln, aber ebenso wichtig ist die ethische Reflexion. Es reicht nicht zu fragen, wie lange ein Handy benutzt werden darf. Wir müssen junge Menschen auch dazu befähigen, digitale Medien verantwortlich und bewusst zu nutzen. Kurz: Es geht nicht um ein Verteufeln von Handys oder neuen Medien, sondern um die Befähigung, verantwortungsvoll damit umzugehen. Hier kann die christliche Ethik einen wichtigen Beitrag leisten. Zugleich sind Zeiten der Muße – Auszeiten vom Handy – wichtig, das gilt für Erwachsene ebenso wie für Jugendliche. Sehr spannend ist, dass wir bereits Schulkonzepte umsetzen, die die neue Landesregierung plant: Wir haben an den bischöflichen Schulen verbindliche Regeln zur privaten Handynutzung: Handys für Lernzwecke, Auszeiten zugunsten persönlicher Kontakte in Unterricht und Schulgemeinschaft.
Das Bistum Speyer und andere katholische Träger unterhalten auf dem Gebiet des Landes Rheinland-Pfalz mehr als 20 Schulen. Jüngst haben die Bistumsschulen St. Franziskus in Kaiserslautern und Maria Ward in Landau die Einführung von Elternbeiträgen angekündigt, anderswo gibt es sie schon. Ein Grund für diese freiwilligen Leistungen ist der Umstand, dass die Refinanzierung durch das Land unzureichend ist. Wo liegt das Problem?
Wir haben in Rheinland-Pfalz grundsätzlich ein gutes Privatschulgesetz. Allerdings wurde die Finanzierung seit Jahren nicht mehr an die tatsächlichen Kosten angepasst. Ich begrüße deshalb sehr, dass die neue Landesregierung dieses Thema ausdrücklich im Koalitionsvertrag aufgegriffen hat. Jetzt kommt es darauf an, gemeinsam zügig ins Gestalten zu gehen. Als freie Schulträger tragen wir selbstverständlich Verantwortung für unsere Einrichtungen. Gleichzeitig können wir die Finanzierungslücken angesichts sinkender Kirchensteuereinnahmen nicht mehr dauerhaft alleine übernehmen. Deshalb haben wir uns entschlossen Qualitätsbeiträge einzuführen. Das ist kein Schritt, den wir leichtfertig gehen. Langfristig brauchen alle Schulen in freier Trägerschaft eine verlässliche und auskömmliche Finanzierung. Nur so kann Vielfalt bestehen, nur so können wir christlich profiliert Teil davon sein.
Schon mit der Vorgängerregierung haben Sie versucht, da zu Verbesserungen zu kommen, allerdings ohne Erfolg. Glauben Sie, dass das jetzt gelingt?
Ganz erfolglos waren die Gespräche nicht. Es gab erste Fortschritte, allerdings ist das Finanzierungssystem sehr komplex. Deshalb hoffe ich, dass die Gespräche mit der neuen Landesregierung jetzt zügig fortgesetzt werden und wir gemeinsam zu tragfähigen Lösungen kommen. Wir benötigen dies für alle freien Träger; im Bistum Speyer unterstützen wir dazu jetzt noch die in Ordenstradition stehenden Träger, das wird absehbar nicht mehr möglich sein. Hier muss das Land als staatlichem Auftrag zu Mehrkosten auch mehr finanzieren. In einigen Wochen wird sich besser einschätzen lassen, wie sich die Möglichkeiten entwickeln.
Wo sehen Sie derzeit mögliche Reibungspunkte zwischen Land und Bistum im Bildungsbereich?
Im Moment sehe ich keine grundsätzlichen Konflikte. Im Gegenteil: Wir verfügen über gute gemeinsame Grundlagen, die müssen wir auch gemeinsam umsetzen. Das gilt für die Katholischen Schulen ebenso wie für den Religionsunterricht (im Grundgesetz), die Schulseelsorge und Hochschulseelsorge oder die Erwachsenenbildung im Weiterbildungsgesetz. Jetzt geht es darum, diese Partnerschaft weiter belebt zu füllen und die vorhandenen Chancen gemeinsam weiterzuentwickeln – Bildung fördert und schützt den Frieden in der Gesellschaft, das ist unser gemeinsames Ziel.
Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen für die schulische Bildung in den kommenden Jahren?
Ich wünsche mir, dass wir stärker sichtbar machen, welchen Beitrag das Christentum für unsere Gesellschaft leistet und weiterhin leisten kann. Als Kirche engagieren wir uns in Schulen und Bildungseinrichtungen jeden Tag, vor allem für viele junge Menschen. Wir haben eine gute Botschaft und leisten viel für die Gesellschaft. Manchmal sprechen wir darüber allerdings zu wenig. Oder, um ein biblisches Wort aufzugreifen: „Tut Gutes und redet darüber.“ Das gilt auch für uns. Jesu Nachfolge ist keine Attitüde, sondern klarer Handlungsauftrag.
Die Zahl der Kirchenmitglieder geht zurück. Wie sehen Sie die Zukunft der katholischen Schulen?
Ich sehe ihre Zukunft positiv. Katholische Schulen verstehen sich als Schulen mit christlichem Profil, aber sie stehen allen Kindern offen – unabhängig von ihrer Religion oder Weltanschauung. Das entspricht unserem kirchlichen Auftrag. Wir möchten jungen Menschen christliche Werte vermitteln und sie zu verantwortungsbewussten Persönlichkeiten begleiten. Es ist der Auftrag an alle Gläubigen sich darum zu bemühen, wie es kirchenrechtlich heißt. Gerade in einer vielfältigen Gesellschaft ist dieses Angebot wichtig. Unsere Schulen wollen Orte sein, an denen Menschen auf Basis des christlichen Menschenbildes lernen, miteinander respektvoll umzugehen und Verantwortung für sich und füreinander zu übernehmen. Das macht sie auch in Zukunft überzeugend.
Interview: Matthias Bode, der pilger
