Was ich erklären kann, nimmt Angst.

Es ist leicht Menschen Angst zu machen. Umso wichtiger ist es in diesen Tagen, den Kopf und den Verstand mit einzubeziehen. Bei allen verständlichen und berechtigten Gefühlen, ist das Wissen um Fakten und Zusammenhänge sowie das Kennen von Lösungsstrategien entscheidend. Informationen schützen und können helfen, die Kontrolle zu behalten und einander bestmöglich beizustehen.

Thomas Stephan, Schul- und Notfallseelsorger

Hinweis: Der nächste Beitrag zum KrisenBlog erscheint Anfang August 2020

KrisenBlog

Psalmen für die Psyche

Avatar of MWSMWS - 07. Mai 2020 - KrisenBlog

William Shakespeare schrieb in seinem weltberühmten Werk Macbeth schon: „Gib Worte deinem Schmerz: Leid, das nicht spricht, presst das beladene Herz, bis dass es bricht.“

Leid will, Leid muss sich Luft verschaffen. Wer seine Seelennot nicht herauslassen kann, droht innerlich kaputt zu gehen. Schmerz, Kummer, Wut und Verzweiflung brauchen ein Ventil. Wem es gelingt, diese Gefühle kanalisiert abzubauen, wird an ihnen nicht zugrunde gehen.

Die Bibel ist ein Erfahrungsbuch, das voll von Eindrücken, Einsichten und Gefühlen gegenüber Gott und den Menschen ist. Das Gedanken- und Glaubensgut von Jahrhunderten fließt in sie mit ein und gibt damit Zeugnis von unzähligen Generationen. Glaube, Liebe, Hoffnung, aber auch alle Schattierungen von Not und Elend sind der Bibel nicht fremd, so gesehen kann sie als Kaleidoskop des Menschen angesehen werden.

Womit sich manche Bibelleser jedoch schwer tun, sind die „dunklen“ Kapitel der Bibel. Passagen, die von Verzweiflung, Verbitterung und Finsternis erzählen, sind nichts für anheimelnde Mußestunden. Dennoch sind sie ein unverzichtbarer Teil der Heiligen Schrift geworden, der glaubwürdig von dem spricht, was zu den Grunderfahrungen des Menschen gehört.

„Ich bin versunken im Schlamm des Abgrunds * und habe keinen Halt mehr. In Wassertiefen bin ich geraten, * die Flut reißt mich fort. Ich bin erschöpft von meinem Rufen, * es brennt meine Kehle. Mir versagen die Augen, * während ich warte auf meinen Gott.“ (Psalm 69, 3-5)

Gerade in der Corona-Zeit gibt es wohl nicht wenige Menschen, die die Worte des Psalmisten auf ihr Leben übertragen könnten. Und besonders in den Psalmen können ungeschminkte Wahrheiten des Lebens gefunden werden, die für die heutige Zeit nur allzu passend erscheinen.

Mein Herz pochte heftig, meine Kraft hat mich verlassen, * das Licht meiner Augen, auch sie sind erloschen. Freunde und Gefährten bleiben mir fern in meinem Unglück * und meine Nachbarn blieben mir fern. (Psalm 38, 11-12)

Dass das, was uns bedrückt und worunter wir leiden, ausgesprochen und manchmal sogar herausgeschrien werden muss, davon waren schon vor vielen Jahrhunderten die Menschen überzeugt. Die Psalmen stehen stellvertretend für die Überzeugung, dass es für das Seelenheil, oder profan formuliert, die Psychohygiene wichtig ist, aus seinem Herz „keine Mördergrube“ zu machen. Die Psalmen zeigen einen heilsamen Weg für die Psyche auf, der religiös gesehen von der Haltung getragen ist, dass wir Menschen Gott alles sagen dürfen was uns bedrückt, ohne Angst haben zu müssen, dass er uns das „krumm nimmt“.

In diesem Sinne möchte ich Ihnen ein Schreibexperiment vorschlagen, dass jeder und jede, ob gläubig oder nicht, einmal für sich ausprobieren kann. Nennen wir es ein „Schreiben ohne Punkt und Komma“, indem alles ungefiltert aufs Papier gebracht werden kann, was Sie beschäftigt und belastet. Das Innere darf quasi unzensiert auf ein Blatt abfließen. Wie lange und wieviel Sie schreiben bleibt Ihnen überlassen. Entscheidend ist nur, dass Sie nicht zu viel Denken bei der Übung. Das, was Sie niederschreiben, ist die persönliche Offenlegung Ihrer inneren Gedankenwelt, die sonst niemanden etwas angeht. Wenn sie fertig mit dem Geschriebenen sind, können Sie sich durchlesen, was da zutage getreten ist. Rechtschreibung und Grammatik sind nebensächlich, entscheidend ist die Kraft, die in Ihren Worten steckt. Um sich von dem Belastenden distanzieren zu können, was vor Ihnen liegt, können Sie dann z. B. das Papier zerreißen, verbrennen oder an einem geeigneten Ort vergraben. Vielleicht ist Ihnen aber auch danach, mit jemanden darüber zu reden. Dann gäbe es z. B. über die Telefon- oder Internetseelsorge die Möglichkeit, Ihre Gedanken und Gefühle in einem geschützten Rahmen einmal zu reflektieren. Hier zur Erinnerung einige verschiedenen Möglichkeiten der Kontaktaufnahme:

 

Schreiben Sie mir, wie es Ihnen mit der Übung ergangen ist und was Ihnen dabei vielleicht aufgefallen ist.

 

Thomas Stephan, Schul- und Notfallseelsorger

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