Was ich erklären kann, nimmt Angst.

Es ist leicht Menschen Angst zu machen. Umso wichtiger ist es in diesen Tagen, den Kopf und den Verstand mit einzubeziehen. Bei allen verständlichen und berechtigten Gefühlen, ist das Wissen um Fakten und Zusammenhänge sowie das Kennen von Lösungsstrategien entscheidend. Informationen schützen und können helfen, die Kontrolle zu behalten und einander bestmöglich beizustehen.

Thomas Stephan, Schul- und Notfallseelsorger

 

KrisenBlog

Krieg vs. Basisannahmen

28. Februar 2022 - KrisenBlog

Eigentlich ist heute Rosenmontag, aber nur „eigentlich“. Vor ein paar Tagen hat der Krieg in Europa (wieder) Einzug gehalten. Zu den verheerendsten Krisen, die Menschen weltweit erleben müssen, zählen Kriege. Abertausende Kriegsflüchtlinge sind schon in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen, auf der Flucht vor Gewalt, Vertreibung und Tod. Eine Unzahl an traumatisierten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen versuchen bei uns seither wieder Vertrauen ins Leben zu fassen.

Was zu ihrer Traumatisierung beigetragen hat, ist die massive Erschütterung „lebenstragender Basisannahmen über sich und die Welt“. Hierzu zählt die Auffassung, dass die Welt verstehbar ist. Doch wie das Beispiel des Ukraine-Russland-Konflikts zeigt, entzieht sich kaltblütiges politisches, strategisches und militärisches Handeln dem menschlich-mitfühlenden Verstehen. Krieg kann daher dazu führen, den Glauben an eine verstehbare Welt zu verlieren.

Die Annahme, Menschen trauen zu können, ist eine weitere Basisannahme menschlichen Lebens, die durch das Erleben von Gewalt erschüttert wird. Wie soll ich Vertrauen ins Leben behalten, wenn ich Menschen nicht (mehr) vertrauen kann? Wie soll ich mich noch irgendwo und irgendwie sicher fühlen, wenn ich doch jederzeit mit der Niedertracht und Brutalität anderer rechnen muss?

Ein dritter Punkt ist die Überzeugung, das Selbst ist wertvoll. Was ist aber, wenn durch den gnadenlosen, unmenschlichen kriegerischen Umgang das „Selbst“ mit Füßen getreten wird? Nichts ist mehr heilig, nichts und niemand besitzt noch einen Wert. Alles ist der Willkür und dem Kalkül anderer schutzlos ausgeliefert.

Schließlich wird der Glaube an die eigene Unverwundbarkeit zunichte gemacht. Ich bin verletzlich und ich bin sterblich. Ich erfahre Schmerz und Todesangst, ich erfahre aber auch die Verletzlichkeit und Sterblichkeit meiner Lieben und anderer Menschen. Die letzte Grenze ist überschritten worden, die Grenze der Unversehrtheit.

Wir Menschen brauchen lebenstragende Basisannahmen. Ohne diese Annahmen - und noch mehr die lebenstragenden Realitäten - ist dauerhaft kein menschliches Leben möglich. Auch die Traumatisierten dieses neuen Krieges werden irgendwann einen langen Kampf wieder zurück ins Leben zu führen haben, lange nachdem der letzte Schuss gefallen ist.   

 

Thomas Stephan, Schul- und Notfallseelsorger

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