Was ich erklären kann, nimmt Angst.

Es ist leicht Menschen Angst zu machen. Umso wichtiger ist es in diesen Tagen, den Kopf und den Verstand mit einzubeziehen. Bei allen verständlichen und berechtigten Gefühlen, ist das Wissen um Fakten und Zusammenhänge sowie das Kennen von Lösungsstrategien entscheidend. Informationen schützen und können helfen, die Kontrolle zu behalten und einander bestmöglich beizustehen.

Thomas Stephan, Schul- und Notfallseelsorger

Hinweis: Der nächste Beitrag zum KrisenBlog erscheint Anfang August 2020

KrisenBlog

Nähe ist ein "Grundnahrungsmittel"

Avatar of MWSMWS - 12. Mai 2020 - KrisenBlog

Umarmungen und intensiver Körperkontakt sind nichts für Jungs. Der männliche Nachwuchs soll dadurch nicht verdorben oder verweichlicht werden. So dachte man zumindest noch bis vor etwas mehr als 60 Jahren. Einen entscheidenden Beitrag zur Abschaffung dieser Auffassung machte der Verhaltensforscher Harry Harlow in seinen Experimenten mit Rhesusaffen-Babys, die er ab 1957 durchführte. Forschungsschwerpunkt war hierbei das Aufzeigen der Bedeutsamkeit von sozialen Kontakten und der Mutter-Kind-Beziehung.

Hierzu wurden Affenbabys zwei „Mutter-Attrappen“ zur Auswahl gestellt. Die eine „Ersatzmutter“ war aus Draht und spendete Milch, während bei der anderen stoffbespannten „Ersatzmutter“ keine Milch zu holen war. Auffällig war, dass sich die Rhesusaffen-Babys nur zur Nahrungsaufnahme kurz an der „Draht-Ersatzmutter“ aufhielten und danach gleich zum kuscheln zur „Stoff-Ersatzmutter“ gingen. In weiteren Experimenten zeigte Harlow auf, dass Äffchen, die ohne Spielgefährten heranwuchsen, später oft ängstlicher als ihre Artgenossen waren und dass völlig isoliert aufgezogene Tiere in der Folge Verhaltensstörungen aufwiesen.

Die Übertragung der Forschungsergebnisse auf den Menschen galt damals als echte Neuigkeit für Psychologen und Kinderpsychologen, die seither körperliche Nähe, Zärtlichkeit und Liebe als lebenswichtige Faktoren für die gesunde Entwicklung von Kindern definieren.

Unter diesem Gesichtspunkt muss das aktuelle Gebot des sog. „social distancing“ als bedenklich eingestuft werden. Die vorgeschriebene Distanz kann für Menschen jeglichen Alters, aber besonders für ängstliche, einsame und psychisch vorbelastete, verheerende seelische Folgen haben. Der Wert echter Nähe und realer Begegnungen wurde wahrscheinlich schon lange nicht mehr als so hoch empfunden, wie in den Tagen der Corona-Krise. Sprichwörtlich „ausgehungert“ nach sozialen Kontakten sind viele, die auf einmal gemerkt haben, wie lebenswichtig Nähe für sie ist.

Auf diesem Hintergrund bietet sich ein kleiner „Check-up“ unserer Lebenswelt und Beziehungen an:

  • Wie könnte ich zukünftig besser anderen Wertschätzung und Liebe zeigen, aber auch selbst zulassen?
  • Wessen Nähe will und brauche ich besonders und wann habe ich ihm oder ihr das in letzter Zeit schon einmal gesagt?
  • Wie sieht es mit meiner Fähigkeit aus, zuhören zu können?
  • Wer oder was könnte mir helfen, meine eigenen Bedürfnisse besser zur Sprache zu bringen?
  • Was brauche ich wirklich im Leben und was würde ich gern für die Zukunft aus dieser Zeit mitnehmen?

Als Anregung zum Nachdenken möchte ich das bekannte Gedicht „Desiderata“ (wörtlich übersetzt: „das Ersehnte“ oder „Ersehnte Dinge“) von Max Ehrmann aus dem Jahr 1927 zitieren:

Desiderata

Geh Deinen Weg gelassen
Im Lärm und in der Hektik dieser Zeit
Und behalte im Sinn
Den Frieden,
Der in der Stille wohnt.

Bemühe Dich,
Mit allen Menschen auszukommen,
Soweit es Dir möglich ist,
Ohne Dich selbst aufzugeben.

Sprich das,
Was Du als wahr erkannt hast, gelassen und klar aus,
Und höre anderen Menschen zu,
Auch den Langweiligen und Unwissenden,
Denn auch sie haben etwas zu sagen.

Meide aufdringliche und
aggressive Menschen,
Denn sie sind ein Ärgernis
Für den Geist.

Vergleiche Dich nicht mit anderen,
Damit Du nicht eitel
Oder bitter wirst,
Denn es wird immer
Menschen geben, die größer
Sind als Du, und Menschen
Die geringer sind.

Erfreue Dich an dem,
Was Du schon erreicht hast,
Wie auch an Deinen Plänen.

Bleibe an Deinem
Beruflichen Fortkommen
Interessiert,
Wie bescheiden es auch sein mag;
Es ist ein echter Besitz in den
Wechselfällen der Zeit.

Sei vorsichtig in den
Geschäftlichen Angelegenheiten,
Denn die Welt ist voller Trug.
Lass Dich jedoch dadurch
nicht blind machen
Für Die Tugend, die Dir begegnet.

Viele Menschen haben hohe Ideale,
Und wo Du auch hinsiehst,
ereignet sich im Leben
Heldenhaftes.

Sei Du selbst,
Und, was ganz wichtig ist,
Täusche keine Zuneigung vor.

Hüte Dich davor,
Der Liebe zynisch zu begegnen,
Denn Trotz aller Dürreperioden
Und Enttäuschungen
Ist sie beständig wie das Gras.

Nimm den Rat, den Dir
Die Lebensjahre geben,
Freundlich an,
Und lass mit Würde ab von dem,
Was zur Jugendzeit gehört.

Stärke die Kraft
Deines Geistes,
So dass sie Dich schützt,
Wenn ein Schicksalsschlag
Dich trifft. Doch halte
Deine Phantasie im Zaum,
Damit sie Dich nicht
In Sorge versetzt.

Viele Ängste
Wurzeln in Erschöpfung
Und Einsamkeit.

Übe gesunde Selbstdisziplin,
Doch vor allem
Sei gut zu Dir.

Du bist ein Kind
Des Universums, nicht weniger
Als die Bäume und die Sterne:
Du hast ein Recht,
Da zu sein.

Und ob es Dir nun bewusst
Ist oder nicht:
Ganz sicher entfaltet sich
Das Universum so,
Wie es ihm bestimmt ist.
Lebe daher in Frieden mit Gott,
Wie auch immer Du ihn
Dir vorstellst.

Und worauf Du
Deine Anstrengungen auch richtest,
Was es auch ist, das Du erstrebst,
Im lärmenden Durcheinander des
Lebens seit mit Dir selbst im Reinen.

Trotz allen Trugs,
Aller Mühsal
Und aller zerbrochenen Träume ist
Die Welt doch wunderschön.

Sei Heiter.

Strebe danach,
Glücklich zu sein.

M. Ehrmann (1927)   

 

Schreiben Sie mir, wessen Nähe Ihnen in der Corona-Zeit besonders gut tut und wie Sie zukünftig leben wollen.

 

Thomas Stephan, Schul- und Notfallseelsorger

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