Donnerstag, 22. September 2022

"Wir müssen zusammenhalten, solidarisch sein"

Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann besuchte das Begegnungscafé für ukrainische Geflüchtete im Gemeindezentrum St. Hedwig und nahm sich viel Zeit für intensive Gespräche mit den Menschen. 

Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann besucht Begegnungscafé ukrainischer Geflüchteter – Viel Zeit für intensives Gespräch

Speyer. Seit April treffen sie sich jeden Mittwoch im Gemeindezentrum St. Hedwig: 30 bis 50 Menschen aus der Ukraine und ehrenamtliche Helfer der Pfarrei Pax Christi. Initiiert wurde das Café von Franziska Maier, der Referentin für Gemeindecaritas und Engagement-Förderung vom Caritas-Zentrum Speyer und dem Pastoralreferent der Pfarrei Dr. Markus Lamm. Ehrenamtliche Helfer aus der Pfarrei sind immer dabei, und für die Kinder gibt es ein Spieleangebot. Gestern - in der Woche der Caritas - hat der Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann dem Café einen Besuch abgestattet um mit dem Menschen aus der Ukraine und mit den ehrenamtlichen Helfern ins Gespräch zu kommen. Er nahm sich zwei Stunden Zeit für intensiven Austausch.

„Wo kommen Sie her? Was haben Sie erlebt?“, fragt der Bischof an einem Tisch mit ukrainischen Frauen. Ein ukrainischer Mann, der schon länger in Deutschland lebt, übersetzt. „Ich komme aus dem Osten der Ukraine. Ich bin hier mit meinen Eltern und meinem fünfjährigen Sohn. Wir sind jetzt fünf Monate in Deutschland. Mein Mann ist noch in der Ukraine, er durfte nicht ausreisen“, erzählt ihm die Frau. „Wir sind nicht sofort geflohen, am Anfang waren wir noch zuhause und es fielen schon die Bomben, wir haben uns im Keller versteckt.“ Sie und ihre Familie komme aus einem der Orte, in denen Putin in zwei Tagen sein so genanntes Referendum abhalten lassen will. „Da leben nur noch etwa 20 Prozent der Menschen, die früher da gewohnt haben. Alle anderen sind geflohen und alles ist kaputt.“ Sie erzählt, dass sie und die Familie entschieden haben, nicht mehr dorthin zurückzukehren. „Da kann man nicht mehr leben“, sagt ihre Mutter, die neben dem Bischof sitzt und den Kopf schüttelt.

Alle am Tisch erzählen ihre Geschichte und viel Berichte ähneln sich. Alle sagen, sie hätten nicht geglaubt, dass der Krieg wirklich komme. Die, die aus der Ostukraine kommen, aus den Gebieten in Donezk und Luhansk, berichten, dass am 24. April Putin den Krieg erklärt habe, und am nächsten Tag sei es schon losgegangen mit den Bomben und die Panzer seien in die Dörfer gekommen.

Die Menschen im Flüchtlingscafé kommen aus unterschiedlichsten Gebieten: sie kommen aus den Regionen um Donezk und Luhansk, aus der Region um Odessa, aus Lwiw, aus Nikolajew, aus Charkiw, aus Kiew, aus Lemberg, und aus kleinen Orten, die in der Kriegsberichterstattung der Medien nicht vorkommen, weil es so viele davon gibt, die zerbombt worden sind.

Eine ältere Frau mit Kopftuch erzählt dem Bischof, dass sie zweimal fliehen musste: zum ersten Mal 2014 vor dem Krieg in Donezk. „Das wissen ja die Menschen oft gar nicht, aber da ging es ja schon los mit dem Krieg. Da gab es bei uns einen massiven Raketenbeschuss und unser ganzes Dorf wurde zerstört. Wir sind geflohen mit nichts, als mit dem was wir anhatten“, erzählt sie. „Wir sind Richtung Westen geflohen und haben uns dort neu angesiedelt. Und jetzt ging es wieder los, und wieder sind wir geflohen, wieder mit nichts.“ Erschüttert erzählt sie, dass sie nicht geglaubt habe, dass sie zweimal komplett von vorne beginnen müsste. „Wir waren eine Familie, mit Russen, mit Weißrussen, wir haben eine gemeinsame Sprache gesprochen, wir waren Nachbarn und Freunde. Jetzt sind alle Verbindungen abgebrochen. Putin sagt, er hätte uns befreit. Aber wovor? Von wem hat er befreit? Ich sehe niemanden von dem wir hätten befreit werden müssen.“

Eine jüngere Frau erzählt von ihrer ersten Unterkunft in Deutschland. „Wir waren in einer Flüchtlingsunterkunft untergebracht und daneben war ein kleiner Flugplatz. Immer wenn ein Flugzeug gekommen ist, haben die Kinder geweint und gedacht, jetzt kommt eine Bombe“, berichtet sie. „Früher haben wir Nachrichten gesehen vom Krieg in Syrien und es war für uns weit weg. Jetzt ist der Krieg bei uns und die Deutschen sehen das nur in den Nachrichten, und es ist für sie weit weg. Aber für uns nicht. Es ist sehr schwer: eine neue Sprache, eine andere Kultur, die Gedanken an die Tage und Nächte im Bunker, die Sorgen um die, die noch da sind. Und wir wissen nicht, was kommt.“ 

Bischof Wiesemann stellt viele Fragen, hört zu und er sagt: „Unsere Ethik und unsere Moral war immer, dass wir Frieden wollen, Frieden ohne Waffen. Es ist schwer für mich, zu verstehen, dass das jetzt nicht mehr geht. Dass die Menschen in der Ukraine Waffen brauchen, von uns.“ Er sagt auch: „Putin bricht das Völkerrecht, er bricht die Menschenrechte, die Welt steht an einem Scheideweg und Sie alle sind so sehr und so persönlich davon betroffen.“ Er sagt, die Politik müsse jetzt ein anderes Europa aufbauen. „Ich habe Angst davor, so wie Sie, so wie alle, dass es eskalieren wird, dass Putin immer weiter machen wird.“ Er selbst habe ja keine Kriegserfahrung, er kenne nur das, was seine Mutter ihm immer erzählt habe, die 12 war, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. „Und jetzt treffe ich Menschen, die dieselben Erschütterungen erleben, wie so viele damals. Wir müssen zusammenhalten, solidarisch sein. Aber die Herausforderungen, die sich aus diesem Krieg ergeben, sind sehr mächtig.“

Die Menschen im Café freuen sich über den Besuch des Bischofs, sie freuen sich darüber, dass er fragt, zuhört, nachfragt, dass er sich berühren lässt. Er setzt sich an jeden der drei voll besetzten Tische und nimmt sich viel Zeit.

Am Ende seines Besuches dankt er auch ausdrücklich den ehrenamtlich Engagierten der Pfarrei Pax Christi, die mit ihrer Hilfe das Café erst möglich machen.

Text/Foto: Cariatsverband Diözese Speyer